# taz.de -- taz-Sommerserie „Berlin geht baden“ (1): Burkini, FKK und eine alte Lady
       
       > Das Geheimnis des Strandbads Plötzensee ist entspannte Diversität. Im
       > privat betriebenen Naturbad treffen sich unterschiedliche Menschen.
       
 (IMG) Bild: Wimmelbild vom Plötzensee an einem Sommertag: Irgendwo hier könnte eine Sumpfschildkröte versteckt sein
       
       Berlin taz Die Schildkröte braucht einen Namen und die Badegäste im
       [1][Strandbad Plötzensee] sollen darüber entscheiden – schließlich hat sich
       das Tier dort sein Zuhause gesucht. Es dürfte sich um eine Europäische
       Sumpfschildkröte handeln. Sie ist flott unterwegs, wie man in einem Video
       sehen kann. Mit so einem tierischen Sympathieträger lässt sich auf
       Instagram gut punkten. Dort finden sich natürlich auch viele wunderbare
       Fotos von See und Strand, von Himmel und Menschenmassen. Und in den kühlen
       Junitagen zu Anfang des Monats aufmunternde Botschaften: „Nicht ganz heiß
       heute – aber wir sind da! Der See ist offen, das Wasser herrlich. Komm
       vorbei & genieß den Tag!“
       
       Das traditionelle Strandbad am Westufer des Plötzensees im Volkspark
       Rehberge – einem Landschaftsschutzgebiet – bietet 15.000 Quadratmeter
       Sandstrand, einst künstlich aufgeschüttet, und rund 40.000 Quadratmeter
       Liegewiese. An diesem Dienstagnachmittag ist es stark bewölkt, nur wenige
       Besucher:innen sind da.
       
       Ein kleiner Junge schnorchelt im seichten Wasser und hat den See für sich
       alleine, seine Mutter sitzt entspannt am Strand auf einem Stuhl und hat mit
       dem Smartphone zu tun. Eine Schwanenfamilie geht gerade an Land, die drei
       Jungtiere, etwa so groß wie Enten, tragen noch Grau. Drei? „Es waren doch
       zuletzt fünf“, ist Florian Heep irritiert. Aber da ist wohl leider nichts
       zu machen. Vielleicht hat der Fuchs zugeschlagen.
       
       Heep arbeitet in der vierten Saison als stellvertretende Geschäftsleitung
       im Strandbad Plötzensee. Das gehört wie die anderen 28 Frei- und
       Sommerbäder in der Hauptstadt zu den Berliner Bäderbetrieben, ist aber wie
       acht weitere an einen privatem Betreiber verpachtet: In diesem Fall ist das
       seit 2019 die Nordufer Event GmbH. Lisa Rauschnik, seit diesem März im
       Team, ist für die Events verantwortlich. Mit beiden hat sich die taz am See
       für ein Gespräch verabredet.
       
       ## Eine Stange Geld, die erwirtschaftet werden muss
       
       Schon der Mai war in Berlin alles andere als ein Wonnemonat und für die
       meisten Menschen viel zu kühl für ein Bad im See. „Schlechtes Wetter ist
       ein großes Problem für uns“, sagt Lisa Rauschnik, denn der Betrieb muss
       ganz ohne Zuschüsse auskommen. Bitter, wenn Einnahmen dann für Wochen
       ausbleiben, aber Kosten weiterlaufen und Löhne gezahlt werden müssen.
       „Allein die Grundsteuer hat sich von früher 3.300 auf nun 33.000 Euro
       erhöht!“, sagt Rauschnik – eine Stange Geld, die erwirtschaftet werden
       muss.
       
       Für den Badebetrieb und die Events braucht es schöne Sommertage, die Saison
       ist ohnehin kurz: An guten Tagen, wenn das Wetter mitspielt, so wie an den
       paar heißen Tagen im sonst ziemlich nassen Juni und Juli, „kommen zwischen
       4.000 und 8.000 zahlende Gäste pro Tag“, sagt Rauschnik.
       
       Wer das Strandbad Plötzensee nicht kennt: In dem Natursee lässt sich nicht
       nur prima baden, schwimmen, sonnen und relaxen, hier gibt es vielerlei
       Aktivitäten und Angebote für kleine und große Gruppen, Sportevents und
       kulturelle Veranstaltungen und einen gastronomischen Service, der auch nach
       Badeschluss (18 oder 19 Uhr) für seine leckeren Pizzen (an der Strandbar)
       und Burger (eine Treppe höher im See-Café) bekannt ist. Das Publikum ist
       bunt gemischt. „Zu uns kommen Urweddinger genauso wie neu zugezogene
       Hipster und Familien aus ganz Berlin“, sagt Rauschnik. „Bei uns baden
       Frauen im Burkini genauso wie FFK-Fans im FFK-Bereich. Und das Miteinander
       funktioniert gut.“
       
       Das liegt unter daran daran, dass die Betreiber auf Inklusivität setzen.
       Zum Beispiel sind alle Hinweisschilder auf dem Areal nicht nur auf Deutsch,
       sondern zugleich auf Arabisch und Türkisch verfasst. Auch Barrierefreiheit
       ist ein großes Thema. „Wir sind ein Strandbad für alle“, sagt Florian Heep,
       „und die Regeln gelten für alle.“ Der DJ spielt auch mal ein Set
       türkischsprachiger Musik, das kommt gut an.
       
       ## Die Beziehung zum Bezirksamt von Mitte ist kompliziert
       
       Dass sich alle an die Regel halten (okay, bis auf die Zigarettenkippen, die
       wider besseres Wissen im Sand landen), liegt vielleicht auch an den
       Ordnungskräften – hier Ranger genannt. Die sind überall gut erkennbar
       unterwegs und treten „stets freundlich auf“, wie Rauschnik sagt (man kann
       das schon am Eingang selbst feststellen). „Eine Schlägerei habe ich hier
       noch nie erlebt“, so Rauschnik.
       
       Dagegen ist die Musik, die an der Bar am Strand im Hintergrund läuft,
       einigen Mitmenschen anscheinend zu laut. Das ruft das Ordnungsamt auf den
       Plan. Die Beziehung zum Bezirksamt von Mitte, zu dem der Ortsteil Wedding
       gehört, beschreiben Rauschnik und Hepp als kompliziert. „Begegnungsorten
       wird es in dieser Stadt ja ohnehin schwer gemacht“, sagt Rauschnik. Und
       Heep ergänzt etwas resigniert: „Unsere Probleme werden selten gehört,
       Lösungsvorschläge stoßen auf wenig Interesse.“
       
       Der Plötzensee – der sich alleine aus Grundwasser speist – war schon vieles
       in der Vergangenheit, das lässt sich vor Ort dank Infotafeln mit Texten auf
       Deutsch und Englisch und alten Fotos nachvollziehen. Ganz früher gehörte
       das Gelände dem Militär, das erste große Schwimmbad baute im Jahr 1877 der
       Turnlehrer Wilhelm Auerbach. Ein sepiafarbener Abzug zeigt den
       vermeintlichen Auerbach auf einem vielleicht zehn Meter hohen hölzernen
       Turm zum Sprung ins Wasser ansetzend – nach ihm wurde der gleichnamige
       Salto benannt.
       
       In den 1920er Jahren wurde das Strandbad, inzwischen öffentlich geführt, zu
       einem Erholungsort der Weddinger Arbeiterschaft. Die kam mit Kind und
       Kegel. Zu Hochzeiten sollen die Besucherzahlen des Bades auf bis zu 40.000
       gestiegen sein – pro Tag. Das Hauptgebäude aus roten Backsteinen mit einer
       schönen großen Treppe steht unter Denkmalschutz. Die „alte Lady“, wie Heep
       sie nennt, ist rund 100 Jahre alt und sanierungsbedürftig.
       
       ## Menschen aus 30 Nationen arbeiten zusammen
       
       Im Strandbad Plötzensee von heute arbeiten rund 200 Menschen, darunter
       alleine 30 Rettungsschwimmer:innen. Das Team ist so vielfältig wie die
       Besucher:innen, Menschen aus 30 Nationen arbeiten hier zusammen. „Die
       Vielfalt ist unsere Stärke“, sagt Lisa Rauschnik, „unser Team ist die Seele
       des Strandbads.“ Alle hätten gleiches Mitspracherecht, es gäbe keine
       Hierarchien.
       
       Der Pächterbetrieb hat drei Initiativen ins Leben gerufen, die dazu
       beitragen sollen, „die Schönheit, Sauberkeit und Vielfalt des Plötzensees“
       zu erhalten und für alle zugänglich zu machen. Eine der Initiativen widmet
       sich der Entmüllung, ohnehin ein leidiges Thema. Regelmäßig kommen
       Freiwillige zusammen, um den Plötzensee und sein Umland von Müll zu
       befreien. Davon hat also auch die Allgemeinheit etwas. Und regelmäßig
       werden die Kippen vom Sandstrand per Hand aufgesammelt.
       
       Von einer weiteren Initiative profitiert die unmittelbare Nachbarschaft:
       Ein paar Meter vom Strandbad entfernt liegt das Joachim-Fahl-Haus, ein
       Wohnheim der [2][Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen gGmbH], dort leben
       Menschen mit Behinderungen. „Sie haben bei uns freien Eintritt“, sagt
       Florian Heep. Jeden dritten Freitag gibt es inklusive Strandtage. Der
       Plötzensee bietet einen barrierefreien Zugang zum Strand sowie spezielle
       Aktivitäten und Workshops und damit eine inklusive Umgebung. „Wir sind das
       einzige Naturwasserbad“, sagt Heep, „in dem man mit dem Rollstuhl ans und
       ins Wasser kommt.“
       
       Auf dem weitläufigen Gelände gibt es außerdem ein kleines Biotop mit
       Naturlehrpfad, das ehrenamtlich betreut wird. Hier hat die lokale
       Artenvielfalt ein Rückzugsgebiet. Hinweistafeln bieten auf einem Rundgang
       viel Wissenswertes über Flora und Fauna. Schon mal etwas von der
       Hornissenschwebfliege gehört? Das ist eine Fliegenart, die das Aussehen
       einer Hornisse nachahmt, Stichwort Mimikry.
       
       Um einen kleinen Teich mit Rohrkolben gibt es einen hölzernen Zaun, der
       zusätzlich mit einem Elektrozaun gesichert ist. Hier haben sich
       Zauneidechsen angesiedelt, hier leben auch Erdkröten, und sie alle müssen
       vor den Waschbären geschützt werden. „Wir haben Probleme mit der großen
       Waschbärenpopulation“, sagt Florian Heep. Denn die haben großen Appetit und
       fressen so gut wie alles. „Noch vor ein paar Jahren gab es hier am See
       Froschkonzerte, heute hört man kein einziges Quaken mehr.“ Im See übrigens
       schwimmen Hechte, Karpfen und natürlich Plötzen – aber kein Riesenwels.
       
       Wenn sich die beiden etwas wünschen dürften? Da müssen Lisa Rauschnik und
       Florian Heep nicht lange überlegen und haben beide nur eins im Sinn: „Eine
       Sandreinigungsmaschine wäre toll!“
       
       30 Jul 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://strandbad.ploetzensee.de/
 (DIR) [2] https://www.unionhilfswerk.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hergeth
       
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