# taz.de -- Der Flusen
> Versuch über Tage zwischen Hoffen und Bangen mit einem Handy, das sich
> nicht laden lässt. Bis ein Zahnstocher die Rettung bringt
Von Dirk Knipphals
Wer kennt die Nöte, nennt die Sorgen, die ein kaputter Akku verursachen
kann! Das Handy ließ sich nicht mehr aufladen. Man steckte das Ladekabel,
USB C, hinein, für Sekunden erschien, wie zum Hohn, die Anzeige „Gerät wird
geladen“ auf dem Display, doch in dem Moment, in dem man sich gerade wieder
Hoffnung erlauben wollte, erlosch sie auch schon wieder. Der Akkustand
verblieb im einstelligen Bereich und leuchtete rot.
Es waren Tage zwischen Hoffen und Bangen. Durch unermüdliches Ein- und
Ausstöpseln sowie kontrollierten Gebrauch gelang es, den Akkustand über 3
Prozent zu halten. Doch der Schrecken der Nichterreichbarkeit, zumal im
Heimaturlaub, drohte ständig. Und man wurde sich bewusst, für was man
dieses kleine Gerät doch alles brauchte. Zeitung lesen. Soziale Medien
kontrollieren. To-do-Listen erstellen. Fotos schießen. Kontostand checken.
Mails lesen. Navigieren. Das war jetzt alles komplizierter geworden. Man
fühlt sich in so einer Lage nicht gut eingerichtet in der Welt.
Hektisches Herumprobieren ergab, dass das Gerät etwas länger geladen wurde,
wenn man das Kabel in einem bestimmten Winkel festhält. Das führte zu
waghalsigen Versuchsanordnungen. Handy aufs Ladekabel gestellt und gegen
die Wand gelehnt. Ladekabel mit einem Buch nach unten gedrückt.
Konstruktionen mit Gummibändern und Legohaltern wurden ersonnen und
verworfen. Selbstverständlich wurde sich auch über mögliche Neukäufe
informiert, was Einblicke in die Kompliziertheit der Warenwelt und
Unübersehbarkeit der Angebote, wenn man nicht von vornherein auf einen
Hersteller festgelegt war, gewährte. Der Handykauf: eine Wissenschaft für
sich.
Kulturkritische Überlegungen begleiteten auch diese Tage. Der Fortschritt
bei Handys ist gewaltig. Die Dinger haben eine Rechenleistung, die diese
schrankgroßen blinkenden Kästen, mit denen sich die Menschheit auf den Mond
gerechnet hat, bei Weitem übersteigt. Und dann schaffen sie es nicht, eine
Ladebuchse zu konstruieren, die hält! Womöglich wollen sie das auch gar
nicht. Die Ladebuchse als Sollbruchstelle, damit man sich alle paar Jahre
ein neues Gerät kaufen muss.
So vergingen die Tage. Bis man in einem letzten verzweifelten Versuch sich
selbst mit einem Zahnstocher in der Ladebuchse herumstochern sah – und
einen großen Flusen aus zusammengedrücktem Staub zutage förderte. Ein
Moment heißer Erlösungshoffnung. Und tatsächlich. Das USB-C-Kabel passte
wieder, das Gerät lud sich mit einer schönen Selbstverständlichkeit, als
wäre nie etwas gewesen.
Was bleibt? Man hatte sein treues Handy wieder, genoss für den Moment, was
man sonst für selbstverständlich nahm: das schiere Funktionieren, und blies
übermütig den Flusen in die Luft.
3 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Dirk Knipphals
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