# taz.de -- Das Scheitern der Demokratien: Kill, Baby, kill
       
       > In der Zivilisationsgeschichte waren Rechtlosigkeit, Unterdrückung,
       > Krieg, Mord und Totschlag die Regel. Katapultieren uns Trump, Putin und
       > Co. dorthin zurück? Was ist die Alternative?
       
 (IMG) Bild: Gelingt es unter autokratischer Bedrohung, das Erbe der Französischen Revolution zu retten?
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Ohne erst mal Atem zu holen, hat das neue Jahr seine
       politische Agenda aufgerufen: Einen neuen Isolationismus der [2][USA], der
       sie aus den meisten supranationalen Organisationen aussteigen lässt.
       
       Den Wiedereinstieg in einen amerikanischen Imperialismus mit [3][Maduros]
       Entführung, der schnell die Eroberung Grönlands folgen könnte, das Ende der
       regelbasierten internationalen Weltordnung und der Verbindlichkeit des
       [4][Völkerrechts]. Die Kumpanei von [5][Trump], [6][Putin] und [7][Xi] bei
       der Aufteilung der Welt in drei kontrollierte Herrschaftszonen.
       
       Daneben steht [8][Europa], das mit einem selbstverschuldeten Abstieg zu
       einer rückgratlosen Randzone im Welttheater zu werden droht. Die
       [9][Ukraine] gerät wegen falscher Versprechungen und nicht ausreichender
       militärischer Unterstützung der Europäer an den Rand ihrer Existenz.
       
       In seinem Inneren ist Europa mit den Machtansprüchen erfolgreicher
       rechtspopulistischer Parteien konfrontiert. Eine gemeinsame europäische
       Politik gibt es nicht, sich der angekündigten Demontage demokratischer
       Rechtsordnungen zu widersetzen. Die Hoffnungen, [10][die Klimakrise] mit
       dem Ende der Nutzung fossiler Energien durch eine Transformation von
       Wirtschaft und Gesellschaft auf der Basis regenerativer Energien, digitaler
       Tools und [11][KI] aufzuhalten, haben sich vorerst zerschlagen.
       
       Das „Drill, baby, drill“-Motto Trumps sorgt für eine Verschärfung der
       Klimakrise. Der unkontrollierte Einfluss der Tech-Giganten und ihr
       illiberaler Machtanspruch weiten sich ungebremst aus.
       
       Auf das alltägliche Wohlleben der meisten Bürger in allen westlichen
       Demokratien wirkt sich die dramatisch veränderte Großlage bisher kaum aus.
       Ein „Weiter so wie immer“ bestimmt die Erwartungen an die Politik; auch
       wenn das unabwendbare Ende der fossilen Industrien sichtbar wird, etwa mit
       Entlassungen in [12][den Autoindustrien und ihren Zulieferern], auch wenn
       klar wird, dass westliche Technologien mit den asiatischen Tigern und deren
       digitalen und KI-basierten Zukunftsprodukten nicht mithalten können, auch
       wenn die historischen Kompromisse von Kapital und Arbeit, festgezurrt im
       [13][Sozialstaat] westlicher Prägung, in ihrer gegenwärtigen Gestalt nur
       schwer weiter aufrecht zu erhalten sind.
       
       Es geht uns doch gut, was soll uns schon passieren, wir sind doch noch
       immer gut davongekommen, warum soll das diesmal anders sein? Und wenn es
       trotzdem schwierig wird, bleibt immer noch der autoritäre Ausweg jenseits
       des demokratischen Herumrumpelns. Die Politiker dafür stehen schon bereit,
       von [14][Le Pen] bis [15][Weidel].
       
       ## Politik des Weiter-so-wie-immer
       
       Die Lage ist so, dass es vor dem Hintergrund dieser weltgeschichtlichen
       Zäsur keine politischen Formationen gibt, die sich den Herausforderungen
       mit einem mutigen Gestaltungsanspruch für eine glückliche Zukunft stellen
       würden. Stattdessen bestimmen Machtgehampel und Schönreden der
       Schwierigkeiten die Szenarien. Der Wettbewerb dreht sich darum, wer am
       ehesten dafür sorgt, dass alles so bleibt wie es immer war. Auf der anderen
       Seite werden apokalyptische Angst-Szenarien beschworen.
       
       Der eine Ansatz weist, durchaus nachvollziehbar, auf die Risse und Brüche
       im Machttheater regierender Populisten hin. So setzt man in den USA darauf,
       dass die Wähler bei den kommenden Wahlen Trump und seinen skrupellosen
       Helfern die Machtbasis entziehen werden, weil die negativen Folgen der
       Trump-Politik für den Alltag zu einem Umdenken führen werde.
       
       Soziale Unsicherheit und Angst vor Abstieg werden, so die Annahme, die
       autokratische Trump-Politik wieder einhegen. Alles werde dann im
       demokratischen Suchen von Konsensen weiter gehen, wie bisher gewohnt.
       
       Am Ende wird dann alles immer nur besser werden, was auch immer auf dem Weg
       dahin geschehen wird, weil Vernunft und Demokratie am Ende doch noch immer
       die bessere Alternative gewesen sind.
       
       ## Apokalyptische Visionen
       
       Der andere Ansatz pflegt den schwarzen Blick auf die Welt der Mächtigen,
       ihre Skrupellosigkeit und Menschenverachtung. Seine Vertreter wissen, dass
       die gegenwärtigen Machtstrukturen kein anderes Ende nehmen können, als den
       Untergang der Zivilisation.
       
       Aus ihrer Sicht ist jede Katastrophe, jede Krise, jeder neue Krieg die
       Folge des gedankenlosen, unmoralischen und rücksichtslos zerstörerischen
       [16][Kapitalismus]. Der [17][Sozialismus] galt so lange als Alternative,
       wie sein autoritärer Ansatz, den Menschen zu seinem Besten zum
       Kollektivismus zwingen zu müssen, als das kleinere Übel weggeredet werden
       konnte. Das funktioniert heute nicht mehr, Sozialismus als Alternative zum
       Kapitalismus ist eine Erzählung geworden, die heute kaum noch wer hören
       mag.
       
       Beide Argumentationen sind jedenfalls ahistorisch und wirklichkeitsfremd.
       Es gibt keinen Mechanismus, der quasi automatisch dafür sorgt, dass über
       alle verbrecherischen Umwege hinweg, aufgeklärte Vernunft und Demokratie,
       Menschliebe und Frieden bestimmend sein werden, in was für einer
       Gesellschaftsform auch immer.
       
       ## Die brutale Geschichte
       
       Die Zivilisationsgeschichte ist mehrere Jahrtausende alt und bisher waren –
       bis auf wenige Momente – Krieg und die mit Rechtlosigkeit, Unterdrückung,
       Mord und Totschlag gesicherten autoritären Herrschaftsverhältnisse
       dominierend. Die in Europa auf den Barrikaden von 1789 erkämpften
       Freiheiten sind Ausnahmen geblieben.
       
       Dass wir Deutschen, paradoxerweise unter dem Patronat der USA, zu
       Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gefunden haben, ist keine Garantie für
       deren ewige Geltung, auch nicht bei uns. Weltweit stehen finstere Zeiten
       ins Haus. Wenn wir uns die Möglichkeit eines Scheiterns der Demokratien
       nicht eingestehen, werden unsere Freiheit und unser Wohlleben schneller
       verschwinden, als wir uns das heute vorstellen wollen.
       
       Wir müssen uns cool klarmachen, was uns morgen geschehen kann. Und wir
       sollten schon heute darüber nachdenken, wie wir dann diese finsteren Zeiten
       wenigstens überleben können, weil wir die Feinde der Demokratie heute nicht
       mit allen Mitteln bekämpfen wollen.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem
       Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ ist [18][erhältlich im taz
       Shop].
       
       13 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Udo Knapp
       
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