# taz.de -- Wie bei Mutti
> Kittelschürzen sind zuverlässige Nostalgietrigger – und sie sorgen auch
> für ein schlechtes Gewissen, weil der Kopf ja weiß, dass früher eben
> nicht alles besser war
(IMG) Bild: BU Foto: xy
Von Jan-Paul Koopmann
Vom uniformen Schnitt der Kittelschürze darf man sich nicht täuschen
lassen. Denn obwohl die häusliche Selbstinszenierung mit Schürze unter
Corona tatsächlich ein kleines Massenphänomen wurde, zielt die heutige
Rückkehr des Funktionskleids von gestern nicht auf die endlosen
Heerscharen bunt gewandeter Care-Arbeiterinnen von einst. Sie ist – im
Gegenteil – eine radikal subjektive Angelegenheit. Zum Beispiel kann ein
und dasselbe Foto einer Hausfrau in Kittelschürze nach Rhabarber,
Schweinebraten oder Schokoladenkuchen riechen – je nachdem, wo die
Betrachter:in herkommt und womit sie ihr Unbewusstes in Kindertagen
ausstaffiert hat. Es gibt diese Bilder auch mit Noten von Bohnerwachs und
Achselschweiß.
Um Nostalgie geht es also, und dafür ist die Klamotte deshalb so ein
dankbarer Trigger, weil sie erstens früher allgegenwärtig war, aber
zweitens heute nahezu verschwunden ist. Außerdem verbindet man sie als halb
private Haute Couture natürlich vor allem mit Mama und/oder mit der lieben
Omi: ein ganz heißes Eisen, wie Psychoanalytiker:innen so sagen.
Eher müßig hingegen ist die Frage, ob der Retrotrend nun gut oder schlecht
sei. Es stimmt freilich, dass rechte Memes neben weiß bevölkerten
Innenstädten und friedlichen Badeanstalten vor allem die fürsorgliche Mutti
bemühen, um vermeintlich gute alte Zeiten zu beschwören. Eine
(algorithmisch vorgeprägte) Kurzrecherche zeigt die Schürze auf einem
stabilen dritten Platz im weinerlichen „Wer das noch kennt“-Genre auf
Facebook – direkt nach Audiokassette und Gameboy.
Auch der seit gut zehn Jahren [1][ungebrochene Tradwifetrend] spielt mit
ähnlichen Motiven, wobei hier im Zweifelsfall noch einmal
auszudifferenzieren wäre, wo genau die sexy Baumwollhooverette aufhört und
der abwischbare Kunststoffküchenkörperpanzer anfängt.
Was wie ein Spezialproblem von Fetischist:innen klingt, berührt
wiederum die eigentlich interessante Frage: Woher kommt diese emotionale
Sehnsucht nach Verhältnissen, die der Kopf völlig zu Recht als überholt
verachtet?
Die unbefriedigende Antwort ist, dass es keine gibt. Sondern viele. Die
vielleicht sympathischste ist eine Umdeutung von Stardesignerin Miuccia
Prada (also von Mode-Prada-Prada), die ihre Schürzen auf dem Pariser
Laufsteg vergangenen Herbst als auch anklagendes Denkmal für die unsichtbar
arbeitende Hausfrau verstanden wissen wollte. Aber Miuccia Prada ist ja nun
nicht nur ausschließlich Politikwissenschaftlerin, sondern
ausgewiesenermaßen auch Frauenrechtlerin. Sie war sogar mal in der
Kommunistischen Partei, und ihre Sicht der Dinge lässt sich wohl nur in
engen Grenzen auf den gesamten Modezirkus übertragen.
Ebenfalls von links könnte man auch sagen, dass die neoliberal zugerichtete
Lohnarbeitswelt es einem auch wirklich leicht macht, sich ins Private unter
die Schürze zu wünschen. Und dass das ja eigentlich auch wirklich nicht
zwingend dasselbe sein müsste wie Hass auf Migrant:innen und
gendermäßige Gleichberechtigung.
Und das führt am Ende dann doch noch dazu, dass die durchaus auch
nostalgische Auseinandersetzung mit Schürzen in Blümchen- oder Karomuster
eben auch relevante Fragen nach dem Heute aufwerfen kann und sich daher
lohnt. Wenn man nur beides zulässt: sowohl den wohligen Schauer als auch
den inneren Widerstand dagegen.
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31 Jan 2026
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