# taz.de -- szene: Mittelmeer oder Markthalle
       
       Die Baristas des französischen Cafés mit den petites viennoiseries in der
       Auslage tragen schwarze Baskenmützen, aber keine dünnen Schnurrbärte. Ich
       sitze an einer Theke, die durch die Glaswand zur Bergmannstraße blickt.
       Rechts hinter mir, im italienischen „Café del Mercato – Vini e Alimentari“,
       wird Italienisch gesprochen, auch von den Gästen – „Ciao Marcello, ciao!“,
       höre ich. Links hinter mir wird Pizza bestellt, über der Pizzeria hängt ein
       Schild. Darauf steht: „So sexy, so spicy, so Italian.“ Ein paar Meter
       weiter bildet sich eine Schlange vor dem Griechen. Und doch bin ich weder
       in Frankreich noch in Italien, noch in Griechenland. Es ist in der
       Marheinekehalle in Berlin-Kreuzberg, wo ich mich – dem Herbst zum Trotz –
       kurz in den Mittelmeerraum versetzt fühle und dann, wenn ich zur Straße
       hinausschaue, wieder nach Berlin zurückgeschleudert werde.
       
       Das herbstliche Sonnenlicht, das durch die Glaswände fällt, beleuchtet die
       Marktstände, als wären sie von Edward Hopper gemalt. Ich komme gern
       hierher. Ich wohne zwar nicht in der Gegend, aber mein Hausarzt, mein
       HNO-Arzt und meine Gynäkologin sind in der Nähe. Zufällig, oder vielleicht
       doch unbewusst, um mir nach jedem Arztbesuch einen kleinen Marktspaziergang
       als Belohnung zu gönnen.
       
       Ich liebe es, durch die Gänge zu flanieren, die Düfte der Weltküchen zu
       riechen, zu sehen, was die Besucher*innen auf ihren Tellern haben, den
       Klang von Besteck und Kassen zu hören und Gesprächen zu lauschen. Ich
       stelle mir vor, was ich bestellen würde, wenn ich Hunger hätte, und worüber
       ich mit den Händler*innen reden würde, wäre ich Stammgast. Weil das aber
       nicht so ist, bleibe ich still in meiner Ecke. Ich schreibe in mein
       Notizbuch und würde am liebsten den Rest des Tages einfach hier in der
       Markthalle verbringen.
       
       Luciana Ferrando
       
       24 Nov 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
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