# taz.de -- momentaufnahmen: Wenn es in der Bibliothek Tränen gibt
Ein laut weinendes Kind, es ist wohl etwa fünf Jahre alt, wird von einem
anderen, vielleicht siebenjährigen Kind an der Hand durch die
Comicabteilung der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) geführt. Ein Besucher
bemerkt die beiden und fragt, was denn los sei.
Das ältere Kind weint nicht. „Er hat seine Mama verloren“, erklärt es
ruhig. Auch seine eigene Mama vermisse er: Beide Mütter seien zusammen
gewesen und waren dann plötzlich weg.
Als der Sicherheitsdienst mit den Kindern zum Mikrofon für Durchsagen geht,
hat sich bereits eine kleine Runde Unterstützer*innen gebildet. Eine
Frau aus der Gruppe schlägt vor zu applaudieren, wie das in anderen Ländern
üblich sei, wenn ein elternloses Kind am Strand gefunden wird. Niemand tut
etwas, doch alle bleiben und warten.
Nach ein paar Minuten stürzen schließlich zwei verzweifelt aussehende
Frauen in die Halle. Die Kinder laufen auf sie zu und fallen ihnen in die
Arme.
„Wo warst du?“, fragt jetzt der ältere Junge seine Mutter – und bricht im
selben Moment in Tränen aus. Luciana Ferrando
24 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
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