# taz.de -- Interview mit Klimaaktivistin: Was ist Ihre Heimat, Frau Neubauer?
       
       > Beheimatet zu sein, ist wichtig, sagt Luisa Neubauer im Interview. Die
       > Klimaaktivistin plädiert für eine Weltzugewandtheit und einen Aktivismus
       > als Zugehörigkeit zu dem, was sein könnte.
       
 (IMG) Bild: Es geht darum, eine gewisse Beziehung zur Welt zu retten: Luisa Neubauer im Gebäude der taz
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Frau Neubauer, ist der Planet Ihre Heimat?
       
       Luisa Neubauer: Der Planet ist eine von meinen Heimaten, ja.
       
       taz FUTURZWEI: Welche anderen haben Sie? 
       
       Luisa Neubauer: Ich würde sagen, meine erste Heimat liegt in mir selbst. In
       meinem eigenen Sein und in meinem eigenen Bei-mir-Sein und
       Zu-mir-Zurückkommen.
       
       taz FUTURZWEI: Das ist ja toll, wenn man das sagen kann.
       
       Luisa Neubauer: Voll. Es ist auch harte Arbeit, würde ich sagen. Eine
       weitere Heimat ist dann mein, der, unser Planet, die Welt. Und dann bin ich
       beheimatet in meiner Familie und in dem, was ich mache. Wir sind ja Beings
       und nicht Doings …
       
       taz FUTURZWEI: ... im Moment Existierende, weniger zielorientiert Handelnde
       ...
       
       Luisa Neubauer: … aber ich mache ja dann doch sehr viel. Und das heißt,
       eine Heimat sehe ich schon auch dort, wo ich tätig bin.
       
       taz FUTURZWEI: Der Heimatbegriff ist stark von rechts besetzt gewesen und
       durch die deutsche Geschichte kontaminiert. Sie haben sofort sehr positiv
       darauf Bezug genommen. Warum?
       
       Luisa Neubauer: Ich halte das für ein Privileg und eine Verantwortung des
       21. Jahrhunderts, auch Begriffe neu zu besetzen, die im letzten Jahrhundert
       verloren gegangen sind.
       
       taz FUTURZWEI: Der Heimatbegriff ist wichtig für Sie?
       
       Luisa Neubauer: Das Heimatgefühl ist wichtig. Ob man das „Heimat“ nennt
       oder „Zuhause“ oder „Angekommensein“ oder „Being at Home“ – da bin ich
       keine Wortklauberin. Definitiv wichtig ist die Auseinandersetzung mit dem
       Gefühl des Beheimatetseins, was ja auch nur eine Überschrift ist für
       Geborgenheit, für Zugehörigkeit, für Verbundenheit. Ich würde viel eher
       noch sagen: Es ist höchste Zeit, sich dem mit mehr Ernsthaftigkeit und
       Nachdruck zu widmen, denn zumindest ich könnte mich nicht nachhaltig mit
       dieser sogenannten Welt beschäftigen, wenn ich nicht immer wieder
       zurückkehren könnte an einen Ort oder zu einem Gefühl, wo ich mich anders
       beheimatet fühle.
       
       taz FUTURZWEI: Kann es sein, dass wir in einer Gegenwart leben, in der das
       Gefühl der Beheimatung nicht besonders verbreitet ist?
       
       Luisa Neubauer: Das ist aus verschiedenen Gründen so. Wenn wir jetzt über
       westlich privilegierte Gesellschaften reden, dann aus kosmopolitischen
       Globalisierungstendenzen heraus. Für viele andere Menschen ist der
       Heimatbegriff umkämpft, etwa weil ihre Heimaten zerstört wurden, weil sie
       eben nicht aufwachsen mit einem singulären geografischen oder emotionalen
       Bezugspunkt, der Sicherheit und Zugehörigkeit und Geborgenheit verspricht.
       Und jetzt mit dem Blick auf Generationen wie meine: Wir sind unter einem
       sehr kosmopolitischen, -globalisierten Imperativ aufgewachsen, der einem
       auch oft den Eindruck vermittelt: Wer sich irgendwo zu Hause fühlt, ist
       nicht ganz in der Welt. Wenn das „In-der-Welt-sein“, ein „da-draußen“ sein
       muss, ein „da-weg“, ein „da-unterwegs“, dann wird „Erdung“ als Konzept
       automatisch negativ besetzt.
       
       taz FUTURZWEI: In einer Hyperkonsumgesellschaft wie unserer wird ein
       ständiges Gefühl hervorgerufen, dass alles durch den nächsten Kaufakt
       verbessert werden muss. So eine Kultur funktioniert ja eben dann nicht,
       wenn die Leute beheimatet sind und sagen: „Ich bin glücklich.“
       
       Luisa Neubauer: Da muss man jetzt noch drei Schritte weitergehen, weil das,
       was wir konventionell mit Heimat oder Zuhause oder Angekommensein
       beschreiben, für viele bis heute als ein geografischer Ort verstanden wird,
       wo man sich wohl und sicher fühlt. Es geht aber um die Frage – und deswegen
       sprach ich von der Heimat in mir: Was brauche ich, um mich bei mir genug
       und ausreichend und sicher zu fühlen? Was brauche ich ganz persönlich, um
       auch einen Schmerz, ein Unwohlsein, eine Trauer nicht ununterbrochen
       wegkonsumieren zu müssen? Das ist eine neue Debatte für mich, weil sie weit
       über das hinausreicht, was wir bisher zumindest in Deutschland unter der
       Überschrift Heimat fassen.
       
       taz FUTURZWEI: Was debattieren wir nicht?
       
       Luisa Neubauer: Ich halte es für naiv, einen Frieden in der Welt zu suchen,
       wenn wir Frieden in uns selbst nicht finden können und es auch gar nicht
       erst versuchen. Wir scheitern daran, die Klimakrise da draußen zu lösen,
       wenn wir die Krisen in uns oder den Schmerz oder die Verzweiflung in uns
       nicht zumindest zulassen können, sondern ewig überdecken und weg-scrollen,
       wegkonsumieren, „weghustlen“ müssen.
       
       taz FUTURZWEI: Sie haben den Begriff „angekommen“ positiv benutzt.
       Angekommen sein in dieser Gesellschaft galt bei unsereins als negativ, im
       Sinne von korrumpiert, konservativ und saturiert. Unser Heft stellt die
       Frage, ob man angekommen sein muss, um mit und in der Gesellschaft
       irgendwas hinzukriegen oder ob man sich dagegen verwahrt. Das ist ja wohl
       auch das Spannungsverhältnis einer Aktivistin?
       
       Luisa Neubauer: Ich lese aus Ihrer Frage ein Missverständnis darüber
       heraus, was ich mit angekommen meine. Angekommen heißt nicht,
       Ungerechtigkeiten, Missstände oder Unzulänglichkeiten zu ignorieren oder zu
       romantisieren.
       
       taz FUTURZWEI: Sondern?
       
       Luisa Neubauer: Angekommen sein heißt für mich, so präsent und bei mir zu
       sein, dass ich mich meiner Sache wirklich stellen kann und nicht
       ununterbrochen in mir selbst eine Kompensationsleistung erfüllen muss. Wenn
       ich mich aktivistisch oder politisch oder ehrenamtlich mit einem Missstand
       beschäftigen möchte, dann brauche ich dafür möglichst viel Energie. Diese
       Energie habe ich aber nicht, wenn ein Teil von mir immer damit beschäftigt
       ist, mich selbst zu vergewissern, dass ich hier bin, dass ich gut bin, dass
       ich okay bin, dass ich genug bin, dass ich hier überhaupt sein darf.
       
       taz FUTURZWEI: Es geht darum, im Jetzt angekommen zu sein?
       
       Luisa Neubauer: Ja. Ankommen ist für mich jenseits von der geografischen
       Frage auch eine zeitliche Frage. Habe ich die Möglichkeit, in diesem
       Augenblick anzukommen, in dieser Situation, in dieser politischen
       Ausgangslage oder bin ich die ganze Zeit mit der Verarbeitung von
       vorgestern beschäftigt? Was mich dann teilweise davon abhält, mich den
       Fragen zu stellen, die in diesem Augenblick auf dem Tisch liegen. Grüße an
       die Bundesrepublik.
       
       taz FUTURZWEI: Erfolgreicher Anschub von Veränderungen braucht einen
       bestimmten inneren Aggregatzustand?
       
       Luisa Neubauer: Nee, glaube ich nicht. Auch Menschen, die mit sich selbst
       überhaupt nicht im Reinen sind, okkupiert sind mit tausend anderen Sachen
       und vielleicht auch gerade nicht das Privileg oder die Möglichkeiten haben,
       zu sich zu kommen, können ja fantastische Sachen machen und große Dinge
       bewegen. Meine Beobachtung ist allerdings, dass das oft nicht so nachhaltig
       ist und von Dauer sein kann, wenn nicht mit beiden Beinen auf dem Boden
       gestanden wird. Das ist zum Beispiel, was wir unter einem aktivistischen
       Burnout verstehen.
       
       taz FUTURZWEI: Eine hohe Motivation, ein riesiges Potenzial kann
       gleichzeitig eine höhere Enttäuschungsbereitschaft bedeuten, wenn
       irgendetwas nicht funktioniert und dann steigt man wieder aus. Während eine
       gewisse Beheimatung und Sicherheit einen nicht gleich aus der Kurve trägt,
       wenn irgendwas nicht funktioniert.
       
       Luisa Neubauer: Kann sein. Muss aber nicht sein. Andersherum könnte man
       auch argumentieren, dass viele Leute, die wahnsinnig risikobereit sind im
       Aktivistischen, das auch aus einer strategischen Überzeugung machen. Und
       Teil von jeder guten Strategie ist ja, dass man das Scheitern eben dieser
       Strategie einkalkuliert. Das darf man nicht aus einer politischen
       Überzeugung heraus persönlich nehmen und denken, Gott, jetzt bin ich als
       Aktivist gescheitert. Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir auch verlieren
       können. So ist es.
       
       taz FUTURZWEI: Lassen Sie uns über die fehlenden Wohnzimmer der
       Gesellschaft reden.
       
       Luisa Neubauer: Dem Bild von Leuten, die sich nicht mehr begegnen, würde
       ich widersprechen und sagen: Ist doch klar, in der Zeit der
       Singularisierung und der Fragmentierung und der Filterbubbles sitzen wir
       nicht immer gemütlich zusammen und gucken zwei Abende die Woche verlässlich
       erstes Fernsehen oder Thomas Gottschalk. Gleichzeitig sind ja Leute in
       Deutschland mehrheitlich organisiert und engagiert und in sehr, sehr vielen
       Räumen und Vereinen unterwegs.
       
       taz FUTURZWEI: Sie selbst sind viel in digitalen Räumen unterwegs?
       
       Luisa Neubauer: Ich bin kein bedingungsloses Fangirl der Digitalisierung,
       aber man kann auch anerkennen, welche fantastischen Möglichkeiten uns der
       digitale Raum bereithält. Ich meditiere manchmal morgens um 7 Uhr in einer
       Online-Runde, da sitzen dann 300 Leute aus der ganzen Republik und atmen
       zusammen. Jedes Mal geht mein Herz auf, weil ich denke: Das ist so schön,
       dass es so etwas gibt und dass das irgendwer organisiert und dann Leute
       dahin kommen. Ich fühle mich ja auch als Botschafterin für das Ehrenamt in
       Deutschland und bewundere, was da alles abgeht in den kleinsten Orten.
       
       taz FUTURZWEI: Was wollen Sie sagen?
       
       Luisa Neubauer: Es ist gut, dass es trotz der Widrigkeiten so viele Räume
       gibt, bei allem Abgesang auf eine zerissene Gesellschaft.
       
       taz FUTURZWEI: Lassen Sie uns zurückkommen auf den Punkt, dass wir in der
       liberal-emanzipatorischen Spätmoderne zum Weltbürgertum strebten. Das
       funktioniert aber nicht als mehrheitsfähiges Gefühl und auch nicht
       realpolitisch, für die Welt oder den Planeten zuständig zu sein. Man ist
       gefühlsmäßig eben nicht auf dem Planeten zu Hause?
       
       Luisa Neubauer: Ich würde ein anderes Bild wählen: Wir saßen in diesen
       Wohnzimmern in der Bundesrepublik und der Eindruck war, wir sind hier drin,
       hinter einer Glasscheibe, und da draußen ist die Welt. Wir gucken durch die
       Fenster raus in die Welt, aber nur wenn wir Bock haben. Wenn es richtig
       nervig ist, die Welt brennt und die Eisbären von den schmelzenden
       Eisplatten fallen, dann machen wir den Vorhang zu. Ohne jetzt hier
       pathetische Sinnbilder bedienen zu wollen, würde ich argumentieren, dass
       diese Fensterscheibe offensichtlich keine Fensterscheibe ist, sondern ein
       Spiegel.
       
       taz FUTURZWEI: Meint?
       
       Luisa Neubauer: Genauso wie wir in jedem Atemzug die Welt ein- und ausatmen
       und mit jeder Mahlzeit die Welt in uns aufnehmen und in jedem Schritt diese
       Welt begehen, genauso spiegelt das, was wir mit der Welt anstellen – der
       Welt direkt vor unseren Augen und der Welt irgendwo anders – die Art und
       Weise, wie wir mit uns selbst und miteinander umgehen. Diese
       Fensterscheiben-Erzählung hat dazu geführt, dass wir uns gar nicht nur von
       der sogenannten Welt distanziert haben, sondern zunehmend auch von uns
       selbst. Wer sind wir eigentlich in dieser Welt?
       
       taz FUTURZWEI: Sagen Sie es uns.
       
       Luisa Neubauer: Wenn die Welt immer etwas ist, was da draußen in der Ferne
       ist, dann ist sie niemals etwas, was hier ist. Zugehörigkeit zur Welt
       beginnt in meinen Augen damit, in diesem Augenblick zu sein, an diesem Ort
       zu sein, bei mir zu sein. Die Welt nicht als Strand auf den Malediven zu
       sehen, sondern als das, was jetzt und hier ist. Ich stehe genau hier und
       ich gucke in den Himmel genau über mir und ich höre diesem einen Vogel zu,
       der genau hier in diesem Augenblick zwitschert und vielleicht bin ich die
       einzige Person, die diesem Vogel gerade zuhört. Dieser Augenblick ist die
       Welt, er ist das Einzige, was wir haben, weil wir nur die Gegenwart
       verändern können, nicht die Zukunft und nicht die Vergangenheit.
       
       taz FUTURZWEI: Wow.
       
       Luisa Neubauer: Ich glaube auch, dass wir eine große emotionale,
       moralische, politische Verbindung herstellen zu allem Möglichen, was da
       draußen noch in der Welt ist. Aber diese lange Erzählung, dass die Welt nur
       da draußen sei, sorgt ja dafür, dass wir eine Welt ohne Welt sind. Weil
       überall Leute sitzen und sagen, das hier ist nicht die Welt, die Welt ist
       nur da draußen. Wenn die Welt immer „da“ und nie „hier“ ist, dann verlieren
       wir uns, dann fliegen wir weg. Und dann sind wir, was Alexandra- Schauer
       aufgeschrieben hat: Mensch ohne Welt. Ein tolles Buch, by the way.
       
       taz FUTURZWEI: Ist Bei-mir-Sein nicht in einem strengen Sinne Bei-uns-Sein?
       
       Luisa Neubauer: Kann ich bei uns sein, wenn ich nicht bei mir bin?
       
       taz FUTURZWEI: Kann ich bei mir sein, wenn ich nicht bei uns bin?
       
       Luisa Neubauer: Ja, das wird ja im Buddhistischen als Interbeing benannt.
       Also, was bin ich? Eine Aufeinanderstapelung, eine An-einanderreihung an
       Elementen, die nicht ich sind. Blut und Luft und Wasser und Moleküle und
       alle anderen Sachen. Genau wie jede Blume nur aus Sachen besteht, die nicht
       „Blume“ sind. In dem Sinne würde ich sagen, das ist eine sehr, sehr
       korrekte Beobachtung, dass ich nicht bei mir sein kann, wenn ich nicht bei
       uns bin. Aber rein sozial gesprochen, kann ich in diesem Gespräch nicht bei
       Ihren Fragen sein oder nachvollziehen, woher Sie kommen, wenn ich nicht bei
       mir sein kann, also, wenn ich nicht weiß, wo ich eigentlich bin. Ich würde
       daher zwischen einer molekular-existenzphilosophischen Beobachtung
       unterscheiden und zwischen einer sozial-gesellschaftlichen Formation. Diese
       ganzen Fragen, die wir besprechen, sind gesellschaftsrelevant und
       weltrelevant ... aber sie stehen und fallen alle mit der ganz individuellen
       Bereitschaft, sich ihnen zu stellen.
       
       taz FUTURZWEI: Als ich noch ein Weltbürger zu sein glaubte, war ich
       heimatlos. Das schien mir Grundbedingung zu sein. Seit ich in meiner
       Herkunft Baden-Württemberg, an meinem Wohnort Berlin-Kreuzberg, in der
       liberalen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland meine Heimat gefunden
       habe, bin ich geerdet. Aber man geht ja auf die Straße, weil man die
       Zustände scheiße findet und nicht, weil man sich wohlfühlt?
       
       Luisa Neubauer: Da sind jetzt einige Prämissen drin, die man hinterfragen
       könnte.
       
       taz FUTURZWEI: Bitte.
       
       Luisa Neubauer: Zum Beispiel würde für mich eine Verortung in der Welt auch
       heißen: Ich erkenne an und weiß vielleicht sogar zu lieben, woher ich
       komme, ohne dass das meine gesamte Identität ausmachen muss. Ich bin so
       sehr bei mir, dass ich mich nicht zwangsläufig identifizieren muss durch
       den Ort, wo ich geboren bin oder den Ort, wo ich wohne, weil ich ja bei mir
       angekommen bin. Und zu Punkt 2: Es ist eine Motivation der Aktivistin, zu
       sagen, das reicht nicht. Aber man kann ja nicht wütend über einen Missstand
       sein, ohne Imperativ, wie es besser sein sollte.
       
       taz FUTURZWEI: Kann man nicht?
       
       Luisa Neubauer: Es geht im Aktivismus bereits um eine Zusage an potenzielle
       neue Zugehörigkeiten und Heimaten. Aktivismus ist immer Auseinandersetzung
       mit dem Zwischenraum zwischen dem Ist und dem, was sein könnte. Und die
       dritte Anmerkung wäre, dass die Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit,
       Ankommen, Weltverbundenheit, planetarer Existenz nicht nur in öffentlichen,
       sondern auch in aktivistischen Diskursen bisher zu sehr noch Randthema ist.
       Man könnte argumentieren, dass alleine der Modus, in dem man auf die Straße
       geht für eine Welt, auch als eine Art Liebeserklärung für diese Welt
       gelesen werden kann.
       
       taz FUTURZWEI: Okay. Der klassisch-linke und jetzt auch der
       rechtspopulistische Aktivismus ist indes geprägt von einem Misstrauen gegen
       alles. Fridays for Future waren ein Paradigmenwechsel, weil sie Vertrauen
       in die Institutionen ausgestrahlt haben.
       
       Luisa Neubauer: Dazu kommt, dass ein Aktivismus oder Einsatz von
       Rechtsaußen, Rechtspopulisten, Rechtsradikalen, sich tendenziell nicht
       sehnt nach einer neuen Zukunft, sondern nach einer ausgedachten
       Vergangenheit. Diese Option bleibt offensichtlich den Klimaaktivist*innen
       nicht. Wer sich mit molekularen Vergänglichkeiten beschäftigt, der ist
       jetzt zwangsläufig in der Situation, nach vorne zu denken.
       
       taz FUTURZWEI: Trotzdem ist eine Grundfrage, ob man es groß angehen will –
       planetarisch – oder im Kleinen etwas bewegen und voran-bringen möchte?
       
       Luisa Neubauer: Nochmal: Ich würde der Idee widersprechen, dass es diesen
       Ort vor mir gibt und eine Welt da draußen, ich würde dem geografisch,
       wissenschaftlich, aber auch ökologisch, existenzphilosophisch
       widersprechen. Wir atmen die Welt und wir sind die Welt. Die Welt ist
       nichts anderes als die Aneinanderreihung von kleinen Orten. Aus dem
       Mißverständnis heraus kommt es auch zu einem völlig skurrilen Framing, in
       dem man sagt: Oh, wir haben in Hamburg den Volksentscheid gewonnen, aber
       Hamburg kann doch nicht die Welt retten. Natürlich kann Hamburg nicht die
       Welt retten.
       
       taz FUTURZWEI: Es geht auch nicht ums Weltretten.
       
       Luisa Neubauer: Nein. Wir müssen nicht die Welt retten, sondern die
       Beziehung zur Welt. Aber was wir machen können, ist, einen Ort nach dem
       anderen verändern und dann probieren, das Ganze zu koordinieren. Dafür gibt
       es dann etwa UN-Klimakonferenzen, wie dieses Jahr in Brasilien.
       
       taz FUTURZWEI: Wie gewinnt man aus dem, was Sie beschreiben, ein
       politisches Momentum? Der klassische Protest steckt fest, die FFF-Variante
       auch, die Gesamtentwicklung läuft politisch und gesellschaftlich in die
       falsche Richtung. Trotzdem habe ich das Gefühl, man hat etwas Bestimmtes zu
       lange nicht gesehen, aus dem man viel mehr machen könnte.
       
       Luisa Neubauer: Das unterstreiche ich zu 100 Prozent. Ich glaube, das ist
       jetzt eine handwerkliche Frage. Statt auf den Moment zu warten, in dem sich
       irgendetwas Großes ergibt, ist es strategisch sinnvoll – und vor allem auch
       in der Sache geboten –, loszulegen, auch wenn es sich teilweise mühsam
       anfühlt, gerade dann. Wir können ein Momentum nicht bestellen, wir können
       nur durch unsere Worte und Taten dafür sorgen, dass die Wahrscheinlichkeit
       für eine Art Momentum wächst. Das heißt: Öffentlichkeit, Worte, Sprache zu
       finden, Einladungen auszusprechen, Türen zu öffnen, Wohnzimmer zu öffnen.
       Wenn wir auf diese Heimatfrage oder die Zugehörigkeitsfrage schauen, geht
       es auch darum, so eine Art Verklemmtheit zu ignorieren, die bei vielen
       vorherrscht.
       
       taz FUTURZWEI: Was für eine Verklemmtheit?
       
       Luisa Neubauer: Naja, all das steht ja unter einem gewissen verdacht
       esoterisch oder ultra-religös durchtränkt zu sein, wird daher oft beiseite
       geschoben oder nur flüsternd besprochen. Es geht jetzt darum, zu sagen, wir
       ignorieren diese Gewohnheit des Wegnuschelns, des an die Seite schiebens,
       gemeinsam und individuell. Der nächste Punkt ist dann, nicht nur Wohnzimmer
       zu öffnen, sondern dieses Mainstreaming auch auf größeren Bühnen
       voranzutreiben, wo Leute darüber sprechen. Ich bin in so vielen Gesprächen
       mit Leuten, die ich überhaupt ganz anders eingeschätzt hatte und die zu mir
       kommen und sagen: Luisa, wir müssen mehr über die Erdung in der Krise
       sprechen, und wir müssen mehr übers Ankommen im Augenblick sprechen. Und
       ich denke: Cool. Da können wir ganz schnell etwas bewegen.
       
       taz FUTURZWEI: Zum Ermöglichen unkonventioneller Bündnisse gehört das
       Finden gemeinsamer Nenner. Bisher hat man eher nach Teilungsfaktoren
       gesucht.
       
       Luisa Neubauer: Was ist das riesige Potenzial, was ist der eine Faktor, auf
       den wir bauen müssten? Dieser Faktor ist das Menschsein. Das ist ja nun mal
       die Sache, die wir alle teilen. Menschsein in einer Existenzkrise. Mensch
       bleiben und Menschlichkeit nach vorne stellen. Eigentlich eine skurrile
       Erfahrung, dass genau dieser Faktor so sehr ausgeblendet und weggenuschelt
       wurde.
       
       taz FUTURZWEI: Leute haben ein bestimmtes Bild von Ihnen oder von anderen.
       Wenn Sie plötzlich mit anderen Gedanken oder Begrifflichkeiten kommen, dann
       sitzen die da und denken: Was ist das?
       
       Luisa Neubauer: Deswegen spreche ich gerne in Kirchen, jetzt zum
       Reformationstag durfte ich etwa eine Kanzelrede in Bonn halten.
       Mittlerweile benenne ich das auch in Interviews. Ich werde ja in einem
       durchschnittlichen Interview gefragt: Warum spricht niemand über das Klima?
       Lustig übrigens, diese Frage wird ja immer gestellt, während wir
       zusammensitzen. um über das Klima zu sprechen. Dann geht’s weiter: Wie
       finde ich Friedrich Merz, Katharina Reiche, Robert Habeck? Was sage ich zur
       Atomkraft, zur AfD, zu Rechtsaußen? Und wie geht es mir eigentlich mit dem
       ganzen Hass? In keinem dieser Augenblicke werde ich ja gefragt: Was
       begeistert Dich? Was ist die neueste Erfolgsgeschichte? Und wie geht es
       eigentlich deinem Herz? Und das übertitelt man immer mit dem Foto, auf dem
       ich extrem wütend richtung Kamera schnaube.
       
       taz FUTURZWEI: Wir Medien stabilisieren den Nicht-Denk-Status quo?
       
       Luisa Neubauer: Und damit hat man genau das Bild, das in die alte
       Geschichte passt. Dieser
       „Ich-bin-gegen-alles“-Genervtheits-„Ihr-seid-blöd“-Aktivismus. In dem weder
       ich als Mensch noch die Menschlichkeit irgendeine Art von Raum hat. Und
       dann wundert man sich, dass Menschen in Schubladen denken.
       
       taz FUTURZWEI: Wie wichtig ist Vertrauen für Sie, Frau Neubauer?
       
       Luisa Neubauer: Also, in der Klimaökologie sagen wir ja: Change travels in
       the speed of trust.
       
       taz FUTURZWEI: Je mehr Vertrauen, desto schneller der Wandel.
       
       Luisa Neubauer: Vertrauen heißt ja nicht, blind Vertrauen, dass alles gut
       wird oder Vertrauen, dass alles gemacht wird und ich muss nichts mehr tun.
       Grundlage von meinem Aktivismus ist, Vertrauen darin, dass Wandel möglich
       ist innerhalb von Parteien, innerhalb von Regierungen, auch innerhalb von
       Demokratien. Dass Vertrauen in die Demokratie an sich ein wandelnder und
       ein sich entwickelnder Organismus ist, dass Resilienz und
       Strapazierfähigkeit da sind. Vertrauen meint nicht Blindvertrauen,
       Naivität, Gutgläubigkeit, darum geht es nicht. Es geht um Vertrauen in die
       Schaffenskraft von Menschen, in die Stärke von Gemeinschaften, Vertrauen in
       das, was passiert, wenn man Menschen zusammen tut an einem Ort.
       
       taz FUTURZWEI: Der Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht in diesem Heft
       über die rechtspopulistische Strategie des Aufbaus von
       Misstrauensgemeinschaften. Vertrauen in die liberale Demokratie, die
       Institutionen, die Wissenschaft wird systematisch erodiert.
       
       Luisa Neubauer: Ich finde es in der Sache richtig, aber beinahe
       wohlwollend, einen rechtsradikalen oder rechtsextremen Protest mit dem
       Begriff Misstrauen zu überschatten. Zumindest im Amerikanischen handelt es
       sich vor allem um eine weiße Überlegenheitskultur und tief
       nationalistisches Gedankengut, bei dem gerade aus dem Vertrauen der eigenen
       sogenannten Rasse oder Identität gegenüber agiert wird.
       
       taz FUTURZWEI: Das Ziel ist es, die Gemeinschaft der Misstrauenden immer
       größer zu machen, was ja in Ostdeutschland prima gelingt. Dagegen braucht
       es jetzt Bürger, die dem Staat und den Institutionen vertrauen.
       
       Luisa Neubauer: Aber die klassisch linke Antwort, die progressive Antwort
       darf nicht sein: Ja gut, die misstrauen, dann machen die das Gegenteil und
       wir machen blindes Vertrauen.
       
       taz FUTURZWEI: Sondern?
       
       Luisa Neubauer: Sondern zu sagen: Okay, wir beschäftigen uns ernsthaft und
       aufrichtig mit der Frage, was ist eigentlich Vertrauen und wie sieht das in
       der Praxis aus und wie wird Vertrauen etwas, was eben nicht eine blinde,
       progressive Überschrift ist, die dem Misstrauen entgegengestellt wird,
       sondern wie kann Vertrauen etwas Substantielles sein?
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres
       Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“
       – [2][jetzt im taz Shop].
       
       23 Dec 2025
       
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