# taz.de -- Post an Franz Josef Wagner: Schreiben, um nicht zu bleiben
       
       > Franz Josef Wagner war bereits zu Lebzeiten eine Figur der Vergangenheit.
       > Nun ist der „Bild“-Kolumnist im Alter von 83 Jahren gestorben. Ein
       > Nachruf.
       
 (IMG) Bild: Boulevard-Journalist Franz Josef Wagner bei einem Interviewtermin in Berlin, am 28. 7. 2008
       
       Lieber Franz Josef Wagner,
       
       Feinde, Todfeinde, Kollegen – an diese Steigerung hätten Sie vielleicht
       gedacht, wenn Sie die Nachrufzeile auf Bild.de noch hätten lesen können:
       „BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner gestorben.“
       
       Sachlich ist das natürlich mal nicht falsch – aber ist es wirklich das, was
       von Ihnen bleiben soll? Wo Sie doch Zeit Ihres späteren Lebens betonten,
       dass Sie zwar dem Volk die große Show geliefert und die fette Kohle
       kassiert haben, ihre Existenz aber erfüllt letztlich nicht gewesen ist?
       
       Denn gestartet waren Sie ja nicht als BILD-Kolumnist oder, mit einer
       späteren Zuschreibung, als „Gossen-Goethe“. Sondern als echt
       ambitionierter, harter, realistischer Schreiber. Aber, ach, es ‚kam‘
       anders: „Ich hatte vier Romane geschrieben und war kein einziges Mal in der
       FAZ oder der SZ erwähnt worden. Ich rettete mich in den Journalismus, in
       das leichtere Leben“, [1][bekannten Sie], dahin, wo zur Belohnung der
       Proll-Porsche röhrt und Sie Ihr „Geld mit einfacheren Worten“ verdienten.
       
       ## So ist das Geschäft
       
       Einfache Worte, Worte der Abwertung und der Niedertracht oft, die besseren
       Menschen, als Sie einer waren, schwer gefallen wären zu formulieren und zu
       veröffentlichen – aber so ist eben das Geschäft, nicht wahr – und Sie waren
       halt der abgezockteste Profi darin.
       
       Sind Sie total gescheitert, als Mensch wie als Schreiber? Bleiben Sie als
       gläubiger Katholik auf ewig in der Hölle und müssen schlechte Schlagzeilen
       redigieren – ohne Aussicht darauf, dass Ihre handwerklich fein gearbeiteten
       Vorschläge jemals umgesetzt werden, versteht sich?
       
       Oder haben Sie wenigstens eine Chance aufs Fegefeuer? Wer wird noch ein
       gutes Wort für Sie einlegen?
       
       Als die Macht über Magazine, Seiten und Menschen Sie verlassen hatte,
       scheint es ja nicht mehr viele gegeben haben, die noch mit Ihnen zu tun
       haben wollten. Mich hat es jedenfalls traurig gemacht, als ich in einem
       Porträt über Sie las, dass Sie jeden Morgen Tennis spielen – mit einem
       Trainer.
       
       Wollte sonst keiner mit Ihnen spielen? Oder waren die alten Kumpanen zu
       fußlahm, zu versoffen, zu tot oder das alles zusammen?
       
       Und wie war das, [2][als Sie fünf Stunden lang in Ihrem Flur lagen,] mit
       gebrochenem Oberschenkel, und erst Ihre Zugehfrau Sie fand? Da haben Sie
       geweint und geschrien und niemand hat Sie gehört. Und ich habe, als ich
       Ihren Bericht darüber las, an meine alte Mutter gedacht. Und sie sofort
       angerufen.
       
       „Wie Sterben ist, hat Jörg Fauser nicht mehr selbst erlebt, er war zu
       besoffen“, haben Sie 2007 zum 20. Todestag Ihres Freundes, des mit 43
       Jahren verunglückten Schriftstellers Jörg Fauser [3][geschrieben.]
       
       Ein starker erster Satz, einer, den man nicht mehr vergisst, auch in seiner
       Gnadenlosigkeit nicht.
       
       Insofern würde ich sagen: Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den Himmel kommen,
       irgendwann. Ich finde, dass Sie vielleicht kein guter Mensch waren, aber
       als Schreiber mehr Würdigung verdient hätten.
       
       Sie haben es wenigstens versucht mit der Kunst! Und Sie hatten wenigstens
       noch den Anspruch, die Niederen zu erreichen, die, die „drunten sterben/ Wo
       die schweren Ruder der Schiffe streifen“, wie Hofmannsthal dichtete, die
       sogenannten einfachen Menschen, und ja, warum nicht bei Ihnen als alter
       68er: die Proletarier. Insofern: Der Kampf geht weiter, lieber Franz Josef
       Wagner!
       
       Herzlichst Ambros Waibel
       
       7 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spiegel.de/kultur/geld-schlaegt-poesie-a-ca2d91fd-0002-0001-0000-000075376586
 (DIR) [2] https://www.bild.de/news/standards/franz-josef-wagner/liebe-brieffreunde-23971314.bild.html
 (DIR) [3] https://www.spiegel.de/kultur/tournee-in-den-tod-a-5e0bcd0e-0002-0001-0000-000052263716
       
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