# taz.de -- szene: Frische Luft und tote Lilien
       
       VonLuciana Ferrando 
       
       Zum dritten Mal an diesem Freitag werde ich wach. Diesmal sehe ich den
       blauen Himmel und das helle Licht durchs Fenster. Nicht nur dieser Anblick
       zieht mich aus dem Krankenbett, als hätte ich ein inneres Sprungsystem,
       sondern auch die Erinnerung an die sonnigen Wintertage meiner Kindheit.
       Wenn ich damals krank war, wurde ich warm eingepackt und an die frische
       Luft geschickt. Genau das mache ich nun mit mir selbst.
       
       Ich ziehe mich warm an und verlasse das Haus in Jogginghose, was ich sonst
       nie tue. Zuerst kaufe ich Ingwer, Zitronen, Halsbonbons und alles, was zur
       Stärkung des Immunsystems empfohlen wird, auch wenn es wohl zu spät dafür
       ist. Dann suche ich einen Platz in der Sonne, doch sie ist inzwischen
       hinter den Häusern der Hermannstraße verschwunden. Ich beneide die Menschen
       in den oberen Etagen, die noch die letzten Strahlen in ihren Wohnzimmern
       oder Küchentischen sicher gerade genießen.
       
       Ich entscheide mich, in die Bäckerei um die Ecke reinzugehen. Auch wenn
       mich die Preise ärgern, mag ich dort das Croissant am liebsten, und da ich
       niemand zu Hause habe, der mich verwöhnt, gönne ich es mir. Ich nutze die
       Zeit, um ein paar Briefe zu Ende zu schreiben, während ich meinen Americano
       trinke und das Croissant in winzigen Stücken esse, damit es länger hält.
       Ich schaue mich um und merke, dass ich mit meinem Outfit gar nicht
       auffalle. Gleichzeitig fühle ich mich beobachtet – vielleicht weil ich eine
       Maske trage, vielleicht weil es ungewöhnlich wirkt, wenn jemand
       Briefumschläge mit der Zunge verschließt? Als ich bei mir ankomme, sehe ich
       neben meiner Haustür einen Blumenstrauß und denke, dass mich jemand
       besuchen wollte. Als Nächstes erkenne ich, dass die Lilien doch verwelkt
       sind und es kommt mir kurz wie eine Mafiabotschaft vor. Dann sehe ich aber,
       dass die Nachbarin nebenan mit offener Tür putzt. Sie bringt die Blumen
       runter in den Müll, und ich kehre, beruhigt, ins Bett zurück. Luciana
       Ferrando
       
       19 Dec 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
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