# taz.de -- Zum Tod von Claus Offe: Ein Sozialwissenschaftler, der gegen den Strich dachte
       
       > Claus Offe zeigte Widersprüche auf und scheute keine öffentlichen
       > Auseinandersetzungen. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.
       
 (IMG) Bild: Claus Offe, fotografiert nach einer Podiumsdiskussion in Köln, November 2019
       
       Augsburg taz | Es ist selten, dass sich ein international renommierter
       Sozialwissenschaftler so wenig an die engen Grenzen von Disziplinen hält.
       Claus Offe bewegte sich elegant zwischen Soziologie, Politikwissenschaft
       und Politischer Ökonomie, um 1970, mit gerade 30 Jahren, zu einem der
       führenden Vertreter des Neomarxismus und der New Left in Europa zu werden.
       
       Immer wieder stellte Claus Offe sich dem öffentlichen politischen
       Schlagabtausch, so bereits 1961 als Mitverfasser [1][der SDS-Denkschrift
       „Hochschule in der Demokratie“.] Nach dem Studium führte ihn seine
       akademische Laufbahn nach der Mitarbeit bei Jürgen Habermas in Frankfurt
       und Starnberg (mit einer Zwischenstation in Berkeley) nach Bielefeld, wo er
       1975 seine erste Professur antrat.
       
       Gegenüber vielen Mitstreitern zeichnete ihn sein unbefangener Umgang mit
       dem Marx’schen Erbe aus. Offe nutzte dieses Erbe als Werkzeugkasten,
       [2][der wichtige Elemente für eine zeitgemäße Gesellschaftsanalyse
       bereithält.] Er war jedoch nicht daran interessiert, die Wirklichkeit
       dogmatisch in ein vorgegebenes Kategorienraster zu pressen.
       
       Vor allem seine frühen Arbeiten beschäftigen sich mit dem schwierigen
       Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus: Wie ist das Versprechen
       staatsbürgerlicher Gleichheit mit einer Wirtschaft kompatibel, die
       systematisch soziale Ungleichheit produziert? Die Antwort lag für ihn in
       der wohlfahrtsstaatlichen Zähmung des Kapitalismus.
       
       ## Unprätentiös und autoritätskritisch
       
       Er sah freilich auch, dass diese Zähmung Ungleichheiten nicht generell
       beseitigt, sondern etwa Gruppen ausgrenzt, die nicht über die
       Organisationsmacht der Industriearbeiterschaft verfügen. Die Beiträge aus
       dieser Phase – wie der Klassiker „Strukturprobleme des kapitalistischen
       Staates“ (1972) – sind nach wie vor aktuell.
       
       Offe dachte gegen den Strich. Er zeigte Widersprüche auf und durchleuchtete
       Paradoxien. In seinen späteren Arbeiten befasste er sich mit der unter
       Druck geratenden Sozialpolitik in einer erneut entfesselten
       kapitalistischen Ökonomie. Zugleich erschloss er neue Pfade, auf denen er
       seine früheren Thesen verfeinerte und mit Fragen der Demokratietheorie
       verknüpfte.
       
       So rückte er ab 1980 die neuen sozialen Bewegungen zu den Herausforderungen
       der ökologischen Krise in seinen Betrachtungen stark in den Vordergrund. In
       den 1990ern lieferte er scharfsinnige Analysen zur Transformation
       Osteuropas nach dem Kollaps des real existierenden Sozialismus. Dies gilt
       auch für sein letztes Buch, „Europa in der Falle“ (2016), in dem er eine
       Umverteilung aus EU-Mitteln einfordert, die, wie es im Schlusssatz heißt,
       „diesmal nicht der Rettung von Banken und Staaten gewidmet [ist], sondern
       der von Arbeitnehmern, Arbeitslosen, Jugendlichen, Rentnern und anderen
       Bürgern, die in erster Linie die Leidtragenden der Krise … sind.“
       
       Offe zeigte Bruchstellen auf und diagnostizierte Krisenpotentiale. Doch er
       machte auch durchaus Vorschläge, sei es als Befürworter eines universellen
       Grundeinkommens oder als Verfechter des Umbaus Europas zu einer
       transnationalen Solidargemeinschaft. Er war ein engagierter öffentlicher
       Intellektueller, der die Positionierung außerhalb des Elfenbeinturms nicht
       scheute. So setzte er im bleiernen Jahr 1977 [3][als Mitunterzeichner des
       „Buback-Nachrufs“] seinen professionellen Status für die Verteidigung der
       Meinungsfreiheit aufs Spiel.
       
       Offe war nicht nur ein herausragender Sozialwissenschaftler. Er verkörperte
       auch ein Wissenschaftsverständnis, das fachliche Exzellenz mit einem
       unprätentiösen und autoritätskritischen Auftreten verband, wie diejenigen
       wissen, die ihn als Lehrer, Kollegen oder Freund erleben durften. Am
       vergangenen Mittwoch ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.
       
       7 Oct 2025
       
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