# taz.de -- Hilfe bei Internetsucht: „Wir werden der Nachfrage nicht Herr“
       
       > Exzessiver Medienkonsum und Internetsucht ist für viele
       > Berliner:innen ein Problem. Hilfe bietet das Zentrum für
       > Verhaltenssucht der Caritas.
       
 (IMG) Bild: Experten hoffen auch in Deutschland auf ein Handyverbot für Jugendliche
       
       Knapp vier Stunden am Tag verbringt ein Jugendlicher zwischen 12 und 19
       Jahren im Schnitt am Smartphone – Tendenz steigend. So steht es in der
       [1][„JIM Studie 2025“], die Abkürzung steht für „Jugend, Information,
       Medien“, Auftraggeber ist der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest.
       Vier Stunden am Tag am Handy! Das ist auch deshalb alarmierend, weil zu
       diesem hohen Durchschnitt Kids beitragen, die noch sehr viel länger am
       Handy hängen. „Viele geben acht bis neun Stunden für digitale Medien aus“,
       sagt Justus Möllenberg. „Ihre Freizeit reicht dafür nicht aus, sie müssen
       dafür auf Schlaf verzichten.“
       
       Möllenberg arbeitet für das Präventionsprojekt „Digital – voll normal“ der
       Berliner Caritas, an Schulen klärt er über Mediensucht auf. Gemeinsam mit
       Kollege Dimitrij Müller ist er außerdem für die Schulung von Fachkräften
       der Kinder- und Jugendarbeit zuständig. „Das Erschreckende ist, dass so gut
       wie keiner jemals ein Seminar oder eine Vorlesung zu diesem Thema besucht
       hat“, erzählt Möllenberg. Für ihn ein Zeichen, dass das enorme Ausmaß des
       Problems in der Gesellschaft noch gar nicht angekommen ist, das merke er
       auch an Schulen: „Vielen Eltern ist gar nicht klar, dass das Design von
       Anwendungen abhängig machen kann.“
       
       Wie Glücksspiel- und Kaufsucht gehört Mediensucht zu den sogenannten
       Verhaltenssüchten. „Dabei wird das Suchtmittel zur Regulation von Emotionen
       genutzt“, erklärt Dimitrij Müller. „Statt meine Emotionen wahrzunehmen und
       mit ihnen umzugehen, drücke ich sie weg und dröhne mich mit Dopamin zu.“
       Dopamin ist ein Botenstoff, der das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert
       und so Glücksgefühle freisetzt.
       
       Und genau darauf haben es die Techkonzerne abgesehen. Mit personalisierten
       Einstellungen in Games, Social Media Apps und anderen digitalen Produkten
       soll für eine konstante und hohe Ausschüttung von Dopamin gesorgt werden,
       damit Nutzer:innen möglichst lange am Bildschirm bleiben und so für
       höhere Werbeeinnahmen und verwertbare Datenmengen sorgen. Dimitrij Müller:
       „Die Anbieter werden in diesen Strategien immer aggressiver.“
       
       ## „Mit Computern völlig alleingelassen“
       
       Müller weiß, wovon er spricht, seit 10 Jahren begleitet er als
       Sozialarbeiter in der Caritas-Suchtberatungsstelle Lost in Space
       diejenigen, die vom Schirm nicht mehr wegkommen. Angeboten werden
       Gesprächsgruppen für Erwachsene ab 18 Jahren, meist sind die Hilfesuchenden
       jedoch älter. „Im Durchschnitt traten die ersten Anzeichen einer
       Suchterkrankung schon 10 Jahre vorher auf“, weiß Müller aus einer internen
       Klient:innenbefragung. „Die meisten sagen, ich hatte nicht die Eltern, die
       mit mir über meine Emotionen geredet und mir alternative Aktivitäten
       aufgezeigt haben“, sagt Müller. „Die sind mit den Computern völlig
       alleingelassen worden.“
       
       Meist führe ein krasser Tiefpunkt im Leben in die Beratung, berichtet
       Müller. „Wenn Leute ihre Ausbildung nicht schaffen oder an ihrem
       dreißigsten Geburtstag noch zu Hause wohnen.“ Auch komme es wegen des
       Medienkonsums zu Schulden, Job- und Wohnungsverlust. Beziehungsprobleme und
       Einsamkeit gingen so gut wie immer damit einher. „Zu uns kommen viele
       Menschen, die sich zehn Jahre oder länger isoliert haben.“
       
       Oft stellten sich Klient:innen wegen Gaming- oder Mediensucht vor, im
       Gespräch werde aber deutlich, dass auch andere Medienthemen wie Pornografie
       eine Rolle spielten, sagt Möllenberg. Eine direkte „Einstiegslogik“ gebe es
       dabei zwar nicht, so der studierte Sexologe, der digitale Erprobungsraum
       führe in der Regel nicht zu einer Pornografienutzungsstörung.
       
       Problematisch seien jedoch soziale Medien wie Snapchat, die über
       Belohnungsmechanismen auf das Verhalten der Jugendlichen wirkten. Auf
       Snapchat gibt es eine Flamme, die auflodert, je nachdem wie viele Kontakte
       und Likes man einfährt, und die erlöscht, wenn man nicht aktiv genug ist.
       Das Posting von Nacktfotos und Selfies in sexualisierten Posen ist hier
       gang und gäbe. „Das kann zu einer ungünstigen Verquickung von
       Selbstdarstellung, sozialer Anerkennung und Sexualität führen“, so
       Möllenberg.
       
       ## Ein entsprechendes Pflichtfach gibt es nicht
       
       Wie aber den Superkräften des Internets entgegenwirken? Medienbildung ist
       das Zauberwort. Ein entsprechendes Pflichtfach gibt es an deutschen Schulen
       nicht, und die im Lehrplan vorgesehene fächerübergreifende Behandlung von
       Medienthemen reicht nicht aus. Eltern müssen hier viel kompensieren. Bei
       vielen Eltern paare sich jedoch mangelndes Wissen über die Mechanismen der
       Anwendungen mit mangelndem Interesse an den Inhalten, so die Experten.
       
       Darüber einen regelmäßigen Austausch mit dem Kind zu führen, halten sie für
       essenziell, schließlich könnten Eltern erst dann erkennen, an welcher
       Stelle sie wie eingreifen müssen. „Medienregeln handelt man am besten mit
       dem Kind gemeinsam aus“, empfiehlt Dimitrij Müller. Technische Mittel wie
       Auszeiten, App-Blockaden und App-Limits seien hilfreich, er arbeite auch in
       der Suchtberatung viel damit. „Ohne ständige Begleitung und Kontrolle nützt
       das aber alles nichts.“
       
       Medienerziehung kostet also sehr viel Zeit, Energie und auch Nerven – die
       viele Eltern nicht haben. Häufig gelinge es nicht, verbindliche Regeln
       auszuhandeln und Konsequenzen durchzusetzen, erzählen die Experten, zudem
       führe das Blockieren oder Wegsperren des Handys oft zu heftigen und sogar
       gewalttätigen Auseinandersetzungen – auch in der Familienberatung der
       Caritas ist Medienkonsum ein Dauerthema. Generell sei die Familienberatung
       bei Kindern und Jugendlichen die richtige Anlaufstelle.
       
       „Was Eltern oft nicht verstehen, ist, dass das Problem bei Kindern und
       Jugendlichen nicht eine Suchterkrankung ist, die tritt meist erst später
       auf. Der hohe Medienkonsum ist meist nur ein Symptom für ein ganz anderes
       Problem, das man sich genau anschauen und angehen muss“, so Möllenberg.
       
       ## Reich an Problemen, arm an Ressourcen
       
       Es wundert also wenig, dass exzessiver Medienkonsum besonders häufig in
       Familien vorkommt, die reich an Problemen, aber arm an Ressourcen sind. „In
       Gegenden, die von sozialen Problemen geprägt sind, erleben wir oft
       Elternabende vor leeren Aulen, obwohl man hier Hunderte Eltern vor sich
       sitzen haben müsste“, erzählt Justus Möllenberg. „Gleichzeitig haben wir
       dann in Charlottenburg 300 engagierte Eltern vor uns sitzen, die das
       Humankapital haben, sich diesem Problem zuzuwenden.“
       
       Wenn Medienerziehung aber von der sozialen Lage der Eltern abhängt, dann
       führt das in der Folge zu größerer Bildungsungerechtigkeit. Art und Umfang
       des Medienkonsums bestimmten die Entwicklung von Kindern beträchtlich, so
       die Experten. Der Lernerfolg werde davon ebenso beeinträchtigt wie das
       Erlernen sozialer Kompetenzen und die Fähigkeit, mit Niederlagen und
       persönlichen Krisen umzugehen.
       
       Auch jenseits des Schulalltags kämen viele Jugendliche gar nicht mehr auf
       die Idee, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, berichtet Möllenberg.
       „Medienkonsum macht passiv. Man ist in einer ständigen Erwartungshaltung
       gegenüber der Schule, den Eltern, der Gesellschaft.“ Frust sei das
       Ergebnis, beobachtet Dimitrij Müller in der Beratung, „man hat das Gefühl,
       nicht teilhaben, nichts bewirken zu können.“ Den beiden Experten zufolge
       ist das nicht nur schädlich für den Einzelnen, sondern auch für die
       Gesellschaft und Demokratie. Möllenberg: „Da wird abgewartet, dass etwas
       passiert, anstatt selbst der Wandel zu sein.“
       
       Angesichts solcher Befunde ist zu hoffen, dass sich die Berliner
       Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) in dieser Sache zukünftig
       stärker engagiert. Einem pauschalen Smartphoneverbot an Schulen steht sie
       bisher ablehnend gegenüber, die Regulierung der Handynutzung wird den
       Schulen also ebenso aufgebürdet wie die Frage, wie man Medienthemen in den
       ohnehin straffen Lehrplan integriert – oder anderweitig abdeckt. Zwar sind
       die Präventionsangebote der Caritas für die Schulen kostenlos, viele andere
       Angebote der Medienbildung müssen die Schulen jedoch aus ihren Budgets
       bezahlen – und die wurden im letzten Jahr massiv gekürzt.
       
       ## Berlinweit die einzige Anlaufstelle für Mediensüchtige
       
       Immerhin engagiert sich der Berliner Senat bei einem anderen Projekt, das
       gefährdete junge Erwachsene früher erreichen soll. „Wir haben den Auftrag
       bekommen, suchtgefährdete Menschen früher zu erreichen“, sagt Dimitrij
       Müller. „Mit einer Kollegin bringe ich das Thema an Unis und
       Ausbildungszentren.“
       
       Auch Lost in Space wird öffentlich gefördert, allerdings ist die Caritas
       berlinweit die einzige Anlaufstelle für Mediensüchtige. Zwar gibt es die
       kurzfristige Möglichkeit einer Akutsprechstunde, auf einen Platz in einer
       Gesprächsgruppe müssen Hilfesuchende jedoch 2 bis 3 Wochen warten, bei
       Pornografiesucht sind es 1 bis 2 Monate. Maximal 15 Menschen könnten an der
       ersten, der sogenannten Motivationsgruppe teilnehmen, 125 Menschen seien im
       letzten Quartal auf der Warteliste gewesen, so Müller: „Wir werden der
       Nachfrage nicht Herr.“
       
       Darüber hinaus wünschen sich die beiden Experten von der Politik vor allem
       eines: eine europäische Gesetzgebung, die den Techkonzernen Schranken
       aufweist. Auch ein Gesetz nach australischem Vorbild, das bestimmte
       Social-Media-Angebote erst ab einem gewissen Alter erlaubt, halten sie für
       sinnvoll.
       
       Ob sich die Politik in Brüssel und Berlin gegen die Techindustrie
       durchsetzt, ist fraglich. Auf die Frage, ob er sich manchmal wie David
       fühle, der gegen Goliath ankämpfe, antwortet Dimitrij Müller mit einem
       Seufzen. Den Beruf wechseln will er aber nicht. „Wenn ich sehe, dass die
       Leute hier herkommen und etwas ändern wollen, und wir das gemeinsam
       schaffen, dann gibt es manchmal auch so was wie ein Happy End.“
       
       12 Feb 2026
       
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 (DIR) [1] https://www.gim-sozialforschung.com/de/publikationen/jim-studie-2025.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karlotta Ehrenberg
       
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