# taz.de -- Sportliche Zumutungen: Einfach weggelächelt
       
       > Schon wieder verabschiedet sich das Knie beim Joggen. Als Nächstes dann
       > Tai-Chi oder das gelenkschonende Pickleball? Es gibt Schlimmeres!
       
 (IMG) Bild: Tai-Chi? Ein Sport für Ältere?
       
       Am Mittag des Weihnachtstages laufe ich in einem idyllischen Städtchen in
       Baden-Württemberg um sattgrüne Wiesen herum. Wie es in den letzten Monaten
       immer wieder passiert war, hat sich mein Knie plötzlich und völlig
       unvermittelt verabschiedet – vielleicht, weil ich am Vorabend ein Essen
       maßlos hinuntergewürgt habe. An Laufen ist nicht mehr zu denken. Selbst die
       Kniebandage, die ich über die Kinesio-Tapes gezogen habe, hilft nicht mehr.
       Trotzdem versuche ich es weiter. Während ich mich auf dem Heimweg missmutig
       und unter Schmerzen zumindest zu schnellem Gehen überrede, fluche ich über
       mein Schicksal und denke darüber nach, welcher Sport mir eigentlich noch
       bleibt.
       
       Seit einiger Zeit zeigt mir mein Internet-Algorithmus – als kenne er mein
       Körperalter – Werbevideos: Eine vollständig KI-generierte junge Frau
       informiert sich für ihren über sechzigjährigen Vater bei einem ebenso
       künstlichen Tai-Chi-Meister, wie der Vater körperlich fit bleiben könne.
       Vielleicht ist Tai-Chi ja tatsächlich der Sport fürs neue Jahr.
       
       Während ich unter Schmerzen laufe, denke ich an den jungen Mann, den ich
       zwei Abende zuvor bei einem Essen kennengelernt habe und der gerade
       [1][eine Meniskusoperation hinter sich hat]. Einen Monat später konnte er
       zum ersten Mal wieder ohne Krücken gehen und sich mühsam die Treppe
       hinaufschleppen. Das Bein hatte stark an Kraft verloren – die altbekannte
       Geschichte. Wir sind eben nicht alle [2][Đoković, der sich einer
       Meniskus-OP unterzieht] und drei Wochen später im Halbfinale von Wimbledon
       steht. Nicht jeder hat Zugang zu Behandlungen wie einer hyperbaren
       Sauerstofftherapie. Wir bekommen stattdessen ein Stück Papier mit
       verschiedenen Übungen, die wir zu Hause machen können.
       
       ## Alte-Leute-Sportarten
       
       Beim selben Essen sagt ein anderer, der ebenfalls von Verletzungen geplagt
       ist, er wolle mit Golf anfangen. Ein weiterer, der kürzlich in die USA
       gereist ist, kann gar nicht aufhören, von den Vorzügen des Pickleballs zu
       schwärmen. Ich bin wohl nicht der Einzige, der mit Alte-Leute-Sportarten zu
       liebäugeln beginnt.
       
       Ohne das rechte Bein zu beugen und mein gesamtes Gewicht auf das linke Bein
       verlagernd, beschleunige ich meine Schritte. Wie so oft in solchen Momenten
       beginne ich, mich ungerechtfertigt über die sorglosen, gesunden Menschen um
       mich herum zu ärgern. Sie scheinen wie Gazellen an mir vorbeizurennen. Ich
       werfe ihnen böse Blicke zu. Da kommt mir die Frage in den Sinn, die [3][der
       italienische Fußballer Mario Balotelli] nach einem Tor einmal auf einem
       T-Shirt unter seinem Trikot trug: „Why always me?“ 2025 habe ich mit einer
       Fingeroperation, vielen Stunden Physiotherapie und einem fortgeschrittenen
       Meniskusriss abgeschlossen.
       
       Passenderweise singt mir dann Leonard Cohens tiefe Stimme über Kopfhörer
       ins Ohr: „Everybody knows that the boat is leaking.“ Dann geschieht etwas.
       Während die Wintersonne mit voller Kraft auf den taufeuchten Wiesen und den
       Hügeln in alle Richtungen strahlt, nähert sich auf dem kleinen Weg, auf dem
       ich meine Füße schleife, eine Silhouette. Als sie auf meiner Höhe ist,
       erkenne ich, dass es eine sehr alte Frau ist, die ihren Rollator schiebt
       und über eine Nasensonde Sauerstoff bekommt. Ihr Gesicht aber begrüßt mich
       mit einem riesigen Lächeln, so hell wie die Sonne. Angesteckt von ihrer
       Freude, höre ich auf zu schmollen. Ich beginne, eine Neujahrsliste zu
       machen:
       
       Höre auf zu jammern.
       
       Höre auf zu rauchen.
       
       Höre auf, diese pathetischen Kolumnen zu schreiben.
       
       Höre auf deinen Körper.
       
       Vereinbare ein paar Arzttermine.
       
       Frage bei der Arbeit nach, ob es einen Urban-Sports-Rabatt gibt.
       
       Akzeptiere, dass das für 42 Millionen Euro sanierte Schwimmbad am
       Spreewaldplatz niemals öffnen wird.
       
       Yoga?:(
       
       6 Jan 2026
       
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