# taz.de -- Veränderte Machtbalance: Kann der Westen weg?
       
       > Wenn der Westen am demokratischen Rechtsstaat und der offenen
       > Gesellschaft festhalten möchte, muss er sich aus der zunehmenden Illusion
       > seiner Weltbedeutsamkeit zurückziehen.
       
 (IMG) Bild: „Europas Denkmuster hat im 21. Jahrhundert keinen Halt mehr.“
       
       [1][taz FUTURZWEI] | „Europa muss aus dem Denkmuster herauswachsen, dass
       Europas Probleme die Probleme der Welt sind, aber die Probleme der Welt
       nicht die Probleme Europas.“ So unlängst Subrahmanyam Jaishankar, seines
       Zeichens indischer Außenminister. Das Denkmuster, das Jaishankar zutreffend
       beschreibt, entstammt dem 19. Jahrhundert, konnte sich durch imperiale und
       wirtschaftliche Erfolge bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als bestätigt
       betrachten, hat aber im 21. Jahrhundert keinen Halt mehr in einer
       veränderten Wirklichkeit. Heute haben sich die Machtbalancen eindeutig zu
       Ungunsten der lange dominierenden Machtfiguration „Westen“ verschoben,
       ihres europäischen Teils zumal. Teile der Welt, die Westeuropa in der
       zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch „Entwicklungsländer“ nannte,
       agieren inzwischen als globale Mächte, erwirtschaften ein größeres
       Bruttoinlandsprodukt als die dem Westen zugerechneten Staaten und
       repräsentieren einen deutlich größeren Teil der Weltbevölkerung. Europa
       rückt nicht nur deshalb, wie Albrecht Koschorke in der Zeit formuliert hat,
       immer mehr an den Rand des Weltgeschehens.
       
       Die US-amerikanische Außenpolitik hat Europa schon seit der ersten
       Regierung Obama zugunsten des indopazifischen Raums nach hinten sortiert,
       und obwohl eine neue Präsidentschaft Donald Trumps wahrscheinlich ist,
       stellt sich der deutsche Bundeskanzler immer noch taub und blind gegenüber
       dieser Entwicklung. Es gäbe, so ließ er gerade verlauten, ja auch immer mal
       wieder einen neuen Präsidenten. Wenn man sich allerdings anschaut, wie
       zielsicher gewählte Autokraten an der Abschaffung der Gewaltenteilung
       arbeiten und demokratische Institutionen schleifen, sollte man sich da
       nicht so sicher sein – zumal Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht mit
       Blick auf eine Wiederwahl agieren muss. Und was soll vor dem Hintergrund
       einer trumpistischen USA aus dem europäischen Restwesten werden, wenn nicht
       mehr nur in Italien, Ungarn und der Slowakei illiberale Rechte regieren,
       sondern auch in Frankreich, Finnland oder in den Niederlanden. Oder
       womöglich gar in Deutschland?
       
       ## Nostalgische Verklärung einstiger Größe
       
       Um das Szenario noch etwas übler zu machen, wie steht es denn um die
       neuerdings so oft bemühte „Kriegstüchtigkeit“ eines solchen Restwestens,
       wenn die USA unter Trump aus dem Unterstützungsbündnis für die Ukraine
       aussteigen und Putin seinen Angriffskrieg gewinnt, ohne dass eine
       internationale Sicherheitsarchitektur zu diesem Zeitpunkt existiert? Mir
       scheinen das zwar böse, aber leider nicht ganz unrealistische Szenarien,
       die blöderweise auch nicht in einer fernen Zukunft angesiedelt sind,
       sondern schon in ein paar Monaten eine ganz neue geopolitische Dynamik
       entfesseln können. Gleichwohl scheint sich weder in den etablierten
       Parteien noch auf europäischer Ebene dazu viel politische Fantasie zu
       entfalten.
       
       In Bezug auf die „Kriegstüchtigkeit“ pflegt man eine präpotente Rhetorik;
       in Bezug auf die Abkehr der USA von Europa betet man vermutlich vor dem
       Schlafengehen. Und wähnt sich ansonsten im Referenzrahmen einer
       historischen Bedeutsamkeit, die durch die Wirklichkeit schon lange nicht
       mehr eingelöst wird. Die Wirklichkeit fordert etwas ganz anderes vom
       „Westen“ als die nostalgische Verklärung einstiger Größe. In der Tradition
       der Aufklärung und des Humanismus sollte er sich in etwas ganz anderem üben
       als in großsprecherischer Rhetorik – im Rückzug nämlich.
       
       ## Veränderte historische Notwendigkeiten
       
       Hans Magnus Enzensberger hat 1989 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
       einen außergewöhnlichen Essay zu Helden des Rückzugs geschrieben – ein
       erkenntnisleitender Impuls, darüber nachzudenken, wer denn die eigentlichen
       Helden der Geschichte sind. Diejenigen, die nach alten nationalstolzen
       Erzählungen den Tod nicht scheuende Kämpfer, Feldherren, Sieger sind,
       Gebiete und ganze Länder erobern und Besiegte unterjochen, oder aber
       diejenigen, die auf den Kampf verzichten, veränderte historische
       Notwendigkeiten richtig einschätzen und Gewalt und Zerstörung vermeiden?
       
       Enzensbergers Kardinalbeispiel in diesem hellsichtigen Text ist Michael
       Gorbatschow, dem er schon damals prophezeit, dass er im eigenen Land keine
       Popularität ernten würde. „Die schiere Aufgabe, die er sich gestellt hat,
       ist beispiellos. Er ist dabei, das vorletzte monolithische Imperium des
       zwanzigsten Jahrhunderts zu demontieren, ohne Gewalt, ohne Panik, ohne
       Krieg. Ob das gelingen kann, steht dahin. Doch hätte noch vor wenigen
       Monaten niemand das, was er bisher auf diesem Weg erreicht hat, für möglich
       gehalten. Es hat sehr lange gedauert, bis die Welt auch nur anfing, sein
       Projekt zu begreifen. Die überlegene Intelligenz, die moralische Kühnheit,
       die weitreichende Perspektive dieses Mannes – das alles lag, im Osten wie
       im Westen, so weit jenseits des Horizonts der politischen Klasse, dass
       keine Regierung wagte, ihn beim Wort zu nehmen.“
       
       ## Mut, die Richtung zu wechseln
       
       Enzensberger geht es um die grundlegende zivilisatorische Fähigkeit, im
       Angesicht von nicht fortsetzbaren Entwicklungsrichtungen die Richtung zu
       wechseln. Das gilt nicht für die Frage von Gewalt und Gewaltverzicht
       allein, sondern für alle politischen Handlungsfelder, deren Protagonisten
       allerdings, so Enzensberger, noch „am klassischen Heldenschema bis auf den
       heutigen Tag ebenso verbissen wie hilflos“ festhalten.
       
       Leider gilt dieser Befund auch noch ein Dritteljahrhundert später. Er gilt
       auch für das verbissene Festhalten an einstigen Erfolgsstrategien, die
       nicht mehr zu zwischenzeitlich veränderten Lagen und Herausforderungen
       passen. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ist gewiss kein Held
       des Rückzugs, sondern ein Kämpfer für eine vergangene Welt.
       Rückzugspolitiker freilich sind nirgendwo zu sehen. Dabei, so Enzensberger
       vor 35 Jahren, steht auch den westlichen Demokratien „eine Abrüstung bevor,
       für die es keinen Präzedenzfall gibt. Der militärische Aspekt ist nur einer
       unter vielen. Andere unhaltbare Positionen sind im Schuldenkrieg gegen die
       Dritte Welt zu räumen, und der schwierigste aller Rückzüge steht in jenem
       Krieg bevor, den wir seit der industriellen Revolution gegen unsere eigene
       Biosphäre führen“.
       
       ## Alberne Siegerposen und selbstzufriedene Lügen
       
       Die Fähigkeiten, die man braucht, um diesen überlebensnotwendigen Rückzug
       einzuleiten, könne man am besten an jenen studieren, die wie Gorbatschow
       aus der erwartbaren Entwicklungsrichtung ausgeschert sind, obwohl alle
       gefordert und erwartet haben, dass man „auf Kurs“ bleibe. Erst durch solche
       „Vorbilder“ wird erlernbar, wie man auf historische Herausforderungen
       angemessen antworten kann, schreibt Enzensberger. „So kann eine Energie-
       und Verkehrspolitik, die diesen Namen verdient, nur mit einem strategischen
       Rückzug eingeleitet werden. Sie erfordert die Zerlegung von
       Schlüsselindustrien, die auf lange Sicht nicht weniger bedrohlich sind als
       eine Einheitspartei. Die Zivilcourage, die dazu nötig wäre, steht der kaum
       nach, die ein kommunistischer Funktionär aufzubringen hat, wenn es darum
       geht, das Monopol seiner Partei abzuschaffen. Stattdessen übt sich unsere
       politische Klasse in albernen Siegerposen und selbstzufriedenen Lügen. Sie
       triumphiert, indem sie mauert, und glaubt der Zukunft durch Aussitzen Herr
       zu werden. Vom moralischen Imperativ des Verzichts ahnt sie nichts. Die
       Kunst des Rückzugs ist ihr fremd.“
       
       Dieser Befund gilt auch 35 Jahre später noch, und mehr denn je. Der Westen
       hat aus der Erfahrung seiner Niederlagen nie eine Lerngeschichte des
       erfolgreichen Rückzugs gemacht, ja, desto verbissener an seiner
       imaginierten Mission festgehalten, je weniger sie sich in der globalen
       Wirklichkeit verwirklicht. Eine solche Täuschung über die eigene Rolle und
       die eigenen Potenzen kann gerade im Zusammenhang von kriegerischen
       Auseinandersetzungen äußerst fatal werden, wenn man die eigenen
       Möglichkeiten über- und die des Gegners unterschätzt. Oder in der
       selbstfokussierten Betrachtung nicht richtig wahrzunehmen in der Lage ist,
       wie sich auf der anderen Seite sukzessive die Gewichte zu den eigenen
       Ungunsten verschieben.
       
       ## Inflation normativer Begriffe
       
       Natürlich möchte man die Fragilität des westlichen Modells nicht sehen,
       wenn man die liberale Demokratie schon deshalb für ein Zukunftsmodell hält,
       weil man selbst Teil von ihm sein möchte. Vielleicht ist gerade deshalb zu
       beobachten, wie die Fortschrittsansprüche von den Taten in die Worte
       wandern, eindrucksvoll zu sehen an den Gas-Shoppingtouren von Kanzler und
       Vizekanzler zu den antidemokratischen Potentaten der Welt und an den
       antihumanen Flüchtlingsdeals der Präsidentin der Europäischen Kommission,
       die autoritären Herrschern Geld in die Hand drückt, damit die mit den
       Flüchtlingen manchen, was sie wollen. Dies alles bei gleichzeitiger
       verbaler Hochrüstung in Sachen „wertebasierter“, „regelbasierter“, gar
       „feministischer Außenpolitik“.
       
       Je weniger etwas Wünschenswertes in der Wirklichkeit realisiert ist, desto
       größer wird der verbale Aufwand: Deshalb ist so viel von „europäischen
       Werten“, von „Wertegemeinschaft“, „Verantwortung“ und „Menschenrechten“ die
       Rede. Man folgt dem weniger denn je, man versichert sich gegenseitig nur
       mit der Inflation normativer Begriffe, dass man noch irgendetwas
       Werthaltiges mitzuteilen und zu bestellen hätte.
       
       ## Veränderte Machtbalance
       
       Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nur Folklore bliebe – wie
       Trachtengruppen, die Vergangenheiten aufführen, die es nie gegeben hat. Es
       ist aber dann verhängnisvoll, wenn daraus Wahrnehmungen, Schlussfolgerungen
       und Handlungen resultieren, die irregeleitet sind – also etwa die eigene
       Stärke, die eigene Bündnisfähigkeit, die eigene Wirtschaftskraft, die
       eigenen Handlungsmöglichkeiten überschätzen lassen. Eine bayrische
       Lebensweisheit lautet „Nur mit vollen Hosen ist gut stinken“, und gerade
       absteigende Nationen oder Staatenbündnisse tun sehr gut daran, ihr
       Selbstbild gelegentlich zu prüfen und, wo nötig, tieferzulegen.
       
       Wenn man am zivilisatorischen Projekt des demokratischen Rechtsstaats und
       der offenen Gesellschaft festhalten möchte, muss man sich über die
       veränderte Machtbalance und die eigene Rolle darin Rechenschaft ablegen und
       den bewussten Rückzug aus der Weltbedeutsamkeit planen. Und damit gleich
       mal den größten Fehler des Westens hinter sich lassen: den missionarischen
       Anspruch, den Rest der Welt von der Brillanz und Überlegenheit des
       westlichen Gesellschaftsmodells überzeugen zu wollen. Diese Mission ist
       offenbar gescheitert; es wäre daher umso wichtiger, die innere Verfasstheit
       der offenen Gesellschaft zu verteidigen. Genau das heißt aber etwas
       anderes, als sich an alten Selbstbildern festzutackern. Um ein etwas
       abgenutztes literarisches Zitat zu verwenden: Alles muss sich ändern, damit
       alles bleibt, wie es ist.
       
       ■ Harald Welzer ist Herausgeber von taz FUTURZWEI.
       
       ■ Dieser Beitrag ist in unserem Magazin taz FUTURZWEI N°29 erschienen.
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       4 Jun 2024
       
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