# taz.de -- Rosa Luxemburgs Herbarium: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern
       
       > Das Herbarium der Revolutionärin und Politikerin Rosa Luxemburg ist
       > Zeugnis einer Welt im Umbruch. Zu deren Verhältnissen nimmt sie so
       > Stellung.
       
 (IMG) Bild: Eine Echte Narzisse – Märzbecher (Abbildung aus Rosa Luxemburg: „Herbarium“. Hrsg. von Evelin Wittich. Karl Dietz Verlag, Berlin 2016.)
       
       Gepresste Blüten und Blätter, fein säuberlich arrangiert. Daneben: der
       Name, die lateinische Bezeichnung, die Familie, verwandte Arten. [1][Rosa
       (Róża, Rozalia) Luxemburgs] Herbarium ist mehr als eine botanische
       Sammlung. Die Präzision, mit der sie ihre Funde katalogisierte, die
       Sorgfalt, mit der sie Farbnuancen korrigierte – wenn etwa „violett“ durch
       „lila“ ersetzt wird –, zeugen von einem wachen Blick für das Unscheinbare
       und einer lebenslangen Auseinandersetzung mit der Natur.
       
       Die ersten Einträge datieren auf den Mai 1913. Sie sind der Beginn einer
       Sammlung, die mit der „Schwarzen Johannisbeere“ beginnt und mit der
       „Mehligen Königskerze“ am 6. Oktober 1918 endet, kurz vor Rosa Luxemburgs
       Tod. Pflanzen bestimmen, mit Abbildungen abgleichen, trocknen, aufkleben –
       eine klare, sich wiederholende Aufgabe. Lange Stängel, feine Blattadern,
       kleine Kelchblätter – Hinweise, die sich ordnen lassen. Es gibt ein
       „gefunden“ oder „noch zu bestimmen“. Eine Struktur, die Halt gibt, in
       unübersichtlichen Zeiten, politisch wie gesellschaftlich.
       
       Bekannt ist, dass Rosa Luxemburg sich 1890 als junge Abiturientin an der
       Universität Zürich einschrieb und dort auch Kurse der Botanik und der
       Zoologie belegte. Es folgte eine bemerkenswerte politische Laufbahn: erst
       in der polnischen und deutschen Sozialdemokratie, später als eine ihrer
       schärfsten Kritikerinnen und als zentrale Figur in der europäischen
       Arbeiter:innenbewegung.
       
       Als marxistische Theoretikerin verband Luxemburg ihre ökonomische Analyse
       des Imperialismus früh mit einer radikalen Kritik an Militarismus,
       Kolonialismus und kapitalistischer Expansion – eine Hellsichtigkeit, die
       bis heute nachwirkt. Wie [2][die politische Philosophin Lea Ypi] festhält,
       bleibt Luxemburg „eine andauernde Inspirationsquelle, um über die Bedeutung
       sozialistischer Emanzipation jenseits nationaler Grenzen nachzudenken“.
       
       Weniger bekannt ist ihr lebenslanges Interesse an der Botanik – eine
       Leidenschaft, die sie ausgerechnet im Mai 1913, auf dem Höhepunkt ihrer
       politischen Wirksamkeit, wiederentdeckte. Es war auch eine Zeit der inneren
       Spannungen: Luxemburgs Beziehung zu Leo Jogiches, einst revolutionärer
       Partner und enger Vertrauter, war geprägt von Entfremdung und Konflikten.
       Luxemburg lebte zunehmend allein, suchte emotionale Nähe in anderen
       Freundschaften, etwa zu Sophie Liebknecht oder Mathilde Jacob.
       
       Ihre antimilitaristische Haltung isolierte sie in der sozialdemokratischen
       Partei. Nachdem sie im September 1913 deutsche Soldaten – so die Anklage –
       dazu aufgerufen hatte, im Kriegsfall nicht zu schießen, wurde sie im
       Februar 1914 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Zugleich war sie intensiv
       in die Arbeit der SPD-Parteischule eingebunden, hielt Seminare zur
       politischen Ökonomie und publizierte politische Texte. Sie war
       gesundheitlich angeschlagen und zunehmend erschöpft.
       
       ## Aufmerksam, präzise und zugewandt
       
       Ein paar Jahre später schreibt sie, erneut inhaftiert, aus dem Gefängnis an
       Sophie Liebknecht: „Innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten
       wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als
       – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles sagen: Sie werden
       nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern.“
       
       Diese Fantasien sind nie rein eskapistischer Natur. Auch in ihrem Blick auf
       Pflanzen, Tiere und Landschaften nimmt Luxemburg Stellung zu den
       Verhältnissen der Welt – etwa wenn sie den Rückgang der Vogelpopulation
       durch zunehmende landwirtschaftliche Eingriffe beklagt. Etwas zu bestimmen,
       aufmerksam, präzise und zugewandt zu betrachten, bedeutet hier auch:
       sichtbar machen und benennen.
       
       Gleichzeitig spricht aus der Sammlung eine Geste der Selbstsorge. In einem
       Brief an ihre Freundin und Sekretärin Mathilde Jacob schreibt sie: „Ich
       kann wieder botanisieren, das ist meine Lieblingsbeschäftigung und beste
       Möglichkeit, mich zu entspannen. Seit Mai 1913 habe ich etwa 250 Pflanzen
       eingeklebt, alle wunderschön getrocknet.“
       
       ## Versuch, sich neu auf die Welt einzustellen
       
       Hier wird spürbar, was die Historikerin Hannah Proctor als eine Form des
       „anti-adaptive healing“ beschreibt – eine Praxis, Heilung zu suchen, ohne
       sich den gesellschaftlichen Normen zu beugen, gegen die sich der eigene
       Widerstand richtet. In ihrem Buch „Burnout. The Emotional Experience of
       Political Defeat“ fragt Proctor, wie sich politisches Fühlen, Denken und
       Handeln nach kollektiver Erschöpfung weiter entfalten kann.
       
       Sie greift auf die Biografien historischer Figuren zurück und plädiert
       dafür, auch jene Momente ernst zu nehmen, in denen politische Subjekte sich
       zurückziehen – nicht aus Resignation, sondern um sich neu auszurichten.
       Luxemburgs Pflanzenstudien lassen sich in diesem Sinne nicht als Rückzug
       von der Welt lesen, sondern als Versuch, sich neu auf sie einzustellen.
       
       Rosa Luxemburgs Herbarium hat längst eine eigene Biografie geschrieben.
       Historiker:innen nutzten es, um ihre Wege durch Genf, Berlin oder
       Wrocław zu kartieren – suchten in den Seiten nach Spuren geheimer
       Botschaften aus der Gefängniszeit. Andere lasen es wie ein verschlüsseltes
       Tagebuch, ein sogenanntes Egodokument, das zwischen Blütenblättern
       Wesenszüge preisgibt, die in politischen Schriften verborgen bleiben.
       
       Sogar die materielle Substanz des Herbariums sollte untersucht werden – als
       forensisches Archiv, aus dem man DNA extrahieren wollte, um womöglich das
       Rätsel ihres Begräbnisorts zu lösen. Und noch immer ist unklar, wie die 18
       Hefte ins Warschauer Archiv gelangten – ob über New York durch Verwandte
       Paul Levis, wie lange vermutet, oder ob sie Europa nie verließen.
       
       ## Spuren quer durch Kontinente, Zeiten, Erzählungen
       
       So ist das Herbarium selbst zu einem Objekt geworden, das Spuren zieht,
       quer durch Kontinente, Zeiten, Erzählungen. Es bietet die Möglichkeit,
       einen Moment ihres Lebens greifbar zu machen, der stark von Selbstzweifeln
       und Zukunftssorgen geprägt war: eine Annäherung an ihren Mai 1913.
       
       Dabei zeigt sich: Rosas erstes erhaltenes Pflanzenheft ist auch ein Zeugnis
       einer anderen Zeitlichkeit. Einige der Arten wie die Gelbe Wiesenraute oder
       die Kleine Traubenhyazinthe sind heute selten geworden – verdrängt durch
       Düngung, Zersiedelung, Klimawandel. Und selbst der Rhythmus hat sich
       verschoben: Der Flieder, einst ein Taktgeber zwischen Frühling und Sommer,
       blüht heute oft Wochen früher, als Luxemburg ihn verzeichnete.
       
       Das Herbarium Rosa Luxemburgs ermöglicht es uns, die Ambivalenzen und
       Widersprüche politischer Figuren zu erkennen, die häufig romantisiert
       werden. Zugleich kann das Herbarium für einen politischen Sommer stehen,
       als Vorbote großer sozialer und politischer Umwälzungen. Ihre
       Auseinandersetzung mit dem drohenden Krieg, ihre Überlegungen zum
       Massenstreik und ihre Verurteilung machten sie erstmals über Parteikreise
       hinaus bekannt.
       
       Am 20. Februar 1914 nutzte sie ihre Anklage, um eine ihrer wichtigsten
       Reden zu halten. Wie sie immer wieder betonte, sei nicht „die Armee die
       kriegführende Partei“, sondern „das ganze Volk, die Masse der arbeitenden
       Männer und Frauen, Alten und Jungen“. Ein halbes Jahr später wird deutlich,
       was das bedeutet: Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914
       zerbrechen die Hoffnungen, die Widersprüche des Imperialismus offenzulegen
       und den revolutionären Funken der Zweiten Internationale lebendig zu
       halten.
       
       Die fünf Jahre, in denen Rosa Luxemburg ihr Herbarium anlegte, stehen somit
       nicht nur für eine persönliche Neuorientierung. Sie verweisen vielmehr
       darauf, dass hier eine ganze Welt im Umbruch ist.
       
       18 Aug 2025
       
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