# taz.de -- Flucht in die Teilzeitstelle
       
       > Hamburg hat schon seit 20 Jahren ein Modell der Arbeitszeit, das alle
       > Aufgaben des Schulbetriebs erfassen soll. Es ist nur zu knapp bemessen
       
       Aus Hamburg Kaija Kutter
       
       Worüber andere Bundesländer diskutieren, das gibt es in Hamburg schon seit
       20 Jahren. Ein Arbeitszeitmodell, das nicht nur vorgibt, wie viele
       Pflichtstunden eine Lehrkraft erteilt, sondern das auch [1][die übrige
       Arbeit rund um Schule erfasst] und verteilt.
       
       Das „AZM“, wie das Arbeitszeitmodell abgekürzt damals hieß, wurde 2003 zu
       Sparzeiten unter [2][großem Protest] eingeführt. Führte es doch bei vielen
       Lehrkräften [3][zu Mehrarbeit]. Die Grundidee ist, dass etwa eine
       Deutschstunde mehr Zeit für Vorbereitung und Korrekturen benötigt als etwa
       eine Stunde Sport. Die zentrale Währung in dem Modell heißt „WAZ“, das
       steht für Wochenarbeitszeit. Und die liegt für Hamburgs Lehrkräfte bei
       46,57 Stunden für jede Unterrichtswoche, weil die 40-Stunden-Woche um die
       Zeit der Schulferien erhöht wird. So soll jede Vollzeitkraft 1.770 Stunden
       im Jahr arbeiten. Das sind die WAZ.
       
       Jede Lehrkraft füllt dieses Konto mit einem Mix von Aufgaben. Neben der
       „U-Zeit“ für den Unterricht, die den Löwenanteil ausmachen soll, gibt es
       noch die „F-Zeiten“ für Funktionsaufgaben wie Klassenleitung und die
       „A-Zeiten“ für allgemeine Aufgaben wie Pausenaufsicht oder Elternabende.
       Dinge, die Lehrkräfte im Pflichtstundenmodell auch tun.
       
       Für die Fächer gibt es nun gestufte Faktoren. So wird eine 45-minütige
       Sportstunde zum Beispiel mit 1,2 Zeitstunden angerechnet, das sind 72
       Minuten. Eine 45-minütige Deutschstunde wird mit dem Faktor 1,7 angerechnet
       und zählt wie 102 gearbeitete Minuten. So bleiben der Sportlehrkraft nur 27
       Minuten, der Deutschlehrkraft 57 Minuten für alles, was drumherum anfällt,
       also Vor- und Nachbereitung, Korrekturen, Gespräche mit Schülern und Eltern
       oder Zeugniskonferenzen.
       
       Jan Voß ist in Hamburg der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats der Schulen.
       „Ich wurde mit diesem Modell sozialisiert“, sagt der 43-Jährige. „Das
       System könnte gut sein. Aber es hat sich seit 20 Jahren nichts geändert,
       obwohl wir heute keinen Unterricht mehr machen wie damals.“
       
       Als schwierig gilt [4][das Modell] an Grundschulen. Dort wird jedes Fach
       mit Faktor 1,35 gewertet. Das führt dazu, dass eine Vollzeitkraft die
       erlaubte Obergrenze von 29 Stunden geben muss. „29 Stunden ist unfassbar
       viel“, sagt Voß. Die Lehrkraft habe damit aber erst 39,15 WAZ zusammen und
       „schulde“ noch 7,42 Stunden, die sie durch weitere Aufgaben abdecken muss
       wie die Leitung für ein Fach. „Die Krux ist, dass dieses System dazu
       verleitet, noch Bruchteile von Arbeitszeit zu verteilen“, sagt Voß. „Eine
       Fachleitung für 0,25 WAZ, also 15 Minuten die Woche, ist nicht
       ungewöhnlich.“ Er selbst hatte an seiner Schule die „Fachleitung IT“ inne
       und musste in 1,5 Stunden hundert Geräte verwalten.
       
       „Und weil diese Belastung so hoch ist, flüchten in Hamburg viele Lehrkräfte
       in Teilzeit“, sagt der Personalrat. „An den Grundschulen empfiehlt die
       Schulbehörde Berufsanfängern sogar, nur mit Teilzeit einzusteigen. Das sagt
       doch schon alles.“ Doch auch an den weiterführenden Schulen, den
       Stadtteilschulen und Gymnasien gibt es den Trend. „Wir haben in Hamburg mit
       55 Prozent die höchste Teilzeitquote bundesweit“, sagt die stellvertretende
       GEW-Vorsitzende Yvonne Heimbüchel. „Die Leute gehen hier am Stock.“
       
       Ein Haken [5][am Modell war von Anfang an], dass es „auskömmlich“ sein
       soll. Dabei hatte schon vor der Einführung im Jahr 2003 eine
       Lehrerarbeitszeitkommission erhoben, dass Gymnasiallehrkräfte zum Beispiel
       zwischen 1.850 und 2.142 Stunden im Jahr für die aufgetragenen Arbeiten
       benötigen. Doch Hamburg entschied, dass die Lehrkräfte eben mit jenen 1.770
       Stunden auskommen müssten.
       
       Eine [6][neue Studie] aus 2025, die die „Kooperationsstelle Hochschulen und
       Gewerkschaften“ der Uni Göttingen durchführte, belegte, dass das nicht
       hinkommt. [7][Die Forscher] ließen 735 Lehrkräfte an den weiterführenden
       Schulen ein halbes Jahr lang ihre tatsächliche Arbeitszeit erfassen. Das
       Ergebnis: Im Schnitt wird die Arbeitszeit von 1.770 Stunden um 75 Stunden
       überschritten. Mehr als 60 Prozent arbeiten zu viel. Ein Viertel
       überschreitet gar die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden. „Das
       ist ein Verstoß gegen den Arbeitsschutz“, sagt Heimbüchel. „Es kamen vor
       allem viele außerunterrichtliche Tätigkeiten dazu, zum Beispiel durch die
       Digitalisierung“, ergänzt Jan Voß. Den Lehrkräften fehle Zeit für ihre
       Kernaufgabe. „Das führt zu Unterricht aus der Schublade.“
       
       Die Hamburger GEW stellte die [8][Studie im Herbst] vor und forderte von
       der Stadt fortan eine verbindliche Arbeitszeiterfassung, eine Erhöhung der
       Faktoren und für die Stadtteilschulen und Gymnasien „350 zusätzliche
       Vollzeitstellen, um die jährlich anfallenden rund 625.000 Überstunden zu
       kompensieren“.
       
       Hamburgs Bildungsbehörde weist dies zurück. Eine auch nur minimale Anhebung
       der Faktoren und jene 350 Stellen wären in Zeiten von Haushaltsengpässen
       „nicht finanzierbar“. Und die 75 Überstunden pro Jahr, so rechnet ihr
       Sprecher Peter Albrecht vor, bedeuteten „weniger als zwei Überstunden pro
       Woche“.
       
       24 Jan 2026
       
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 (DIR) [5] https://www.voss-hh.de/Lehrerarbeitszeit/GEW-PR-informieren/AZM.pdf
 (DIR) [6] https://www.gew-hamburg.de/themen/arbeits-und-gesundheitsschutz/2025-09/studie-der-uni-goettingen-belegt-hamburger-lehrkraefte
 (DIR) [7] https://www.gew-hamburg.de/files/download/aktuelle-meldungen/pi_hamburger_studienergebnisse_zu_arbeitszeit_und_arbeitsbelastung_25-09-29.pdf
 (DIR) [8] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/hamburgs-lehrkraefte-arbeiten-laut-studie-mehr-als-vorgesehen,lehrer-138.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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