# taz.de -- Fußballprofis aus der zweiten Reihe: Glanz der Spätberufenen
> Häufig werden Spieler zu früh abgeschrieben, wenn sie Regionalliga oder
> Oberliga spielen. Beispiele zeigen, es bräuchte nur mutigere Trainer.
(IMG) Bild: Gerade noch Regionalliga, jetzt herausragend in Liga zwei: Mika Baur bei Paderborn
Am vergangenen Wochenende ist auch die 2. Bundesliga der Männer in die
Rückrunde gestartet. Eine spannende Kaderpolitik verfolgt hier [1][der SC
Paderborn], aktuell Vierter in der Tabelle, einen Punkt hinter dem Dritten
Darmstadt 98.
Über die Hälfte des SCP-Kaders verfügte bei seiner Ankunft in Ostwestfalen
nicht über Zweitligaerfahrung. Die Spieler kamen aus der 3. Liga oder aus
der Regionalliga. Mika Baur kam von Freiburg II, also aus der Regionalliga.
Ebenfalls aus der vierten Spielklasse wurden Stammkeeper Denis Seimen,
Laurin Curda und Tjak Scheller verpflichtet. Baur, Seimen, Curda und
Scheller sind aktuell Stammkräfte beim Zweitligavierten. Der defensive
Mittelfeldspieler Mika Baur wird vom Kicker in seiner Hinrundenrangliste
der 2. Bundesliga in die Kategorie „Herausragend“ eingeordnet. Ebenso
Laurin Curda in der Kategorie „Mittelfeld offensiv“.
Als Preußen Münster in der Saison 2019/20 in die Regionalliga abstieg,
fehlte dem heutigen Zweitligisten zunächst ein halber Kader. Verfügbar
waren unter anderen die Spieler Joel Grodowski, Marcel Hoffmeier, Lukas
Frenkert und Nicolai Remberg. In der Abstiegssaison waren sie fast
ausschließlich in der Oberligamannschaft des Klubs zum Einsatz gekommen.
Dass die Preußen zunächst Kaderprobleme plagten, war für die Spieler ein
Glücksfall.
Aber nicht wenige im Umfeld des Klubs vertraten die Auffassung, dass mit
diesen Jungs eine Rückkehr in die 3. Liga nicht zu schaffen sei. Später kam
noch das Eigengewächs Jano ter Horst hinzu, der sein erstes Seniorenjahr
ausschließlich in der Oberligamannschaft verbracht hatte.
## Der rasante Aufstieg von Ebnoutalib
Heute spielen vier der fünf genannten Akteure in der zweiten Bundesliga.
Für Nicolai Remberg ging es noch eine Etage höher: Er spielt für den
Hamburger SV.
Eine der spektakulärsten Wintertransfers ist der von Younes Ebnoutalib zu
Eintracht Frankfurt. Zwei Winterpausen zuvor wechselte der Stürmer nach 19
Spielen und sechs Toren für den Regionalligisten VfB Gießen zum
Zweitligisten SV Elversberg, wo er aber in der Rückrunde keine Rolle
spielte. In der Hinrunde 2025/26 stand Ebnoutalib dann in allen
Meisterschaftsspielen auf dem Platz und schoss zwölf Tore. Nun der Wechsel
zur Eintracht für eine Ablöse von acht Millionen Euro. Zwei Jahre zuvor
musste Elversberg lediglich 50.000 Euro nach Gießen überweisen.
Es ist ein generelles Problem, dass Spieler häufig zu früh abgeschrieben
werden. Dass zu wenig beachtet wird, wie das Setting beschaffen sein muss,
in dem sie sich optimal entwickeln können. Korrespondiert das Spielsystem
mit ihren individuellen Fähigkeiten, spielen sie auf der Position, wo sie
am stärksten glänzen und ihre Schwächen am besten kaschieren können?
Ein weiteres Problem ist aber: Einem Spieler, der sich bis dahin nur in der
Oberliga oder Regionalliga zeigen konnte, traut man nicht zu, dass er auch
2. Bundesliga oder noch höher kann. Ob ein Spieler für diese Spielklasse
taugt, weiß man aber erst, wenn man ihn dort spielen lässt – und dies nicht
nur für wenige Minuten.
## Sicherheitsdenken der Trainer
Trainer neigen häufig dazu, auf Erfahrung zu setzen. Besteht die
Alternative darin, einen 28-jährigen erfahrenen Bundesligaspieler oder aber
einen auffälligen jungen Regionalligaspieler zu verpflichten, dann werden
sich viele für Erfahrung entscheiden. Für einen Spieler, bei dem der
Trainer davon ausgeht, dass er sofort liefert.
Was man den Trainern nicht verübeln kann. Denn sie werden in der Regel am
puren Ergebnis gemessen. In Vereinen, die nachhaltiges Handeln und das
Ausbilden (also das Bessermachen) von Spielern betonen, ist dies häufig
nicht anders. Verliert der Trainer dreimal in Folge, werden die Leitplanken
der Philosophie demontiert.
Hinzu kommt die persönliche Karriereplanung. „Hat super mit jungen Spielern
gearbeitet, hat Akteure aus unteren Ligen besser gemacht“, das hört sich
gut an. Hilft aber nicht beim Erklimmen der nächsten Stufen, wenn in der
Biografie auch ein Abstieg steht.
Die Karriereplanung des Trainers und strategische Ausrichtung des Vereins
sind nicht immer deckungsgleich. Und wenn doch, dann häufig nur für eine
begrenzte Zeit, [2][der SC Freiburg ist hier eher eine Ausnahme]. Bei
Werder Bremen wollte Ole Werner als Trainer nicht im Mittelfeld der Tabelle
versauern. Was völlig legitim ist, aber Werder konnte ihm nicht die
notwendigen Voraussetzungen für einen Platz in Europa bereitstellen. Der
Klub wollte wohl unter anderem stärker auf gutes Scouting und Talente aus
den eigenen Reihen setzen – um Kosten zu reduzieren und Werte zu schaffen.
Ole Werner wurde vorgehalten, er habe zu wenig auf junge und zu stark auf
erfahrene Akteure gesetzt. Es sei dahingestellt, in welchem Ausmaß dies
tatsächlich der Fall war.
Werder steht vielleicht noch ein bisschen unter dem Woltemade-Schock. Vor
einigen Jahren hörte ich in Bremen: „Wenn Nick Woltemade bei uns nicht den
Durchbruch schafft, dann haben wir etwas falsch gemacht.“ In der Saison
2020/21 kam Woltemade bei Werder auf 143 Minuten in der Bundesliga, eine
Spielzeit später auf 44 Minuten eine Etage tiefer.
Woltemade wurde an den damaligen Drittligisten SV Elversberg ausgeliehen,
wo er aufblühte: 2.211 Spielminuten, zehn Tore. 2023/24 war er zurück an
der Weser, spielte nun 1.184 Minuten Bundesliga, aber Stammkraft wurde er
nicht. Im Sommer 2024 wechselte „Stolpermade“, wie ihn einige nannten, zum
VfB Stuttgart, [3][wo er unter Sebastian Hoeneß den Durchbruch schaffte],
weil das Setting nun stimmte. Nick Woltemade hätte auch als
Drittligaspieler enden können.
24 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dietrich Schulze-Marmeling
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