# taz.de -- Hitlers Kronjurist und US-Gotteskrieger: Politische Theologie für Spinner
       
       > Carl Schmitt war Nazi-Jurist und Staatstheoretiker. In den USA erlebt er
       > bei rechten Akteuren wie Peter Thiel und J. D. Vance ein Comeback.
       
 (IMG) Bild: Rechte Fans: Carl Schmitt bei einer Rede 1930
       
       Über die Feiertage widmete ich mich dem Feinschliff eines Buches. Ich
       feilte an ein paar Sätzen herum. Diese finalen Verbesserungen nenne ich
       gerne meine „[1][Carl-Schmitt]-Operation“, denn das Faszinierendste an dem
       ultrarechten Juristen waren immer seine ersten Sätze. Natürlich auch die
       Eiseskälte, die seine Texte durchweht. Man nannte Schmitt Hitlers
       „Kronjuristen“.
       
       Schmitts Texte starten mitunter mit explodierenden Einstiegssätzen, die
       eine These formulieren, apodiktisch, provokant. Nicht selten sind sie ein
       Postulat, auf das man normalerweise nicht leicht käme. „Der Begriff des
       Staates setzt den Begriff des Politischen voraus“, ist etwa so ein Satz.
       Schmitts Einstiegsknaller sind schnörkellos, kurz, auf das Wesentliche
       reduziert, maximal verdichtet. So ähnlich wie Suppenwürfel. In denen ist ja
       auch die Brühe zusammengepresst. Und sie ziehen einen sofort in den Text
       hinein.
       
       Man kann auch von Nazis was lernen. Natürlich könnte man die
       Feinschliff-Operation genauso gut die „Franz-Kafka-Unternehmung“ nennen,
       dessen erste Sätze auch legendär sind. Man denke nur an: „Jemand musste
       Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde
       er eines Morgens verhaftet.“
       
       Neben diesen Handwerks-Kniffen habe ich noch meine Terry-Eagleton-Technik.
       Der britische Marxist und Literaturtheoretiker hat etwas, was Carl Schmitt
       völlig abging: Humor. Er schreibt die tiefgründigsten Abhandlungen, macht
       sich aber die Extramühe, sie möglichst lässig zu formulieren. Seine Maxime:
       Kompliziert und unverständlich über Philosophie und Kulturtheorie kann
       jeder schreiben. Echte Könner dagegen vermögen es so zu übersetzen, dass
       auch interessierte Laien mitkommen. Dazwischen streut Eagleton Witze oder
       lustige Metaphern, sodass mir vor Lachen das Buch aus der Hand fällt.
       
       Der Terry-Eagleton-Jünger in mir denkt sich manchmal bemüht ein paar Witze
       aus. Wenn mir keiner einfällt, frage ich Chatgpt. Der ist aber auch nur
       halblustig, so ähnlich wie Dieter Nuhr. Viele stört ja, dass Nuhr ein
       Reaktionär von eher schlichtem Gemüt ist. Mich stört mehr, dass er nicht
       lustig ist. Wahrscheinlich lässt er sich auch seine Pointen von Chatgpt
       schreiben. Seine „Pointen“.
       
       ## Carl Schmitt lesen – ohne Trauma
       
       Zurück zu Carl Schmitt, dessen Gesamtwerke ich in den neunziger Jahren fast
       vollständig gelesen habe, ohne dass mich das zu einem schlechteren Menschen
       gemacht hätte. Die Lektüre hat mich noch nicht einmal „traumatisiert“,
       womit heute ja oft gemeint ist, dass man sich ein bisschen ärgert.
       „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ – der berühmte
       erste Satz seiner „Politischen Theologie“. Oder: „Alle prägnanten Begriffe
       der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe“ (so
       beginnt das dritte Kapitel).
       
       [2][Peter Thiel], der [3][rechte Strippenzieher der Trump-Regierung,]
       Milliardär und Sponsor halb- und ganzfaschistischen Geisteslebens weltweit,
       liest in den vergangenen Jahren auch sehr viel Carl Schmitt. Der hat es ihm
       ebenso angetan wie der katholische Religionsphilosoph René Girard. Schmitts
       Diktum, dass alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre
       säkularisierte theologische Begriffe seien, ist zunächst einmal bloß eine
       ideengeschichtliche Behauptung. In der westlichen Welt sind etwa
       Endzeitideen, eine Geschichtsphilosophie, die von einem Fortschritt in
       Richtung einer Höchststufe der Entwicklung – einem „Ziel der Geschichte“ –
       ausgeht, an tradierten christlichen Zeitvorstellungen geschult, genauso wie
       die messianische Idee von Befreiung.
       
       So unterschiedliche Charaktere wie Walter Benjamin (er schrieb an Schmitt
       einen bewundernden Brief), der Theologe Karl Löwith oder der jüdische
       Rabbiner und Philosoph Jacob Taubes hatten ein tiefes Einverständnis mit
       Schmitt. Diese „Linksschmittianer“ fanden plausibel, dass etwa
       Vorstellungen vom Paradies eine gewisse Analogie zum „Kommunismus“ haben.
       Auch Ideen vom großen Ereignis, das die Zeiten scheidet, weisen starke Züge
       religiöser Motive auf, möge man dazu Rückkehr des Messias sagen oder
       Weltrevolution. Manche linke Philosophinnen bauen ihr halbes Werk auf
       Herumgeschmitte auf, wie die Theoretikerin Chantal Mouffe seit bald dreißig
       Jahren mit ihren Thesen, dass „das Politische“ mehr Konflikt und weniger
       Konsens braucht.
       
       Dass es zwischen theologischen und weltlichen Begriffen eine metaphorische
       Ähnlichkeit gibt, heißt noch nicht viel. Katholischer Fundamentalismus
       lässt sich daraus nicht begründen. [4][Peter Thiel] und seine wackeren
       Gotteskrieger-Freunde gehen aber weiter. Sie lesen Schmitt buchstäblicher,
       als er das selbst gewollt hätte.
       
       ## Liberale Weltregierung als Plan des Antichristen
       
       Thiel ist von einer tiefen Angst besessen. Etwa, dass wir bald vom
       Antichristen beherrscht werden. Der Antichrist – also der Teufel – würde
       uns aber nicht unterwerfen, sondern in sein Regiment hineinlocken, wie der
       Konsumkapitalismus in den Einkaufstempel. Eine progressiv-liberale
       Weltregierung, sie wäre ein diabolischer Plan des Antichristen, meint
       Thiel, mit ihrem Versprechen von Frieden, Toleranz, Sicherheit. Der
       Antichrist hätte auch keine Hörner am Kopf. Womöglich ist ja Greta Thunberg
       der Antichrist, meinte er unlängst. Denn sie verspricht, uns vor der
       Klimakatastrophe zu retten.
       
       Einem solchen Weltregime müsse man sich entgegenstellen. Die
       Trump-Regierung tut das schon ein wenig, indem sie die paar Fundamente
       einer globalen, liberalen Weltordnung zerstört. Dabei greift Thiel wieder
       ein Motiv Carl Schmitts auf, nämlich das vom „Katechon“, dem Aufhalter, der
       sich dem Unheil und dem Fortschritt entgegenstellt. Ein bisschen
       durchgeknallt ist das alles. Quasi politische Theologie für schrullige
       Käuze.
       
       Man vergesse freilich nicht: Thiel hat seinen Jünger J. D. Vance schon im
       Amt des Vizepräsidenten untergebracht. Vance ist wie Thiel der Meinung, die
       Schwäche des Christentums sei die Nächstenliebe, die Empathie, weil sie den
       Starken ein schlechtes Gewissen mache. In den USA entsteht ein
       extremistisch-fundamentalistischer Katholizismus. J. D. Vance ist mit viel
       Trara zum Katholizismus konvertiert. Er hat sogar den letzten Papst
       besucht. Der ist daraufhin gleich verstorben.
       
       3 Jan 2026
       
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