# taz.de -- berliner szenen: Eine weitere Nacht in Neukölln
       
       Es ist Freitagabend, ich sitze allein an einem meiner Stammspätis am
       Reuterplatz. Eine alte Freundin taucht auf, mit der ich seit Jahren keinen
       Kontakt mehr habe. Wir tun beide so, als würden wir uns nicht sehen, und
       als sie ihr Rad nimmt und Richtung Sonnenallee losfährt, bin ich
       erleichtert. Alle meine Freundinnen sind bereits verabredet oder bringen
       ihre Kinder ins Bett und schlafen mit ihnen ein, während sie eine
       Gutenachtgeschichte vorlesen.
       
       Aus meiner Ecke beobachte ich, wie der Späti-Besitzer Gäste hinauswirft,
       die fremde Getränke an seinen Tischen konsumieren, und wie sie mit einem
       traurigen Lächeln und ohne Widerstand aufstehen und gehen. „Immer
       dasselbe“, denke ich, denn er macht es oft – zum Beispiel, wenn Menschen
       ihm zu laut sind. Ich bleibe trotzdem, weil das Leben in der Stadt noch
       pulsiert, als wäre es Hochsommer – auch wenn alle schon wärmer angezogen
       sind und es deutlich frischer geworden ist. Nach Hause zieht es mich noch
       nicht; dort wäre es still, oder das Radio würde mich daran erinnern, wie
       schlecht es der Welt gerade geht. Lieber mag ich es, hier am Späti
       Geschichten oder einfach nur Wortfetzen aufzuschnappen: „Hausverwaltung“,
       „Dates“, „Bewerbungsfrist“…
       
       „Ist da frei?“, fragt mich plötzlich jemand und zeigt auf den Platz neben
       mir. Ich lüge und behaupte, er sei gleich besetzt, obwohl das nicht stimmt.
       Ich sehe auch jemanden, mit dem ich mich einmal einen Abend lang über alles
       Mögliche unterhalten habe, doch er erkennt mich nicht – und das ist in
       Ordnung.
       
       Dann hole ich mir noch ein Bier, bevor ich schließlich doch zu mir laufe.
       Mir ist klar, dass dies keine unvergessliche Nacht werden wird. Aber es ist
       immerhin eine weitere Nacht in Neukölln. Und ich genieße es, mal mehr, mal
       weniger, ein Teil davon zu sein.
       
       Luciana Ferrando
       
       29 Sep 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA