# taz.de -- szene: Kältetränen sehen nach Drama aus
Wenn ich in den kalten Monaten draußen bin, tränen mir ständig die Augen –
so wie früher meinem Großvater. Er trug immer ein Stofftaschentuch in der
Hosentasche, mit dessen Ecken er sich die Tränen abwischte: im besten Fall,
wenn sie noch unauffällig waren und die Tränenpunkte die Augen noch nicht
verlassen hatten, im schlimmsten, wenn sie kurz davor waren, auf seinen
Wangen zu trocknen.
Seit Kurzem besitze ich auch ein Stofftaschentuch, das mir eine gute
Freundin geschenkt hat. Als sie es mir übergab, erinnerten wir uns daran,
dass es früher oft eine „männliche“ Version der Taschentücher gab – etwa
größer, mit kariertem Muster – und eine „weibliche“, zum Beispiel mit
Spitze oder gestickten Blumen und kleiner. Ich erzählte ihr von meinem Opa
und sagte ihr: „Ab jetzt werde ich im Winter umso mehr an ihn denken.“
Oft vergesse ich, dass meine Augen tränen. Und dann frage ich mich, warum
mich fremde Menschen auf der Straße so merkwürdig anschauen – mal
mitleidig, mal amüsiert. Wenn ich joggen gehe, ist es schlimmer.
Diese Tränen hinterlassen eine Salzspur auf meinem Gesicht, als wäre meine
Haut aus Sand und als wäre immer wieder eine Welle über sie gegangen, hin
und her. Oder als wäre mir eine Schnecke über die Wangenknochen gekrochen.
Wenn ich mir die Augen geschminkt habe, sind die Tränen schwarz, und es
sieht nach Drama aus, als hätte ich einen besonders bewegenden Film gesehen
und könnte nicht mehr aufhören zu weinen.
In Wirklichkeit ist es eher wie beim Zwiebelschneiden: Ich weine, ohne
besondere Gefühle dabei zu empfinden. Ich weine, ohne zu weinen. Das
passiert mir auch beim Gähnen – unabhängig von der Jahreszeit. In solchen
Fällen kann ich dem Wetter keine Schuld geben. Dass ich nicht traurig bin,
glaubt mir dann niemand. Luciana Ferrando
9 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
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