# taz.de -- Die Wahrheit: Neues aus Neuseeland: Verschiebt den Sommer!
> Neues aus Neuseeland: Am anderen Ende der Welt ist es momentan heiß, und
> es beginnt die wichtigste Saison des Jahres, die Campingzeit.
Da bei uns die Erde auf dem Kopf steht, ist es gerade Kiwi-Sommer im tiefen
Süden. Der ist zurzeit eher nass statt heiß und dreht sich seit Wochen nur
um ein einziges Thema: Camping. Alle Jahre wieder macht sich gefühlt das
ganze Land ab Weihnachten oder spätestens Neujahr auf den Weg an die
einschlägigen Badeseen und Strände. Dort verharrt es, bis Anfang Februar
die Schule beginnt.
Da Aotearoa offiziell im Sommerschlaf ist, steht das Leben in den Städten
und den Büros still. Nach alter egalitärer Sitte findet es stattdessen umso
intensiver zwischen Nylonbehausungen und Caravanwänden statt. Zelturlaub
mit Grillpartys, Sandfliegen und Surfbrettern ist ein heiliges Kulturgut,
dem sogar unsere Tageszeitung unter dem Banner „Camp Life“ täglich eine
ganze Seite widmet.
Da werden die besten Campingplätze bewertet und Rezepte vorgestellt, um
selbstgefangene Fische im Barbeque zu räuchern. Experten raten zu
Bodenmatten, die den Sand draußen lassen, oder aufblasbaren Sofas für 55
Dollar. Der stehende Begriff, dass man „everything but the kitchen sink“
(alles außer der Küchenspüle) auf dem Anhänger mitnimmt, entstammt
eindeutig kiwianischen Urlaubsriten.
Auch der öffentlich-rechtliche Radiosender macht weitgehend Pause und
beschallt uns die nächsten Wochen mit einem seichten „Summer
Times“-Programm, live aus den Urlaubshochburgen. Dramatisch geht’s auch
dort zu: An Aucklands strandgesäumtem North Shore wurden 38 Nester einer
besonders invasiven Hornissenart gefunden. Alarm im Paradies!
Weit bedrohlicher für die Urlaubsstimmung als diese Biester sind die
Nörgler, die uns den sentimentalen Mix aus Wellenrauschen und
Kindergeschrei madig machen wollen. „Die wunderbarste Zeit des Jahres – ist
sie das?“, fragte eine Kolumnistin provozierend in der Sunday Star Times
und ließ sich über Autoschlangen auf engen Landstraßen und vermüllte
öffentliche Klos aus, die den In- und Auslandstouristen nicht gewachsen
sind.
Ganz Mutige gehen noch weiter und fordern gar, die einheitlichen
Schulferien in den Februar zu verlegen. Da sei das Wetter stabiler und
daher seien nach Stürmen und Dauerregen Überschwemmungen seltener. Aber vor
allem entzerre man die entsetzlich stressige Vorweihnachtszeit, in der alle
hektisch ihre Geschäfte nicht nur bis zum Jahresende, sondern auf einen
weiteren Monat im Voraus abwickeln müssen.
Ich schließe mich den Revoluzzern an, die den traditionellen Kiwi-Sommer
radikal infrage stellen. Wir können den Umschwung schaffen. Schließlich
haben wir als Erste das Wahlrecht für Frauen eingeführt und den Mount
Everest bezwungen. Aber die Aktion kann auch nach hinten losgehen. Wie ich
meine lieben Landsleute kenne, wird der hart erkämpfte urlaubsfreie Januar
mit der ausgiebigen Planung des Campings im Februar verbracht. Und damit
verlängert sich die Sommerpause bis März.
8 Jan 2026
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