# taz.de -- Lesung zum Biotop Fitnessstudio: Kraftsport am Wannsee
> Im Literarischen Colloquium Berlin standen einen Abend lang Muskeln im
> Mittelpunkt. Dabei blieb man beim eigenen Ich – und an der Oberfläche.
(IMG) Bild: Den Körper und die Sprache formen – fitnessbegeisterte Frau
Selten hat man das Literarische Colloquium Berlin (LCB) so erlebt wie an
diesem Abend. Fitnessutensilien verteilen sich in den knarzenden Räumen, im
Treppenhaus wird ein großes Video projiziert, anonyme Körper trainieren
darin selbstvergessen. Im großen Saal riecht es angenehm nach einer
Duftmischung, man könnte sich auf eine der zahlreichen Yogamatten legen,
kleben würde gewiss nichts.
Woanders hat man eine Armdrückbank aufgestellt, die mit schwarzem,
genietetem Leder und dunklem Holz direkt Kafkas Strafkolonie entsprungen
scheint. Besucher*innen lassen sich hier auf ironisch gebrochene
Kraftspielchen ein. Das Publikum ist merklich jünger als sonst, der Abend
hat Eventcharakter, was wohl auch mit Form und Inhalt zu tun hat.
Wäre das LCB ein Fitnessstudio, dann wäre es gewiss eines, an dem am
Einlass kostenlos Obst gereicht wird, einen die Musik sanft zu neuen
Wiederholungen antreibt, ohne nach Galeerentrommeln zu klingen und die
Klientel auf beruhigende Weise der eigenen sozialen Sphäre entspricht, in
der man sich im selben Soziolekt verständigen kann, ohne aufzufliegen.
In Wirklichkeit spielt Sport in der imposanten Gründerzeitvilla am Wannsee
selten eine Rolle, macht Kuratorin Maria Liebl deutlich. Wer hier ein
Stipendium erhält, arbeitet kaum an Bizeps und Latissimus, sondern
vielleicht an einem Text, der das eigene Leben stärker zu verändern vermag
als endlose Wiederholungen der immer gleichen Körperroutinen.
„Kraftsport. Ein Casino der guten Vorsätze“, so der Titel des Abends, zu
dem sich Autor-innen und Filmemacher-innen wie [1][Verena Keßler], Kay
Matter oder Tim Holland einfanden, die sich jüngst dem vermeintlich
unliterarischen Sujet der körperlichen Ertüchtigung gewidmet haben. Gemäß
der mehrfach an diesem Abend zitierten [2][amerikanischen Autorin Kathy
Acker], formt das Soziotop Fitnessstudio nämlich keinen Raum der Sprache,
sondern einen Raum der Körper. Es ist ein Ort der Dinge, der
(Menschen)-maschinen, der solipsistischen Funktion.
## Teil der transsexuellen Transformation
Das gewählte Casinoformat des Abends erweist sich dabei als eher
anstrengend und wenig aktivierend. Auf mehrere Bühnen verteilt, haben die
Lesenden nur 20 Minuten Zeit, um Auszüge aus ihren muskelbepackten Texten
vorzulesen und darüber zu diskutieren. Am Ende gibt es eine Tombola mit
Buchpreisen und Fitnessdevotionalien.
[3][Kay Matter] und Cécil Röski haben in ihrem Panel den vielleicht
interessantesten Austausch, widmen sich in ihren Texten vor allem der
Transformation des eigenen Körpers als Teil der transsexuellen Erfahrung
und beschäftigen sich dadurch automatisch mit dem „Gym“ als Ort
gesellschaftlicher Widersprüche. Doch auf anderen Bühnen im Haus geht es
eher um das Fitnessstudio als Ort des Ich-Werdens, des An-sich-Scheiterns,
als sinnstiftende Trotzbastion, dann wieder als offenes, alle Unterschiede
nivellierendes Soziotop.
Dass man selbst bei den Billigketten inzwischen 30 Euro und mehr bezahlt,
um schweißrostige Geräte benutzen zu können, scheint kaum einen der
Autor*innen zu stören. Zwar wird die Widersprüchlichkeit eines „Gyms“
vielfach erwähnt, benannt werden diese Widersprüche allerdings kaum und
welche Widersprüche kapitalistischer Gesellschaften sich hier vielleicht
sogar noch zuspitzen, wird gleich ins Private und Persönliche verschoben,
wie bei Tim Holland oder Res Sigusch.
Dass es auch eine Klassenfrage ist, ob man dem Stemmen von Gewichten, der
Einhaltung eines eiweißreichen Ernährungsplans einen nicht unerheblichen
Teil der Lebenszeit widmen kann, dass man überhaupt von „guten“ und
„schlechten“ Studios sprechen kann und damit eher die Klientel als die
Ausstattung meint, bleibt an diesem Abend leider auf der Strecke. Und so
hat man das Gefühl, eine engere thematische Eingrenzung und weniger
Auseinandersetzung mit Oberflächen hätte dem Anspruch, einem in der
Gegenwart wenig erzählten Ort literarisch auf die Schliche zu kommen, sehr
gutgetan.
18 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Yannic Walter
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