# taz.de -- Eine Farbe und ihre Bedeutung: Rot, rot, rot sind alle meine Kleider
       
       > In alarmierenden Zeiten wird auch die Mode laut. Statt bravem Bordeaux
       > trägt man jetzt Tomatenrot. Aber wofür steht es? Und tut uns das gut?
       
 (IMG) Bild: Auf der Fashion Week in Paris sieht auch die Modemarke Hermès für Frühjahr und Sommer Rot
       
       Rot, die Farbe der Gewalt, des Krieges und der Macht. Wenn es eine
       Gegenwartsexpertin gibt, dann ist es diese, übrigens auch in modischer
       Hinsicht ausgesprochen aktuelle Farbe. Mir ist sie unheimlich; ich fürchte
       mich vor ihr, sehne mich aber manchmal nach ihrer Wärme, ihrem Mut. Kurz
       vor Weihnachten hätte ich mir deshalb fast eine rote Handtasche gekauft.
       „Überfordere dich nicht“, sagte ich mir rechtzeitig. „Du hast es im Laufe
       deines Lebens mit ein paar roten Pullovern versucht, zu mehr reicht es eben
       nicht.“
       
       Rot, die Farbe der Liebe, der Schönheit, der Revolution, der Märtyrer und
       des Teufels. Sie ist die älteste von Menschen genutzte Farbe, soll Kinder
       gegen böse Geister schützen, ist eine Warnung vor Gefahr. Nach Michel
       Pastoureau, einem bedeutenden Experten für die Symbolik westlicher
       Gesellschaften, ist Rot die ambivalenteste der Farben. Keine andere ist
       extremer oder annähernd so auf Konfrontation versessen. Keine andere kann
       heftiger hassen und lieben. Feuer und Blut, nach Pastoureau sind es diese
       beiden, bei denen die Assoziationsketten von Rot zuletzt immer landen.
       
       Ja, diese Ambivalenz ist unheimlich. Und ein Geheimnis bleibt um jede
       Farbe. Unser Empfinden von Farben ist weniger privat, als wir glauben. Wir
       sehen die Farben mit alten Augen. Kulturelle Prägungen, ganze Epochen
       bringen wir mit. Und für Rot trifft das vielleicht am meisten zu.
       
       In den Modemagazinen findet sich von diesen Altersdingen natürlich kein
       Wort. Hier wird mit naiv-gespielter Begeisterung und liebenswerter
       Vergesslichkeit jede Farbe beklatscht, als wäre sie gerade frisch von der
       Palette getropft. Wow, welch ein Red-Carpet-Moment!
       
       Kein Wegducken, kein Ausweichen – [1][die verführerische Taktlosigkeit
       eines roten Kleides muss man sich allerdings zutrauen.] Angeblich haben wir
       dazu in diesem Jahr alle die Chance. Einmal Rot, komplett, bitte, und zwar
       in ansprechender Signalstärke und nicht in diesem sämigen, zu bürgerlicher
       Langeweile jederzeit bereiten Burgunderrot, das den Trend der vergangenen
       zwei Jahre bestimmt hat.
       
       Die Vogue lehnte sich dabei am weitesten aus dem Fenster und kündigte für
       den Frühling eine Art „Total Look“ an. Eine Kombination aus tomatenrotem
       Bustier und Lederhose soll uns inspirieren, und zwar „direkt vom Laufsteg“
       aus. Ein Bikini in Begleitung einer Strickjacke, ein eleganter Body für den
       sexy No-Pants-Auftritt. Hauptsächlich aber könnten wir jede Menge lange,
       fließende Roben tragen, insofern wir es wollen.
       
       Das rote Yves-Saint-Laurent-Kleid fällt mir ein, das Ingrid Bergman 1978 in
       „Herbstsonate“ trug, der härtesten Mutter-Tochter-Abrechnung ever. Bleiben
       wir doch einen Moment und sehen uns die Szene dieses Kleides an. Die
       berühmte, noch im Alter gefragte Pianistin Charlotte (Bergman) besucht ihre
       Tochter Eva (Liv Ullmann) nach vielen Jahren zum ersten Mal. Für das
       Abendessen im ländlich abgelegenen Pfarrhaus zieht sie sich um, und wählt,
       wie sie sich selbst zugesteht, ihr zinnoberrotes Couture-Kleid, „um Eva zu
       ärgern“. Nach dem Essen ermutigt die elegante Mutter ihre Tochter, ihr doch
       endlich Chopins Prélude Nr. 2 in a-Moll vorzuspielen, an dem Eva schon
       lange übt. Charlotte hört zu, lobt, wischt sich ein paar Diventränen der
       Rührung weg und spielt das Stück schließlich selbst. Der Versuch der
       Tochter ist mit der ersten Note vernichtet. Eva sitzt stumm daneben, ihr
       Blick sagt es: Niemals, wirklich niemals werde ich der Mutter genügen. Es
       ist der Auftakt zu einem vernichtenden nächtlichen Showdown in rotem
       Hausmantel (Charlotte) und hellblauem Pyjama (Eva).
       
       Nein, Rot ist weder lustig noch ironisch, sondern der Ernstfall. Es ist
       okay, sich davor zu fürchten und zu hoffen, in den gedämpften, ins Violett
       changierenden Burgundertönen ein wenig Ruhe zu finden. Leugnen bis zuletzt.
       Jetzt aber übernimmt Tomatenrot, ein Rot, das nicht nur Feuer, sondern auch
       ein paar Gramm Erde mitbringt. Es klingt fast kulinarisch.
       
       Doch das Unbehagen an Rot, die aufsteigende Panik angesichts der Energien
       seines aktivsten Symbolfelds bleibt auch im Garten der Mode spürbar.
       Vermutlich deshalb hat Asos, der größte britische Online-Versandhandel für
       Mode und Kosmetik, für 2026 von einem Komplett-Look abgeraten. Anstatt sich
       von oben bis unten rot zu kleiden, wäre es besser, nur ein einzelnes rotes
       Kleidungsstück oder Accessoire zu wählen, ein rotes Detail, und es mit
       vernunftbegabteren Stücken auszubalancieren.
       
       Rot, die territorialste Farbe. Die Mutter aller Farben. Die Tochter der
       Aggression. Diese Zuschreibungen finden sich im Buch „Chroma“, einer
       poetischen Farbmeditation des 1994 an Aids gestorbenen Filmemachers und
       Designers Derek Jarman. Auch Macht- und Herrschaftsansprüche tragen also
       Rot, die Lieblingsfarbe von Melania Trump. Die Präsidentengattin kleidet
       sich gern monochromatisch, als müsste sie auch auf dieser Ebene jeden
       Widerspruch ausschließen. Es herrscht Einstimmigkeit, das feudale Prinzip.
       Rot, die Farbe der Anmaßung. Wir erleben eine neue Hochphase und Gewichtung
       ihrer Bedeutung.
       
       Wenn etwa Donald Trumps Sicherheitsberater Stephen Miller Anfang Januar
       [2][in Bezug auf Grönland] von den „eisernen und seit Beginn der Zeit an
       geltenden Regeln der Macht“ spricht, verbindet er sich geradezu symbiotisch
       mit der Brutalität des Symbolfeldes Rot. In der Realität lebe nur
       derjenige, so Miller gegenüber CNN, der diese Regeln als leitende Maximen
       anerkenne. Rot ist hier keine Farbe menschlicher Leidenschaften, nichts,
       was mit Sünde oder Schönheit oder sonst einer vergleichsweise privaten
       Obsession zu tun hätte. Rot steht für den Anspruch auf Sieg, für die Hölle
       einer Welt ohne den Zweifel.
       
       Wie umgehen mit dieser gefährlichen Verengung? Nun, die flüchtige Mode
       kündigt bereits Blau als Trendfarbe an, und das international maßgebliche
       Unternehmen für Farbsysteme, [3][Pantone], hat für 2026 zum ersten Mal ein
       Weiß als farbliches Jahresmotto ausgerufen. Cloud Dancer heißt es und soll
       „von Gelassenheit durchdrungen“ sein. Offensichtlich handelt es sich um
       Wunschdenken, wie in den Jahren zuvor. 2024 wurde „ein weicher, samtiger
       Pfirsichton“ (Peach Fuzz) zur „Color of the Year“ gewählt, 2025 eine Farbe,
       „warm und tröstlich wie Kaffee und Schokolade“ (Mocca Mousse).
       
       In diesem Jahr können wir also mit dem Wolkentänzer der Wirklichkeit
       entschweben. Eine Gardinenfarbe soll es mit Rot aufnehmen. Rührender
       Versuch.
       
       23 Jan 2026
       
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