# taz.de --
VonLuciana Ferrando
Im Hintergrund läuft Janis Joplin. Vermischt mit ihrer rauen Stimme ist das
Klackern der Pingpongbälle gegen die Tischtennisplatte zu hören. Montag ist
Rundlaufabend in der Kneipe an der Flughafenstraße, bei mir um die Ecke.
Als ich noch neu in Berlin-Neukölln war, habe ich selbst mitgespielt.
Mittlerweile sitze ich lieber an einem Tisch und schaue zu. An diesem Abend
bleiben immer dieselben zwei Spieler bis zum Schluss: ein junger Mann mit
dunklen Locken wie aus einem Pasolini-Film geschnitten und ein Profi, der
sein eigenes Equipment benutzt.
Wenn das Match zu Ende geht, geben sie sich High Five und klopfen mit den
Schlägern gegen die Tischplatte. Zehn, vielleicht zwölf Menschen – die
meisten Männer – stehen von den Stühlen auf, laufen um die Platte herum und
schlagen den Ball der Reihe nach. Wer daneben haut, scheidet aus.
Dann wird es spannend: Die letzten vier müssen rennen, um jeweils die
andere Seite der Tischtennisplatte zu erreichen und den Ball nicht zu
verpassen, fast als würden sie gegen sich selbst spielen. Die letzten drei
machen Wind, sind außer Atem. Einer verliert und dann wiederholt sich das
ganze.
Plötzlich kommt aus der Runde ein Mann mit Glatze und einem New York
T-Shirt auf mich zu. Woher ich komme, will er wissen. „Warum?“, frage ich
zurück. „Ach ja, Frankreich?“, tippt er. Ich antworte: „Ich sage es dir,
wenn du mir verrätst, was dich neugierig gemacht hat.“ Er überlegt. „Du
hast eine außergewöhnliche Ausstrahlung, so eine Aussagekraft“, sagt er.
Ich verstehe immer noch nicht, was er möchte und entscheide mich für ein
„Okay, danke“ als Antwort. Und unmittelbar: „Jetzt möchte ich aber allein
sein.“ Er winkt ab und geht zurück zur Runde, mit einem Bierglas in der
einen Hand und dem Schläger in der anderen. Beim ersten Schlag fliegt er
raus. Im Hintergrund singt Janis jetzt „Cry, cry, Baby!“ und ich singe mit.
Luciana Ferrando
24 Dec 2025
## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
## ARTIKEL ZUM THEMA