# taz.de -- Michael Cullen wird 85: Gebaute Demokratie
       
       > Der Architekturhistoriker Michael Cullen hat sich für die gläserne Kuppel
       > und die Verhüllung am Reichstag stark gemacht. Nun feiert er Geburtstag.
       
 (IMG) Bild: Michael Cullen bei der Verleihung des Henry-Kissinger-Preises in der American Academy am Wannsee 2017
       
       Berlin taz | Kuppel ist nicht Kuppel. Aber jede Kuppel ist ein politisches
       Signal. Erzählt [1][Michael Cullen] beim geliebten italienischen Essen, der
       aus Brooklyn stammende Berliner Architekturhistoriker, weit ausschweifend
       und schöpfend aus der Fülle eines immensen bau- und kulturhistorischen
       Wissens. Den Erbauern der Kuppel des Berliner Schlossfassadennachbaus wird
       etwa mit aller Leidenschaft vorgeworfen, rechtsreaktionär und evangelikal
       den öffentlichen Raum beanspruchen zu wollen.
       
       Mag sein, mag nicht sein. Norman Fosters gläserne Kuppel des Reichstags
       jedenfalls gilt sicherlich als Musterbeispiel einer modernen,
       demokratischen Symbolarchitektur. Sie ist auch Cullens Kind. Er machte dem
       Bundestag in den 1990ern klar: Eine Kuppel kann sein, wenn es um
       Machtarchitekturen geht. Aber sie muss nicht steinern werden. Jede Zeit hat
       ihre Kuppel.
       
       Vor fast genau 60 Jahren kam Cullen nach West-Berlin. Philosophie,
       Geschichte und russische Philologie hatte er in New York studiert, als
       Übersetzer gearbeitet, 1962 beim amerikanischen Radio Free Europe in
       München volontiert, dann kurz an der Columbia-University studiert, Englisch
       in Hannover gelehrt. Aber West-Berlin zog ihn an, die damals wohl, erzählt
       er, ziemlich morbide und zugleich extrem lebendige Stadt, die unter dem
       wortgewaltigen Willy Brandt zum Testgelände für alle denkbaren Avantgarden
       wurde. Einer der Helden Cullens.
       
       Sofort nach seiner Ankunft 1964, die Mietpreise waren kaum relevant,
       eröffnete er die Galerie Mikro im Wedding. Avantgardekunst mitten im
       verrottenden Arbeiterviertel – ein typisch New Yorker Konzept. Gemälde und
       Skulpturen etwa von Gerd Winner, Mario Cravo, Lesungen mit dem schon
       berühmten W. H. Auden oder Günter Grass, der zur gleichen Zeit in Friedenau
       lebte. Ein Jahr voller Aufregung, dann musste Michael ins Militär, kam aber
       schon 1967 zurück nach West-Berlin, gründete die Galerie in Charlottenburg
       neu – Grützke, Wewerka, Paolozzi, Roth, 1968 zum ersten Mal in Berlin
       überhaupt David Hockney.
       
       Die großbürgerliche Wohnung, in der er bis heute lebt, hat viel gesehen.
       Und sie wurde zum Archiv und zu einer die Wände bis unters Gesims füllenden
       Handbibliothek über Kunst, Berlin, Politik, Geschichte, Parlamentarismus.
       Drei Riesenschreibtische, unter Papierstapeln verschwindende Ablagetische,
       Zeitungsausschnitten und Aktenschränke. Hier lernte auch der Autor dieser
       Zeilen: Parlamentsprotokolle sind Dramen, in denen es um das realste geht,
       was politisch zu verhandeln ist: Das Leben.
       
       ## Eine Postkarte an Christo
       
       Irgendwann um 1970 begann nämlich Cullens Leidenschaft für den Riesenbau am
       Platz der Republik, dessen Wiederaufbau nach den spätmodernistisch-trocknen
       Plänen Paul Baumgartens gerade abgeschlossen war. 1971 schickte er an
       [2][Christo und Jeanne-Claude] in New York eine Postkarte mit dem Reichstag
       ohne Kuppel: „Ich schlage vor, dass Sie das umseitige Gebäude verhüllen.“
       
       Die beiden hatten gerade mal wieder für Skandal und Aufsehen gesorgt, mit
       einem 400 Meter langen und bis zu 111 Meter hohen Vorhang aus strahlend
       orangenen Folien, der ein Tal in den Rocky Mountains teilte. Die Folie
       zerriss umgehend im Wind, nur ein Foto konnte entstehen. Und in New York
       wurde eine Postkarte gelesen. Michael hatte seine Lebensaufgabe gefunden.
       
       Es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis der Reichstag hinter silbernen
       Folien verschwand und nach zwei Wochen wie neugeboren wieder erschien,
       bereit, nicht mehr nur Denkmal der zerstörten Weimarer Republik, des
       verlorenen Kriegs, der Befreiung zu sein, sondern als Haus der neuen
       Bundesrepublik zu dienen. Politische Kunst wie aus dem Handbuch, die zeigt:
       Auch die Demokratie ist des Großen fähig. Nicht, dass er sich nur dieser
       Aufgabe widmete, in der Neuen Nationalgalerie entstand ein Cafe, er
       forschte zur deutsch-jüdischen Geschichte, zum Historismus, arbeitete als
       Journalist und Fernsehautor.
       
       Doch in diesen zwanzig Jahren wurde Cullen vor allem zu dem
       Reichstags-Architekturhistoriker schlechthin, seine Bücher sind bis heute
       Standardwerke. Fast selbstverständlich zog man ihn also zu Rate, als die
       Parlamentarier eine Kuppel haben wollten und [3][der Architekt Norman
       Foster] das zunächst vehement ablehnte. Zog ihn zu Rate, als es um die
       Inschriften sowjetischer Soldaten aus dem Sommer 1945 ging. Zog ihn zu Rate
       für die Sanierung des Brandenburger Tors. Auch dies ist schließlich gebaute
       Politik.
       
       Am Sonntag wird der scheinbar unermüdliche, immer noch ein Buch zum Thema
       aus den Regalen suchende Michael Cullen 85 Jahre jung. Dass das Land Berlin
       diesem Mann niemals eine Professur gab, der so viel über Berlin, Politik
       und die Kämpfe erzählen kann, die es braucht, um das Richtige zu wagen –
       eine andere Geschichte.
       
       Sicher aber ist: Hätten die Schlossfassaden-Fans den Mut des Bundestags
       gehabt und dem Humboldtforum architektonisch wenigstens einen Hauch
       gebauter weltoffener Modernität gegeben – sie hätten viele Probleme
       weniger. Glückwunsch, Michael. Bis zum nächsten Espresso in der so
       wunderbar amerikanischen Wohnküche mit Blick in den Berliner Hinterhof.
       
       8 Jun 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_S._Cullen
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Christo_und_Jeanne-Claude
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Norman_Foster
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nikolaus Bernau
       
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