# taz.de -- szene: Zusammen den Mond anschauen
       
       Es könnte so wie früher sein, ist es aber nicht. Auch wenn wir uns
       verabredet haben, um uns den Mondaufgang zusammen anzuschauen, fehlt mir
       die Romantik. Vielleicht, weil ich früher in sie verliebt war und jetzt
       schon lange nicht mehr. Über Facebook hatte ich erfahren, dass der Mond
       größer als sonst zu sehen sein würde (ein Supersupermond sozusagen) und ihr
       einen Screenshot davon geschickt.
       
       Immer noch, wenn es um den Mond geht, denke ich an sie. Das haben wir immer
       gern zusammen gemacht – den Mond anschauen, sei es am Meer, auf den
       Kanarischen Inseln zum Beispiel, auf einer Dachterrasse in Sizilien oder
       eben bei uns in Neukölln.
       
       Wir stehen also in der Dunkelheit des Tempelhofer Felds und trinken Bier,
       das ich mitgebracht habe, weil sie es sich gewünscht hatte, obwohl mir eher
       nach Tee war. Ihr ist kalt; sie springt deshalb ein bisschen herum und
       reibt sich die Hände. Ich behaupte, dass der Mond sich heute an einem
       anderen Ort als früher befindet, nämlich direkt über der Herrfurthstraße,
       aber sie meint, er sei schon immer dort gewesen. In meinem Kopf schauten
       wir damals aufs Feld und hatten ihn nicht im Rücken. Wahrscheinlich hat sie
       recht – und es ist nur die Sehnsucht nach den Gefühlen, die nicht mehr da
       sind, die meine Erinnerung an die Szene romantischer erscheinen lässt, als
       sie eigentlich war.
       
       Aber mit der Tatsache, dass der Mond an diesem Abend besonders
       beeindruckend ist, sind wir einverstanden. Riesig und strahlend hängt er
       da, umgeben von dünnen Wolken, die wie gemalte Linien in alle Richtungen
       verlaufen. Früher blieben wir in solchen Momenten still, gemeinsam und doch
       jede für sich. Jetzt reden wir über alles Mögliche, durcheinander, während
       wir uns auf den Rückweg machen. Es ist nicht mehr wie früher – es ist
       anders schön, stelle ich dann fest.
       
       Luciana Ferrando
       
       8 Dec 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
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