# taz.de -- Proteste zwei Jahre nach Zugunglück: „So kann es in Griechenland nicht weitergehen“
       
       > Zwei Jahre nach dem Zugunglück bei Tempi fordern Tausende weltweit eine
       > Aufarbeitung des Falls. Sie werfen der Regierung Mitsotakis Vertuschung
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Massenproteste in Griechenland: Die Teilnehmer fordern Konsequenzen nach dem Zugunglück vor zwei Jahren
       
       Athen taz | [1][Griechenland] steht still, die Menschen gehen auf die
       Straße. Hunderttausende, Millionen. Ob auf rund dreihundert Plätzen in
       Griechenland, im norwegischen Tromsø, 344 Kilometer nördlich des
       Polarkreises, auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires, der Art Gallery in
       Vancouver, im Tokioter Shiba-Park, am The Spire in Dublin, in Berlin oder
       anderswo: Die größten Kundgebungen seit dem Ende der Athener
       Obristendiktatur im Sommer 1974 an diesem Freitag sind eine Erinnerung,
       eine Mahnung und zugleich eine Forderung: So kann es in Griechenland nicht
       weitergehen.
       
       Die Menschen erinnern an weltweit 384 Orten [2][an das Zugunglück vor zwei
       Jahren.] Am 28. Februar 2023 um 23.21 Uhr und 19 Sekunden stößt auf Hellas'
       mit Abstand wichtigster Zugstrecke von Athen nach Thessaloniki im Tempital
       nahe dem Berg Olymp der Intercity 62 in voller Fahrt mit einem Güterzug
       frontal zusammen. Sofort bricht ein Feuer aus, ein Feuerball steigt mehr
       als einhundert Meter in den Himmel. Die vorderen Waggons des IC 62
       verschmelzen auf einen Schlag zu einer unförmigen Masse. 57 Menschen,
       darunter viele Studierende, sterben einen grausamen, brutalen Tod.
       
       Zwei Jahre danach schlägt das Herz des Massenprotests in Athen. Die meisten
       Geschäfte im Touristenviertel Plaka sind geschlossen, die Gewerkschaften
       haben zu einem 24-stündigen Generalstreik aufgerufen.
       
       Johanna, 64, blaue Jacke, buntes Halstuch, trifft sich um halb elf mit
       Freunden am schon jetzt vollen Monastiraki-Platz in der Athener Innenstadt,
       um sich wie alle anderen hier zum Verfassungsplatz zu begeben. „Ich hatte
       von Beginn an den Verdacht, dass die Regierung nur eines tut, um die wahren
       Umstände im Fall Tempi zu verbergen: vertuschen und verschleiern. Jetzt
       wird vielen Griechen klar, was sie anfangs nicht wahrhaben wollten: Wir
       leben im Kolumbien Europas“, sagt die pensionierte Lehrerin zur taz.
       
       ## Mehrere tausend Polizeikräfte im Einsatz
       
       Christos, 38, Privatangestellter, Dreitagebart, Jeans, weiße Sportschuhe,
       steht schon vor dem Athener Parlament. Ein Polizeihubschrauber zieht am
       Himmel seine Kreise, der Mobilfunk ist von der Polizei ausgeschaltet,
       Drohnenflüge sind verboten, 6.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz. „Heute
       darf keiner fehlen. Ich will, dass sich in Griechenland etwas verändert. So
       kann es nicht weitergehen“, sagt er zur taz. Illusionen mache er sich
       keine, wie er hinzufügt. „Zuversichtlich bin ich nicht.“
       
       Der vielfach tödliche Frontalcrash im Tempital brachte geradezu
       [3][ungeheuerliche Sicherheitslücken im griechischen Zugverkehr zum
       Vorschein]. Ohne ein elektronisches Leit- und Überwachungssystem und
       funktionierende Ampeln erfolgte die Steuerung nur manuell und per Funk. Und
       dies, obgleich der IC ein Tempo von bis zu 200 Kilometer pro Stunde
       erreicht.
       
       Was für das Gros der Griechen jedoch noch schwerer wiegt, ist das
       mutmaßliche Verwischen der Spuren sowie die Vertuschung im großen Stil
       unmittelbar nach dem 28. Februar 2023 unter der Ägide der Regierung in
       Athen unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis.
       
       Dass am 4. März 2023, nur vier Tage nach dem Frontalcrash, der Unfallort
       per Verfügung unrechtmäßig verändert wurde, indem zunächst die Waggons der
       beiden Züge entfernt, das Gelände geräumt, die Erde ausgehoben und mit
       Lastwagen auf ein Privatgrundstück gebracht sowie der Unfallort zubetoniert
       wurde, verstärkt nicht nur die Kritik der Opposition. Sie hat bei den
       Angehörigen der Opfer pures Entsetzen ausgelöst.
       
       ## Angehörige werfen Regierung Vertuschung vor
       
       Sie sahen sich dazu veranlasst, Experten zu beauftragen, die zur Aufklärung
       im Fall Tempi beitragen sollen. Mühsam konnten sie hochexplosive
       Chemikalien am Unfallort feststellen, die offenbar illegal im Güterzug
       transportiert wurden. Dies könnte eine Erklärung für den Tod jener
       IC-Passagiere sein, die nicht direkt durch den Frontalcrash, sondern erst
       Minuten später durch dubiose Explosionen bei Lufttemperaturen von bis zu
       1.400 Grad Celsius pulverisiert wurden.
       
       Der Vorwurf der Angehörigen: auf Anweisung der Regierung Mitsotakis seien
       an der Unglücksstelle wertvolle Beweise mutmaßlich zerstört worden.
       Mitsotakis vertusche und verschleiere in dem Fall Tempi. Die Strafjustiz
       werde von ihm kontrolliert, regierungsfreundliche Medien betrieben pure
       Propaganda statt Missstände aufzudecken. Fest steht: Das Thema Rechtsstaat
       und Demokratie ist mittlerweile zum zweitwichtigsten Thema für die Griechen
       geworden, wie eine jüngste Umfrage des Athener Meinungsforschungsinstituts
       Prorata ergab.
       
       Der Fülle von Ungereimtheiten, Fehlern sowie Versäumnissen zum Trotz:
       Mitsotakis und Co. waschen ihre Hände in Unschuld. Die Umfragewerte für die
       seit dem 8. Juli 2019 alleine in Athen regierenden Nea Dimokratia (ND)
       befinden sich im freien Fall. Sie haben sich in Relation zu ihrem jüngsten
       Wahlergebnis unterdessen fast halbiert – maßgeblich wegen ihres Umgehens
       mit dem Thema Tempi.
       
       ## Premier reist in die USA
       
       Im Vorfeld der Tempi-Proteste reiste Premier Mitsotakis jedenfalls für drei
       Tage in die USA, „aus privaten Gründen“ wie es dazu offiziell hieß. Dennoch
       tat er das mit dem Regierungsflieger.
       
       Am Donnerstag, am Vorabend der Tempi-Kundgebungen, traf Mitsotakis dann in
       Abu Dhabi den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich
       Mohamed bin Zayed al Nahyan. „Wir haben die Tiefe der strategischen
       Beziehungen zwischen den beiden Ländern bestätigt“, erklärte er nach dem
       Treffen mit dem Scheich. Die Tempi-Proteste ließen ihn kalt.
       
       Um Schlag 12.58 Uhr Ortszeit fliegen am Freitag die ersten
       Molotow-Cocktails in Richtung der Ordnungskräfte vor dem Athener Parlament.
       Die gewaltige Kundgebung löst sich notgedrungen auf. Damit passiert
       abermals merkwürdigerweise genau das, was in Athen stets bei
       Massenprotesten zum gleichen Zeitpunkt an gleicher Stelle von
       Krawallmachern passiert, um so die sofort einsetzende massive Polizeigewalt
       mit übermäßigen Tränengaseinsatz zu rechtfertigen und die Versammlungen
       vorzeitig aufzulösen.
       
       „Das war's für Mitsotakis. Er wollte den friedlichen Protest nicht
       zulassen“, kommentiert ein Augenzeuge. Angehörige der Tempi-Opfer gehen
       noch einen Schritt weiter. Ihnen reicht nicht mehr der Rücktritt der
       Regierung. Sie wollen, dass sich Premier Mitsotakis wegen Amtsanmaßung,
       Amtsmissbrauchs und Anstiftung zur Amtspflichtverletzung vor Gericht zu
       verantworten hat.
       
       28 Feb 2025
       
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 (DIR) Ferry Batzoglou
       
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