# taz.de -- Künstlerin über Sturz des Assad-Regimes: „Der Krieg war die Realität meiner Kindheit“
       
       > Die syrische Künstlerin Joudi Haj Sattouf ist im Krieg aufgewachsen. In
       > ihrer Kunst macht sie auf die Opfer des Assad-Regimes aufmerksam.
       
 (IMG) Bild: Wuchsen unter der Herrschaft von Assad auf: Kinder und Jugendliche in Damaskus im Januar 2025
       
       taz: Wie haben Sie den Sturz des Assad-Regimes erlebt, Joudi Haj Sattouf? 
       
       Joudi Haj Sattouf: Meine Familie und ich waren nächtelang wach und haben
       die ganze Zeit nur Nachrichten geguckt. Wir wollten nichts verpassen. Als
       Assad gestürzt wurde, waren wir alle geschockt. Wenn so ein Regime nach 60
       Jahren gestürzt wird, ist das krass. Es war eine Mischung aus Trauer und
       Glück.
       
       taz: Warum? 
       
       Haj Sattouf: Trauer, weil ich mir gedacht habe: Wer bringt uns die Menschen
       zurück, die wir verloren haben? Das Leben? Unsere Kindheit? Unsere Jugend?
       All diese Jahre, die wir verloren haben? Und gleichzeitig war ich froh,
       dass es jetzt, Gott sei Dank, keine [1][Schlachthäuser für Menschen] mehr
       gibt. Ich hoffe zumindest, dass es niemals wieder dazu kommt. Wir Syrer
       haben jetzt, nachdem Assad gestürzt wurde, ein neues Sprichwort: „Egal wie
       schlimm, es wird nie so schlimm wie unter Assad.“
       
       taz: Was verbinden Sie mit Syrien? 
       
       Haj Sattouf: Alles. Ich verbinde Liebe, Geschichte, Wissenschaft mit
       Syrien. Alles verbinde ich mit Syrien.
       
       taz: Wie ist es für Sie, sich als so junge Person mit Bildern aus
       Folterknästen und den Erfahrungen der Opfer auseinanderzusetzen? 
       
       Haj Sattouf: Tatsächlich ist das normal für mich. Ich gebe zu, das ist
       traurig. Aber als jemand, der selber im Krieg aufgewachsen ist, habe ich
       sehr viel mitbekommen. Ich war vier Jahre alt, als die Revolution in Syrien
       begonnen hat. Der Krieg war die Realität meiner Kindheit. Als ich nach
       Deutschland gekommen bin, waren meine Kriegserfahrungen aber eher das Neue,
       das Komische für die Leute hier. Deshalb brauchte ich erst mal Zeit,
       richtig einzuordnen, was ich in Syrien überhaupt gesehen und erlebt hatte.
       
       taz: Was hat Sie dazu gebracht, diese Erfahrungen in Kunst umzuwandeln? 
       
       Haj Sattouf: Meine Psychologin. Ich war in Syrien eine Zeit lang stumm.
       Weil ich meine Gefühle nicht mit Worten ausdrücken konnte, hat meine
       Psychologin mir einen Stift und Zettel gegeben. Irgendwann hab ich die
       Kunst für mich entdeckt. Am Anfang war meine Kunst eher zur Heilung
       gedacht, um mich psychisch weiterzubringen. Dann, irgendwann, wurde sie zum
       Hobby und mittlerweile mache ich Kunst, um meine Message rüberzubringen.
       
       taz: Woher nehmen Sie die Geschichten und Erfahrungen, die Sie in Ihrer
       Kunst visualisieren? 
       
       Haj Sattouf: Unterschiedlich. Manchmal habe ich das selbst erlebt. Ich
       arbeite aber auch seit fast zwei Jahren mit einem syrischen Journalisten
       namens Ammar al-Hilal zusammen. Für [2][Social Media] habe ich Videos von
       ehemaligen Gefangenen auf Deutsch, Englisch und Spanisch übersetzt und habe
       dadurch viele Menschen, die sich für diese Revolution geopfert haben,
       kennengelernt. Ich wollte ihre Stimmen und Gesichter weitergeben.
       
       taz: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Syriens? 
       
       Haj Sattouf: Demokratie. Und dass alles, was Syrien und das syrische Volk
       durchgemacht haben, nicht umsonst war. Ich wünsche mir, dass die Seelen der
       Mütter, die ihre Männer und Kinder in den [3][Gefängnissen des
       Assad-Regimes] verloren haben, endlich heilen, dass alle Frieden finden.
       
       taz: Überwiegt eher die Hoffnung oder die Sorgen? 
       
       Haj Sattouf: Das kann ich so genau noch nicht sagen. Ich habe aber sehr
       viel Hoffnung, dass es nicht schlimmer wird als unter Assad. Das ist das,
       was uns Geduld gibt. Das Volk hat aus dieser Geschichte gelernt. Syrien hat
       anderen arabischen diktatorischen Staaten [4][Hoffnung auf eine freie
       Zukunft gegeben].
       
       taz: Können Sie sich vorstellen zurückzukehren? 
       
       Haj Sattouf: Natürlich. Das ist das, wofür ich gekämpft habe. Es ist mein
       Ziel und mein Traum. Aber ich möchte hier in Deutschland erst mal fertig
       studieren. Ich glaube, wenn ich hier alles stehen und liegen ließe, würde
       es meinen Mitmenschen nichts bringen und ich könnte ihnen nicht richtig
       helfen. In der Zwischenzeit kann ich hier in Deutschland mehr
       Aufklärungsarbeit leisten und Erfahrungen sammeln.
       
       26 Jan 2025
       
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