# taz.de -- Gefahr für die Pressefreiheit: Über Mist-Karren, KI-Fakes und Hass im Netz
> In einem internationalen Kooperationsprojekt hat die taz in den
> vergangenen drei Jahren zu Desinformationskampagnen recherchiert. Auch
> Journalist*innen der taz sind betroffen. Ein Lagebericht.
(IMG) Bild: Gülle über Berlin: Durch Aktionen wie dieser am 18. Dezember 2023 üben Landwirt*innen Kritik an Medien.
[1][Aus der taz] | Um zu verstehen, wie heftig sich der öffentliche Diskurs
und der Hass auf Journalist*innen in den vergangenen Jahren verschärft
hat, hilft ein Rückblick auf eine Episode, in die die taz einst selbst
verwickelt war.
Am 26. November 2019 machte sich eine Gruppe von etwa 20 Männern, Frauen
und Kindern auf den Weg zum Redaktionsgebäude. Dabei hatten sie einen
Trecker und eine Schubkarre voller Unrat, die sie „Goldene Mistkarre“
nannten. Auf den Haufen an Fäkalien hatten sie ausgedruckte Artikel des
taz-Redakteurs Jost Maurin drapiert.
Unser Kollege Maurin, Experte für Landwirtschaftspolitik, hatte zuvor in
der taz das Agrarpaket der damaligen Bundesregierung verteidigt, mit dem
unter anderem [2][neue Vorschriften zum Schutz des Wassers und der
Artenvielfalt] eingeführt und das Ausbringen von Gülle eingeschränkt werden
sollten.
Viele Landwirte waren aufgebracht – über die neuen Umweltvorschriften
ebenso wie über Maurins kritische Berichte. So sehr, dass sie ihre Wut dem
Redakteur an jenem Novembertag persönlich übermitteln wollten.
Damals war die Vergiftung des öffentlich-politischen Diskurses noch weniger
fortgeschritten. In der Redaktion wurde die Aktion nicht sofort als
persönliche Einschüchterung und Drohung interpretiert.
Stattdessen, so zeigen es Videoaufnahmen, wurde den Wut-Bauern noch die Tür
aufgehalten und tags darauf [3][in aufgeschlossenem Ton in eigener Sache]
über die Unternehmung berichtet.
## Pressefeindlichere Stimmung als früher
Das ist sechs Jahre her. Zwar begann die Dämonisierung der Medien bereits
einige Jahre früher, bei den ersten xenophoben Pegida-Demonstrationen im
Jahr 2014, bei denen der Vorwurf der „Lügenpresse“ in zeitgenössischer Form
wieder aufkam, ein Vorwurf, dessen Wurzeln ins 19. Jahrhundert
zurückreichen und der während der Nazizeit häufig verwendet wurde. Doch die
pressefeindliche Stimmung nahm vor allem in den jüngst vergangenen Jahren
noch weiter zu.
Nur wenige Wochen nachdem die Bauern damals mit ihrer Mistkarre vor der taz
aufgetaucht waren, begann die Coronapandemie. Sie wirkte wie [4][ein
Katalysator für eine gesellschaftliche Polarisierung und die Stimmung gegen
faktenbasierten Journalismus].
Die Aktion lag vor den Desinformationskampagnen, die die russische Invasion
in die Ukraine mit dem Jahr 2022 begleiteten sollten – vor der Übernahme
des Kurznachrichtendienstes Twitter durch den Tech-Milliardär Elon Musk,
vor [5][Hackerangriffen auch auf die taz] und vor Mordaufrufen gegen
Journalist*innen im öffentlichen Raum, [6][wie sie der taz-Redakteur
Nicholas Potter aktuell wegen seiner Nahost-Berichterstattung erleiden
muss].
## Dauerfeuer auf taz-Redakteur
Heute, nach alledem, würde ein solch unfreundlicher Besuch der Bauern in
der Redaktion wohl anders aufgenommen. Auch taz-Redakteur Jost Maurin sagt:
„Ich fand das schon grenzwertig, meine Artikel symbolisch auf den Mist zu
werfen.“
Seit der Aktion ist ihm viel widerfahren. Maurin steht im Dauerfeuer
konservativer Landwirte und rechtsextremer Influencer. Er bekommt
Todeswünsche per Post, regelmäßige Hass-Kommentare unter
Social-Media-Beiträge, wird in Video-Botschaften beleidigt und muss sich
bis heute gegen Klagen wehren, die seine Berichterstattung zu unterdrücken
versuchen. Er wird bedroht, beleidigt, eingeschüchtert.
Die persönlichen Angriffe auf Maurin kulminierten vor allem während der
Welle an Bauernprotesten ab Ende 2023, die stark von Rechtsradikalen
angeheizt und bei denen nicht nur Straßen und Autobahnen blockiert wurden,
sondern wiederholt auch Redaktionsgebäude und Vertriebszentren deutscher
Zeitungen. In Deutschland, Spanien und Belgien kam es zu verbalen und
körperlichen Angriffen auf Reporter.
## Projekt zu Angriff und Hass auf Journalist*innen
Die [7][taz hat sich des Falles von Jost Maurin und der Pressefeindlichkeit
der europaweiten Bauernproteste] im Rahmen eines internationalen
Kooperationsprojektes angenommen. Seit 2022 haben wir mit dem International
Press Institute (IPI) mit Sitz in Wien und der Faktencheck-NGO Faktograf
aus Kroatien zusammengearbeitet.
Das Projekt namens „[8][Decoding the Desinformation Playbook]“ drehte sich
um Angriffe und Hass auf Journalist*innen, die darauf abzielen, eine freie
Berichterstattung zu behindern und die in ihrer Tragweite als Element
systematischer Desinformation bezeichnet werden müssen.
Reportagen entstanden über die [9][Kampagnen von Coronaleugnern], die sich
auf den Lokaljournalisten Alexander Roth in Baden-Württemberg einschossen,
über [10][den Druck auf den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk am Beispiel
Thüringens], über [11][den autoritären Umbau des Mediensystems in Ungarn],
über Fälle in Spanien, Italien, Kroatien und in [12][der russischen
Arktis].
Wir recherchierten zu Desinformationskampagnen gegen
Rechtsextremismus-Expert*innen in Rumänien und gegen die slowakische
Journalistin Monika Tódová, die [13][Opfer des ersten bekannten
KI-generierten Audio-Deepfakes] gegen eine*n Journalist*in in der EU
wurde.
Europaweit arbeiteten die Kolleg*innen von Faktograf zudem erstmals die
[14][Erfahrungen von Faktencheckern mit Anfeindungen] in einer Studie auf
und erstellten mit dem IPI eine [15][Anleitung für Redaktionen], wie auf
Hasskampagnen gegen Kolleg*innen reagiert werden kann.
## Die Ideologien dahinter
Klar wurde dabei: Abhängig vom jeweiligen nationalen Kontext wiederholen
sich die pressefeindlichen Narrative, sind grundiert von nationalistischer,
antifeministischer und antisemitischer Ideologie. Begriffe, die im medialen
Diskurs einst Orientierung boten, wurden gekidnappt und in ihrer Bedeutung
vom Kopf auf die Füße gestellt.
Heute schimpfen Rechte über die „Mainstreammedien“ und veröffentlichen in
eigenen „Alternativmedien“. Was als „Fake News“ verunglimpft wird, ist mit
großer Wahrscheinlichkeit Journalismus hoher Qualität, missliebige
Jounalist*innen und Faktenchecker werden wahlweise als „ausländische
Agenten“ oder „Volksverräter“ gebrandmarkt oder als „Sprachrohr der
globalen Elite“, man wirft ihnen selbst Desinformation vor. Faktenchecks
werden zur „Zensur“.
Auch körperliche Angriffe nehmen zu. Eine [16][Studie] des Europäischen
Zentrums für Presse- und Medienfreiheit in Leipzig vom April 2025 ergab
einen Anstieg der physischen Angriffe auf Journalist*innen in
Deutschland um 44 Prozent (98 Fälle im Jahr 2024 gegenüber 69 Fällen im
Jahr 2023).
Im dritten und vorerst letzten Jahr unseres Projektes, dessen Finanzierung
durch den European Media and Information Fund nun auslief, widmete sich das
Team aus taz, IPI und Faktograf den Attacken speziell gegen
Klimajournalist*innen. Stark im Fokus sind hier die Meteorolog*innen, die
bei der Wettermoderation im Fernsehen ein breites Publikum erreichen.
Einer, der dabei immer versucht, auch über die Folgen des Klimawandels
aufzuklären, ist Özden Terli, Meteorologe und Wettermoderator beim ZDF.
Dass er sich in seinem Sender mit selbstverständlichen Kontextinformationen
nicht zurückhält und erklärt, wie extreme Wetterereignisse mit der
Klimakrise zusammenhängen, macht ihn besonders zur Zielscheibe.
Terli wird „Aktivismus“, „grüne Propaganda“ oder sogar „Missbrauch“ seiner
TV-Reichweite vorgeworfen, Beleidigungen mischen sich mit Rassismus. Auch
zu seinem Fall und dem anderer Wettermoderator*innen [17][hat die
taz im Rahmen des Projektes recherchiert].
Terli, Maurin und die vielen anderen Kolleg*innen weltweit versuchen,
sich von den Anfeindungen und Angriffen nicht von ihrem Journalismus
abhalten zu lassen. Doch der Hass hinterlässt immer Spuren.
Auf dem Spiel steht dabei nicht nur die Gesundheit der Faktenchecker*innen,
Reporter*innen, Meteorolog*innen und Redakteur*innen, sondern mit der
freien Berichterstattung letztendlich auch der demokratische Charakter der
Gesellschaft – und, sofern die Destruktion des Diskurses sich fortsetzt,
auch die Aufklärung selbst.
🐾 Die ausführlichen Rechercheberichte dieses Projektes lesen Sie auf
[18][observatory.ipi.media] oder hier auf [19][taz.de/disinfo]
19 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] /info
(DIR) [2] /Umweltbelastung-durch-Duenger/!5635932
(DIR) [3] /Umweltbelastung-durch-Duenger/!5635932
(DIR) [4] /Verschwoerungsmythen-und-Corona/!t5015225
(DIR) [5] /Angriff-auf-die-taz/!6081815
(DIR) [6] https://blogs.taz.de/hausblog/taz-chefredaktion-zur-bedrohung-von-nicholas-potter/
(DIR) [7] https://observatory.ipi.media/case_studies/dung-heaps-verbal-attacks-death-wishes-the-farmers-protest-movement-and-its-attacks-on-editorial-offices-and-critical-journalists/
(DIR) [8] https://ipi.media/decoding-disinformation-playbook/
(DIR) [9] /Rechte-Hetze-gegen-Journalisten/!5966298
(DIR) [10] /Pressefreiheit-in-Thueringen/!6025619
(DIR) [11] /Angegriffene-Pressefreiheit-in-Ungarn/!5928587
(DIR) [12] /Russischer-Journalismus/!6093337
(DIR) [13] /Russische-Desinformation/!6000119
(DIR) [14] https://ipi.media/ipimedia/decoding-disinformation-episode-3-fact-checkers-targeted-by-populists-in-europe/
(DIR) [15] https://observatory.ipi.media/resources-for-journalists/
(DIR) [16] https://www.ecpmf.eu/feindbild-journalistin-9/
(DIR) [17] https://observatory.ipi.media/case_studies/parasites-or-system-whores-how-the-truth-about-global-heating-provokes-hatred-of-climate-journalists-and-weather-presenters/
(DIR) [18] http://observatory.ipi.media
(DIR) [19] /disinfo
## AUTOREN
(DIR) Jean-Philipp Baeck
(DIR) Christian Jakob
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