# taz.de -- tazđŸŸthema: Lust am Dekonstruieren
       
       > Auf dem DebĂŒtalbum der portugiesischen Musikerin Ana Lua Caiano sind
       > Gesang und Musik im produktiven und nicht nur harmonischen ZwiegesprÀch
       
       „Setz dich hin und sieh die Sonne an, die Sonne, die so weit weg ist / lass
       uns sitzen bleiben, bis die Nacht zu Hause ankommt“. Ja geil, wer macht
       mit? Was Ana Lua Caiano aus Lissabon im Titeltrack ihres DebĂŒtalbums „Vou
       Ficar Neste Quadrado“ – auf Portugiesisch – singt, ließe sich als
       Einladung zum Innehalten verstehen. Mal nicht direkt wieder irgendwo
       hinzuhetzen, sondern vielleicht da zu bleiben, wo du gerade bist. Das Leben
       an dir vorbeiziehen zu lassen, statt selbst am Leben vorbeizuziehen.
       
       Doch kontemplativ ist der Song, der sich ĂŒber Menschen lustig macht, die
       nicht ihrem eigenen „Square“ („Quadrat“) entkommen, keineswegs. Er beginnt
       mit einem geloopten Klangfetzen von Caianos Stimme, der wie eine Bassdrum
       die rhythmische Grundlage fĂŒr den reggaetonartigen Beat liefert.
       Elektronische wie akustische zusammengesetzte KlÀnge bilden wiederum die
       Àsthetische Grundlage des gesamten Albums.
       
       Die zehn Songs erzÀhlen allesamt Geschichten. Sie stammen der
       portugiesischen Musikerin zufolge nicht aus persönlichen Erlebnissen,
       sondern sind inspiriert von GesprÀchen, die ihr im Alltag so begegnen.
       Caiano erzÀhlt diese Geschichten sehr eigenwillig, Gesang und Musik
       sprechen stets miteinander sprechen – und das nicht nur harmonisch. Eher
       steht beides in einem produktivem Kontrast zueinander.
       
       ## Tanzaffine Tracks
       
       Sobald sich etwa ein Gesangsteil mit ihrer klaren Stimme etabliert hat,
       bricht ein dissonanter, maximal kĂŒnstlicher Sound herein. Der Lust am
       Dekonstruieren allzu „natĂŒrlicher“ Klangbewegungen folgt man gern. Immer
       wieder wird das Schöne und das HÀssliche, das Sanfte und das Raue in ein
       neues VerhÀltnis gesetzt.
       
       Manche StĂŒcke sind rein instrumental, etwa das experimentelle „Bom, Vai
       Ficar Assim Por Hoje“ oder „De Cabeça Colada Ao Chão“ mit Anleihen an
       Industrial-Sounds, also KlÀngen, die maschinell sind und oft LÀrm Àhneln.
       Hier offenbaren sich Caianos Skills als Produzentin organischer,
       tanzaffiner Tracks, die auch an Clubmusik aus Lissabons Underground
       erinnern. FĂŒr ihre Kompositionen verwendet die ausgebildete Jazzmusikerin
       auch traditionelle Instrumente, etwa die bombo-Trommel oder die brinquinho
       de madeira, ein traditionelles Percussion-Instrument, das aus einem langen
       Stab besteht, an dem kleine bunte Puppen hÀngen. Diese mit SÀgemehl
       gefĂŒllten Puppen tragen kleine Kastagnetten aus Holz auf dem RĂŒcken,
       wĂ€hrend an ihren FĂŒĂŸen der Puppen Kronkorken befestigt sind. Mit einer
       Bewegung, die dem Öffnen und Schließen eines Regenschirms gleicht, werden
       diese Puppen zum Tanzen gebracht. Da tanzen doch die Hörer*innen gleich
       mit!
       
       Philipp Rhensius 
       
       Ana Lua Caiano: „Vou Ficar Neste Quadrado“(Glitterbeat/Indigo)
       
       11 May 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Rhensius
       
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