# taz.de -- Medizinische Versorgung im Krieg: Vom Leben und Überleben in Odessa
> In der ukrainischen Hafenstadt behandelt eine Klinik speziell
> Binnengeflüchtete. Die Behandlung in St. Rafael ist kostenlos.
(IMG) Bild: Snezhana Eremenko vor der Klinik St. Rafael in Odessa
Cool blicken fünf verwegene Männer in Lederjacken, mit Kaffeebechern in der
Hand, auf die flanierenden Menschen in der Deribasowska, der Fußgängerzone
von Odessa. Neben ihnen ihr ganzer Stolz: fünf schwere Motorräder der Marke
Harley-Davidson. 200 Meter weiter stehen mehrere Dutzend vor allem junge
Menschen und lauschen zwei Sängern.
Wenn man nicht wüsste, dass in der Ukraine Krieg herrscht, hier in der
Fußgängerzone von Odessa würde man es nicht merken. „Odessa ist die einzige
ukrainische Stadt, von den besetzten Gebieten abgesehen, mit direktem
Zugang zum Meer“, erzählt Anna aus Charkiw. „Und deswegen komme ich
manchmal für eine Woche in diese wunderschöne Stadt“, ergänzt sie.
Sie gehört zu den wenigen in der Ukraine, die sich mehrmals im Jahr einen
Urlaub in Odessa leisten können. Für eine Ferienwohnung zahlt man hier
zwischen 200 und 400 Euro pro Woche.
Doch die Fußgängerzone mit ihren gemütlichen Restaurants, Bars und Cafés,
seiner Straßenmusik und den Touristengruppen ist nur ein kleiner Teil der
Realität der Hafenstadt, die, wie es in dem bekannten Lied „Ach Odessa,
Perle am Meer“ heißt, viel Leid gesehen hat.
Die Mehrheit seiner Bewohner kann es sich nicht leisten, in der
Fußgängerzone eine Pizza zu essen. Wie in anderen ukrainischen Städten auch
gibt es in Odessa eine unsichtbare Trennlinie zwischen den besitzenden
einheimischen Wohnungseigentümern und den weitgehend besitzlosen
Binnenflüchtlingen. Und während immer mehr Odessiten die Stadt verlassen,
nimmt gleichzeitig die Zahl der Binnenflüchtlinge zu. Das wirkt sich auch
auf das Stadtbild aus. Die Neuen aus dem Donbass sind einfacher gekleidet.
## Spenden aus Italien
Gerade einmal 15 Minuten zu Fuß sind es von der Fußgängerzone zur vulica
Pastera, der Pasteur-Straße. Dort befindet sich [1][die Klinik Sankt
Rafael].
Wer hier in den Warteräumen der Klinik, die einer größeren Praxis gleicht,
sitzt, gehört zu denen, die sich in der Fußgängerzone nichts leisten
können. Hier warten jeden Tag von früh bis spät Patienten geduldig, bis sie
an der Reihe sind. Das Besondere an dieser Klinik, in der immer mindestens
zwei Ärzte und eine Krankenschwester anwesend sind, ist, dass hier
Binnenflüchtlingen geholfen wird. Die üblicherweise teuren Medikamente gibt
es für sie hier kostenlos. Dass das geht, liegt an der Zusammenarbeit mit
zwei italienischen Lions Clubs. Ein großer Teil der medizinischen Geräte in
der Klinik wurde aus Italien gespendet.
„Die Rafael-Klinik ist zwar eine Privatklinik, doch die finanziellen
Rahmenbedingungen sind wie in einer staatlichen Klinik“, berichtet
Chefärztin Snezhana Eremenko gegenüber der taz. „Das heißt, ich bekomme für
jeden Patienten vom Staat ungefähr einen Euro. Bei 600 Patienten sind das
also etwa 600 Euro im Monat. Privatkliniken bekommen pro Arztbesuch zehn
Euro.“
## Medizinische Hilfe als Lebensader
Viele der Patientinnen und Patienten, die diese Klinik aufsuchen, haben
eine lange Flucht hinter sich. So berichtet eine ältere Frau: „Ich war vor
dem Krieg gesund. Aber seit ich geflüchtet bin, habe ich Rückenschmerzen,
meine Beine schmerzen, der Blutdruck ist zu hoch und jetzt habe ich auch
noch Diabetes.“
In fast jedem Gespräch ist der Krieg präsent – ob direkt angesprochen oder
im Subtext spürbar. Switlana, eine Geflüchtete aus Cherson, erzählt: „Mein
Sohn ist Diabetiker, meine Mutter hatte einen Schlaganfall. Wir leben jetzt
in einem Gebäude, das einer Kirche gehört. Und diese Klinik hilft uns mit
Medikamenten, mit Windeln, mit allem. Ich bin so dankbar.“
Ruhig hört Snezhana Eremenko zu, wie ein junger Mann, der vor Kurzem aus
zweijähriger Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, von seinen
Schlafstörungen berichtet.
Ein Mann namens Wowa kommt ins Behandlungszimmer, legt sein Smartphone vor
Snezhana Eremenko auf den Tisch und zeigt ihr ein Video. „Da sehen Sie die
Ortschaft, aus der ich komme, aus der Vogelperspektive. Jetzt ist sie von
den Russen besetzt. Schauen Sie mal: Die Hälfte der Häuser ist zerstört.
Und hier, weiter links, sehen Sie mein Haus. Es steht noch.“ „Ja, woher
haben Sie denn dieses Video?“, will Snezhana wissen. „Ein Freund von mir
bastelt Drohnen“, erklärt Wowa. „Und eine dieser Drohnen hat er mit einer
Kamera über meine Ortschaft fliegen lassen.“
Seinen richtigen Namen will Wowa nicht in der Zeitung stehen sehen. „Ich
habe Angst, dass meine Erzählungen meinen Verwandten schaden könnten. Die
sind noch drüben“, erklärt er. Aber auch in Odessa hat er Angst. Wenn er
aus dem Haus geht, macht er sich in einschlägigen Telegram-Kanälen kundig,
wo gerade die Männer von der Militärbehörde TZK stehen. „Die nehmen dich
direkt von der Straße mit zum Militär. Und dann, wenn sie dich haben, bist
du in ein paar Wochen im Schützengraben.“ Und das will er nicht. „Ich habe
meine letzten Medikamente hier bekommen. Die Ärzte erklären alles, hören
zu, das ist nicht selbstverständlich“, berichtet Tetjana Borisywna. Sie
spricht mit zitternder Stimme. Ihre medizinischen Dokumente sind zahlreich,
die Liste ihrer Krankheiten lang.
„Viele kommen, weil sie wissen, dass bei uns Behandlung und Medikamente
kostenlos sind. Wenn es uns nicht gäbe, müssten sie in Apotheken gehen oder
teure Privatärzte aufsuchen – das kann sich kaum jemand leisten“, so
Chefärztin Eremenko. „Viele junge Menschen sind ins Ausland gegangen“, sagt
sie, „zu uns kommen vor allem Ältere – mit Diabetes, Krebs, Herzproblemen.
Die Statistik täuscht: Es ist nicht die Stadt, die kränker wird, sondern
der demografische Wandel, der die Realität verändert.“
## Ein Ort der Solidarität
Was diese Klinik so besonders macht, ist nicht nur die medizinische
Leistung, sondern das soziale Engagement. Geflüchtete, Kranke, finanziell
Schwache – sie alle fühlen sich in der Klinik von Snezhana Eremenko zu
Hause, finden hier ein offenes Ohr und eine helfende Hand.
Eine Patientin fasst es so zusammen: „Ich hätte nie gedacht, dass es solche
Menschen gibt. Dass es möglich ist, ohne Geld Hilfe zu bekommen, wo wir
doch alles verloren haben.“
Irgendwann nach 18 Uhr sitzt Snezhhana Eremenko alleine in der Praxis und
lässt die Patienten des Tages noch einmal Revue passieren. Sie berichtet
von ihren Hausbesuchen, spricht auch darüber, was diese Arbeit mit ihr
macht. „Die Leute gehen sehr unterschiedlich mit den Luftangriffen um. Ich
kenne eine Frau, die ist [2][am Morgen nach einem Luftangriff], der in
ihrem Haus einen ganzen Eingang mit Wohnungen in sieben Stockwerken
weggerissen hat, zur Arbeit gegangen, als sei nichts gewesen. Und andere
sind nach solchen Situationen für Wochen nicht mehr arbeitsfähig.“
## Binnenflüchtlinge nehmen Luftangriffe ernster
„Mir machen diese Angriffe psychisch wirklich nichts aus“, fährt die Ärztin
fort. „[3][Wenn ich nachts wieder mal Drohnen rattern höre], mache ich das
Fenster zu und schlafe weiter. Trotzdem bin ich nach solchen Nächten am
Morgen physisch total fertig. Vielleicht ist da noch etwas in den
Sprengsätzen drinnen, das wir noch nicht kennen“, meint sie. Und erzählt,
dass sie in der jüngsten Zeit eine Zunahme an Krebserkrankungen beobachtet
hat.
Snezhana Eremenko ist nicht den ganzen Tag in ihrer Klinik. „Wenn ich einen
Hausbesuch mache, gehe ich zuerst ins Bad, um mir die Hände zu waschen“,
berichtet sie. „Und wenn ich sehe, dass in der Badewanne Kopfkissen und
Kinderspielzeug liegen, weiß ich, dass diese Familie [4][aus einem
umkämpften Gebiet geflohen ist]. Denn wir Odessiten nehmen die Sirenen
nicht sehr ernst. Die Menschen aus den umkämpften Gebieten dagegen schon.“
Immer wieder weisen Behörden und Feuerwehr auf die „Zwei-Wände-Regel“ hin.
Wer bei einem Luftalarm nicht in einen Schutzraum geht, sollte sich in
seiner Wohnung an einer Stelle aufhalten, die zwei Wände von der Außenwelt
trennen. Üblicherweise ist das das Bad.
## Große Pläne für ein Veteranenzentrum
Eremenko kommt ins Erzählen. Sie hat eine Zusammenarbeit mit dem örtlichen
Veteranenzentrum vereinbart. Das von der Gebietsverwaltung finanzierte
Zentrum verfolgt das Ziel, Veteranen und ihre Familien umfassend zu
unterstützen. Irgendwann gegen 19 Uhr verlässt die Ärztin die Klinik, macht
nur noch mal „eben und ganz kurz“ einen Hausbesuch. Und irgendwann nach 21
Uhr lässt sie sich in ihrem kleinen Häuschen, etwas außerhalb der
Großstadt, in einen Sessel fallen, liest noch kurz die aktuellsten
Telegram-Nachrichten, bevor sie sich ans Abendessen macht.
Aus Italien hat sie eine E-Mail bekommen, in der die Spende von einem
Ultraschallgerät, einem Inkubator für Frühgeborene und Rollstühle
angekündigt wird. Oft erhält sie Spenden, für die ihre Klinik keinen Bedarf
hat. „Ich werde diese Lieferung an das Bezirkskrankenhaus weitergeben“,
sagt sie. „Die freuen sich sehr darüber.“
23 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://rafail.od.ua/
(DIR) [2] /-Nachrichten-im-Ukraine-Krieg-/!6126825
(DIR) [3] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6141577
(DIR) [4] /1379-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6128339
## AUTOREN
(DIR) Bernhard Clasen
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