# taz.de -- tazđŸŸthema: Harmonie fĂŒr die zerbrochene Welt
       
       > Drei sehenswerte Ausstellungen von Frauen, die aus allerlei
       > AlltagsgegenstÀnden Kunst machen:Louise Nevelson im Museum Wiesbaden,
       > Lutz Bacher in Oslos Astrup Fearnley Museet und Sarah Lucas im Kiasma in
       > Helsinki
       
 (IMG) Bild: Lutz Bacher: Jokes (Shirley MacLaine), 1987
       
       Von Jana Janika Bach
       
       Die Umwelt, das Internet, die bisherige Weltordnung? Kaputt. Der
       Bildungssektor, die Deutsche Bahn und stÀdtische Infrastruktur 
 spielend
       ließe sich die Liste fortfĂŒhren. Es wĂ€re zum Verzweifeln, gĂ€be es nicht in
       allen Zeiten Menschen, die da Abhilfe zu schaffen wĂŒssten.
       
       „I join the shattered world creating a new harmony“, brachte Louise
       Nevelson, die „Grand Dame der Bildhauerei“, ihre Kunst selbst einmal
       trefflich auf den Punkt. Und tatsĂ€chlich bildet den Kern ihres ƒuvres in
       StĂŒcke Gegangenes und neu Arrangiertes. Wie auf den Straßen Manhattans
       zusammengeklaubtes Holzmobiliar – aus dem MĂŒll gefischte Bettpfosten,
       Stuhlbeine, Teile von SchrĂ€nken und Kommoden –, das sie zu reliefartigen
       holistischen Skulpturen verarbeitete.
       
       In Gold, Schwarz oder Weiß bemalte sie ihre großformatigen Assemblagen, die
       magisch-majestĂ€tisch, wie Schreine oder Totems anmuteten. 1959 begrĂŒndeten
       sie Nevelsons Aufstieg zum Weltruhm. Gemeinsam mit Werken von weitaus
       jĂŒngeren Kollegen, wie Frank Stella, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns,
       prÀsentierte die damals SechzigjÀhrige ihre monochromatischen Kompositionen
       in der legendĂ€ren Schau „Sixteen Americans“ im Museum of Modern Art in New
       York.
       
       SpÀt also fand die 1899 nahe Kiew als Leah Berliawsky geborene Tochter
       jĂŒdisch-orthodoxer Einwanderer ihren Weg Richtung Kunstolymp. Umso
       vehementer beschritt sie ihn. In ihrem autobiografischen Essay „A Total
       Life“ schrieb sie, es gebe nichts, dem sie sich nĂ€her fĂŒhle als ihrer
       Arbeit, mit ihr sei sie eine Ehe eingegangen. Noch im gleichen Jahr wie
       ihrer Scheidung 1931 von dem wohlsituierten Unternehmer Charles Nevelson
       nahm sie ein Studium bei Hans Hofmann in MĂŒnchen auf, einem der BegrĂŒnder
       der New York School. In den 6oer Jahren, in denen Nevelson als gefeierte
       KĂŒnstlerdiva Kontakt zu prominenten Zeitgenossen und ein exzentrisches
       Erscheinungsbild pflegte, wurde ihr vom Kubismus und abstrakten
       Expressionismus beeinflusstes Werk auch in Deutschland gezeigt.
       
       In diesem Herbst wĂŒrdigt das Museum Wiesbaden die AusnahmekĂŒnstlerin mit
       einer Retrospektive – genau 35 Jahre, nachdem Louise Nevelson hier mit
       anderen „KĂŒnstlerinnen des 20. Jahrhunderts“ fĂŒr Furore sorgte (31. 10.
       2025–15. 3. 2026). Neben den berĂŒhmten Skulpturen werden rund 50
       kleinformatige Collagen zu sehen sein. Das Centre Pompidou in Metz wiederum
       widmet sich mit „Mrs. N’s Palace“ 37 Jahre nach Nevelsons Tod der
       Wirkungsmacht ihres VermÀchtnisses.
       
       In jedem Genre gibt es sie: Virtuosen, die in der Szene hochgeschÀtzt,
       geradezu verehrt werden, deren Name einem breiten Publikum indes kaum ein
       Begriff ist. Lutz Bacher war so ein „artists’artist“, der oder die große
       Unbekannte in der Kunstwelt – die lange rĂ€tselte, wer sich hinter dem
       bodenstÀndig, nach ErdÀpfeln und Jausenbrot klingenden Pseudonym verbarg.
       Ein irrefĂŒhrendes Versteckspiel, das weniger einen Mythos Ă  la Banksy
       nÀhren sollte, vielmehr Ausdruck einer Verweigerungshaltung war.
       
       Rigoros entzog sich ihr Werk – es handelte sich, das wusste man bald, um
       eine Frau –, das sich diverser Medien bediente und keine signifikante
       Handschrift erkennen ließ, einer Vereinnahmung durch den auf Branding
       versessenen Markt. MĂŒhelos dagegen verwurstete Bacher, die erstmals in den
       70er Jahren im kalifornischen Berkeley von sich reden machte, ihre Umwelt.
       Überall wurde sie fĂŒndig, in AltwarenlĂ€den, im MĂŒll, sie durchforstete
       Zeitungen und Groschenromane, und was sie entdeckte – Baseballs, Murmeln,
       Requisiten aus TV-Shows, Handyvideos, Bilder von Politikern, aus
       Pornoheften oder der PopulĂ€rkultur –, integrierte sie als Objets trouvĂ©s in
       ihre Kunst.
       
       Obschon die zierliche Frau mit dem dĂŒnnen, maisblonden Haar gar in persona
       vor die Kamera trat, wie 2016, als sie anlÀsslich ihrer Schau in der Wiener
       Secession Kindheitserinnerungen schilderte, ist auch fĂŒnf Jahre nach ihrem
       Tod – 2019 starb Bacher mit 75 Jahren – das Geheimnis um ihre wahre
       IdentitĂ€t nicht gelĂŒftet. Inwiefern eine Begegnung mit Bachers Arbeiten das
       eigene Ich herausfordert, nicht zuletzt, weil biografische Bezugspunkte als
       InterpretationsstĂŒtze fehlen, kann ab September im Astrup Fearnley Museet
       in Oslo (26. 9. 2025–4. 1. 2026) erprobt werden (und danach im BrĂŒsseler
       Wiels).
       
       Posthum gewĂ€hrt die Retrospektive, die ikonische Serien wie „Jokes“
       (1985–1988) und „Playboys“ (1991–1993) zusammenfĂŒhrt, umfassend Einblicke
       in vier Jahrzehnte kĂŒnstlerisches Wirken, so auch in Bachers ĂŒber 300
       Ordner umfassendes Archiv „The Betty Center“ – zugleich Baukasten,
       Instrument und Kunstwerk.
       
       WĂ€hrend Bacher fĂŒrs DĂŒsseldorfer K21 ihre „Texas Pants“, billige
       Pyjamahosen, auf denen Dollarzeichen prangten oder Slogans wie „Go Big or
       Go Home“ (und damit eine Wiederbelebung des amerikanischen Traums ad
       absurdum fĂŒhrte), produzierte Sarah Lucas in den nuller Jahren ebenfalls
       kopflose, skurrile Figuren – „Bunnys“ aus ausgestopften Strumpfhosen, die
       sich langbeinig kokett auf schnöden Drehsesseln und HolzstĂŒhlen rekelten.
       Kein MĂ€nner-Bashing, bloß ein humoristisch-böser Seitenhieb auf eine
       sexualisierte Gesellschaft. RĂŒckblickend kommentierte die Britin das
       lakonisch: SelbstverstÀndlich hÀtten ihre Hasen Persönlichkeit.
       
       Dass sie sich selbst nicht zu ernst nimmt, bewies die Tochter eines
       Milchmanns, die im dicht besiedelten Londoner Stadtteil Holloway aufwuchs,
       frĂŒh. Breitbeinig und mit zwei gebratenen Spiegeleiern auf den BrĂŒsten
       posierte sie 1996 fĂŒr ihr „Self-Portrait with Fried Eggs – das spĂ€ter als
       Postkartenmotiv Kultstatus erreichte und heute zigfach in der Kunst, Mode
       und vom Pop kopiert wurde. Heute zÀhlt Lucas, die zu den rebellischen
       „Young British Artists“ gehörte, die Damien Hirst 1988 unter dem
       gleichnamigen Titel zusammentrommelte, zu den einflussreichsten KĂŒnstlern
       Großbritanniens.
       
       Obschon sich die 62-JĂ€hrige in der Grafschaft Suffolk nahe der englischen
       OstkĂŒste niedergelassen hat, hat sie ihre Coolness mitnichten eingebĂŒĂŸt und
       das Referenzspiel quer durch die Kunstgeschichte beherrscht sie nach wie
       vor – wie sie zuletzt in der Kunsthalle Mannheim vor Augen fĂŒhrte. Wer das
       verpasst hat, dem sei ab Herbst „Naked Eye“ und ein Abstecher in die
       finnische Hauptstadt empfohlen. Dann zeigt das Kiasma in Helsinki (10. 10.
       2025–8. 3. 2026), wie sich AlltĂ€gliches, Kleidung, Hausrat, Zigaretten oder
       rohe HĂŒhnchen, verwandeln lassen, frei nach der Devise „Wenn’s dir nicht
       gefĂ€llt, mach es neu“.
       
       30 Aug 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jana Janika Bach
       
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