# taz.de -- momentaufnahmen: Wenn der Waldfriedhof etwas zurückgibt
Der Ruhewald duftet nach dem Morgenregen. Auf einer Lichtung sitzen wir im
Kreis. Die Mutter meiner Brüder war nach einem langen Leben gestorben. Ihre
Kinder singen und sagen, was sie an ihr gemocht haben. Jammernd geleitet
uns ein Dudelsack zum Grab.
Die Urne verschwindet im Loch. Alle werfen eine Schippe Sand hinterher.
Aber ich habe nur Augen für die gelben Flecken im Herbstlaub. Pfifferlinge,
mitten im Buchenwald? Nee, kann nicht sein. Sind bestimmt falsche.
Als Letzter trete ich ans Grab, schippe, blicke mich verstohlen um. Alle
haben sich dem Rückweg zugewandt. Ein Griff nach unten – tatsächlich, ein
Pfifferling! Schnell sind es zwei übervolle Hände. Der Regenschirm ist
umgedreht ein fast perfekter Pilzkorb. Beim Anstieg sehe ich große alte
Kiefern, 80 Meter entfernt, aber nah genug, um Pfifferlinge zu nähren. Den
einen Steinpilz am Wegesrand nehme ich auch noch mit – und die beiden
Champignons. Ergibt eine ordentliche Mahlzeit.
Darf man das eigentlich, Pilze sammeln auf einem frischen Grab? Die anderen
schauen jedenfalls eher amüsiert als ärgerlich. Sie kennen mich ja. Jan
Kahlcke
1 Nov 2025
## AUTOREN
(DIR) Jan Kahlcke
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