# taz.de -- Parlamentswahlen in der Republik Moldau: Zurück in den Schoß des Kreml?
       
       > Am Sonntag wählt Moldau ein neues Parlament. Viele fürchten einen
       > pro-russischen Backlash gegen Präsidentin Sandus' Politik, die Europa
       > zugewandt ist.
       
 (IMG) Bild: Jugendliche nehmen am 24. September an einer Kundgebung des russlandfreundlichen Patriotischen Wahlblocks in Chisinau teil
       
       Chisinau/Comrat taz | „Ich glaube an die Moldau“, steht auf einem
       Wahlkampfzelt gegenüber dem Rathaus von Chisinau. Auf der Zeltplane prangen
       vier Köpfe neben einem sowjetischen Stern mit Herz, Hammer und Sichel. So
       geht dieser Tage der „Patriotische Block“ auf Stimmenfang, ein
       pro-russisches Wahlbündnis rund um den Ex-Präsidenten [1][Igor Dodon].
       
       [2][Am Sonntag wählen die Moldauer ein neues Parlament]. Dabei geht es
       maßgeblich auch um die zukünftige Ausrichtung des Landes: nach Europa oder
       Russland?
       
       „Weshalb soll ich de facto Russland meine Stimme geben?“ provoziert ein
       Passant. „Weil das gut ist“, sagt Jewgenia, die mit ihrer betagten Kollegin
       unter dem Zelt sitzt. „Wir sind hier, damit es in der Moldau wieder so wie
       einst in der Sowjetunion wird“, werben die beiden.
       
       Gleich daneben steht das gelbe Wahlzelt von [3][Maia Sandu]s
       pro-europäischer Regierungspartei „Aktion und Solidarität“ (PAS). „Wir
       gehen in die richtige Richtung: EU – Frieden – Entwicklung“, steht auf
       diesem Wahlzelt.
       
       ## Wirtschaftliche Misere sorgt für pro-russischen Aufschwung
       
       „Hier in Chisinau wollen viele zuhören, doch auf dem Lande ist es
       schwierig“, gesteht Wahlkampfhelfer Serghei ein. Der Mittvierziger hat
       lange in Polen gelebt. Er gehört zu den wenigen unter den 800.000
       Ausland-Moldauern, die den Weg zurück in die Heimat gefunden haben. Bei den
       Parlamentswahlen vom Sonntag wird erwartet, dass die moldauischen
       Gastarbeiter in der EU und Russland, ein Viertel aller Wahlberechtigten,
       die angeschlagene Regierungspartei PAS retten. Nur dank dieser Diaspora
       wurde die pro-westliche Staatspräsidentin 2024 für eine zweite Amtsperiode
       gewählt.
       
       „Die Stimme des Volkes ist mächtiger als die Diktatur“, zetert dagegen der
       pro-russische Oppositionsführer Dodon nach der kurzzeitigen Festnahme von
       74 Aktivisten im Norden des Landes. Den Aktivisten wird Aufstachelung zu
       Unruhen vorgeworfen.
       
       Dodon ist Sandus Erzfeind, seit die ihn 2020 bei den Präsidentenwahlen
       geschlagen hat. Ihre Anti-Korruptionspartei PAS gewann kurz darauf, 2021,
       auch die Parlamentswahlen. Seither versucht Sandus Mannschaft das Land zu
       reformieren und in die EU zu führen. Doch dabei stößt sie auf großen
       Widerstand der korrupten Justiz und einflussreichen Oligarchen wie der im
       Juli in Griechenland verhaftete Vladimir Plahotniuc oder der flüchtige Ilam
       Sor, die sich der Unterstützung Russlands erfreuen.
       
       „Der Wahlausgang ist völlig offen“, sagen politische Beobachter. In der
       Hauptstadt fürchten viele einen Wahlsieg der pro-russischen „Patriotischen
       Front“. Die erlebt einen Aufschwung wegen der schwierigen Wirtschaftslage.
       Nach der russischen Invasion ins Nachbarland Ukraine herrschte in Moldau
       bis zu 35 Prozent Inflation, die Auswirkungen spürten auch Mittelständler
       in der reichen Hauptstadt Chisinau.
       
       ## Der Kreml hat mehrere Wahlbündnisse aufgestellt
       
       Diese Unzufriedenheit versucht Moskau mit allen Mitteln in einen
       politischen Erfolg umzuwandeln. Der Kreml hat viel Geld und Know-how in der
       hybriden Kriegsführung mobilisiert, damit die ehemalige Sowjetrepublik nach
       diesen Wahlen zurück in den russischen Einflussbereich gerät. So werden
       Stimmen gekauft, pro-russische Websites, Twitter- und TikTok-Konten
       gegründet und Bürger für Nachwahl-Proteste rekrutiert.
       
       Für die Parlamentswahl hat der Kreml zwei Wahlbündnisse aufgestellt: Die
       offen sowjet-nostalgische „Patriotische Front“ von Dodon und die
       pro-europäisch auftretende „Alternative“ rund um Ion Ceban, den beliebten
       Bürgermeister von Chisinau. Dazu mischt noch „Unsere Partei“ des in
       Russland reich gewordenen Skandal-Politikers Renato Usati auf Seiten der
       Opposition mit.
       
       In der Wahlzentrale von PAS gibt man sich trotzdem siegesgewiss: Artur
       Mija, der junge Generalsekretär und Spitzenkandidat, legt im Gespräch mit
       Diagrammen dar, wie ein Wahlsieg dank der Aussicht auf den EU-Beitritt noch
       möglich sei. 40 Prozent der Moldauer seinen unentschieden, ob sich das Land
       Brüssel oder Moskau zuwenden solle. Im Wahllogo der PAS steht deshalb „EU
       2028“. Dass ein EU-Beitritt in nur drei Jahren unmöglich ist, gibt Mija zu.
       „2028 sollen die Beitrittsverhandlungen abgeschlossen sein; bei Wahlen muss
       man eben etwas versprechen“, sagt der PAS-Kandidat offen.
       
       „Um die russischsprachigen 20 Prozent der Wähler kämpfen wir gar nicht. Das
       lohnt sich nicht“, erklärt Mija. Die PAS hat sich seit 2021 vor allem um
       Chisinau und Umgebung gekümmert und die oft pro-russische wählenden Norden
       und Süden der Moldau vernachlässigt.
       
       ## Im Süden die prorussische „Patriotische Front“
       
       Zwar hat die EU seit dem Assoziationsabkommen von 2014 viel Geld in die
       marode Infrastruktur investiert. In Comrat unweit der Südgrenze zur Ukraine
       hängen dennoch nur Wahlplakate der pro-russischen „Patriotische Front“. Die
       EU hat es im Süden der Moldau besonders schwer, das zeigt eine von der
       Konrad Adenauer Stiftung (KAS) finanzierte Pressereise.
       
       Chisinau mache leider viele Fehler und isoliere die Region, weil hier oft
       im Sinne Russlands abgestimmt würde, klagt bei einem Treffen Alexandru
       Tarnavschi, der einzige pro-europäische Abgeordnete im Parlament der
       Autonomen Region Gagausien. Das turk-sprachige Gebiet wird von Moskau so
       wie das de facto unabhängige, pro-russische Transnistrien
       instrumentalisiert, um Konflikte in der Moldau zu schüren.
       
       Das alles macht es der pro-europäischen PAS nicht leicht. Dazu kommt, dass
       die Regierungspartei keine natürlichen Verbündeten hat. Die beiden weiteren
       pro-EU-Parteien „Gemeinde-Bündnis“ (LOC) und „Impreuna“ (dt.„Zusammen“)
       dürften an der 5%-Hürde scheitern. In Kreisen der PAS wird deshalb selbst
       eine Koalition mit Usati nicht ausgeschlossen.
       
       27 Sep 2025
       
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 (DIR) Paul Flückiger
       
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