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1 Man ist so alt, wie was man hört
Große Aufregung wie jedes Jahr, wenn ein großer [1][und durchaus
fragwürdiger] Music-Streamingdienst [2][sein „Wrapped“-Format
veröffentlicht], die musikalische Rückblicksshow. Diesmal neu ist die
Rubrik „Listening Age“, also das Alter, das auf Grund des Hörverhaltens
ermittelt wird. 24-Jährige sind musikalisch auf einmal auf Augenhöhe mit
Boomern. Das stürzte nicht wenige in eine Sinnkrise, und damit ist
„Wrapped“ endgültig zum digitalen Buß- und Bettag der Popkultur geworden.
Wir lernen: Der Mensch ist ein Statistiktier, das für Diagramme
bereitwillig seine Seele öffnet.
2 Wir verstehen nur rückwärts
Und der Mensch wird nervös, wenn er nicht aus dem Fernsehen erfährt, wie es
denn so war, das Jahr. Die TV-Jahresrückblicke wollen uns erklären, was wir
erlebt haben sollten, und sie versuchen, das Jahr zu ordnen, obwohl doch
auch 2025 so chaotisch war wie alle Jahre zuvor. Vielleicht findet der
Mensch sein Gleichgewicht im Rückspiegel, weil vorne zu viel Gegenverkehr
ist.
3 Was wir gucken werden
Netflix hält sich nicht an die Regeln der Nostalgie, denn zum Jahresende
verschwinden aus dem deutschen Angebot Filme wie „Das Leben der Anderen“,
„La La Land“ oder „No Country for Old Men“. Während uns also andere
Plattformen rückblickend umarmen, leert Netflix ungerührt seine Regale, um
Platz zu schaffen für [3][den nächsten True-Crime-Mist]. Was wir in Zukunft
schauen, entscheiden am Ende weder wir noch ein Algorithmus, sondern die
Lizenzen.
4 Was wir wollten
Während Feuilletons und Literaturpreise versuchen, uns einzureden, was
wichtig war, verrät der Buchhandel, was wir 2025 tatsächlich gekauft haben:
Sebastian Fitzeks „Der Nachbar“, [4][den neuen Asterix] und der Ratgeber
„Die 1%-Methode“. Wir wollen Spannung, Trost und die Illusion, alles in
kleinen Portionen kontrollieren zu können.
5 Wer wir waren
Und schließlich verrät Google, was wir wirklich wissen wollten. „Year in
Search 2025“ zeigt wieder, welche Fragen das Land umgetrieben haben: große
politische Verunsicherungen, kleine Alltagsnöte, die üblichen Fluchten
(„Wie kündige ich …?“ bleibt ein Klassiker). Die Suchanfragen eines Landes
sind wohl der ehrlichste Jahresrückblick. (mak)
6 Dec 2025
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(DIR) Matthias Kalle
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