# taz.de -- Journalistisches Genre: Ode an die Kolumne
       
       > Anders als beim Kommentar sind die Autoren und Autorinnen von Kolumnen
       > frei zu zweifeln. Sie bringen sich privat ein und dürfen aus der Reihe
       > tanzen.
       
 (IMG) Bild: Wladimir Putins politische Performance bei seinem Besuch des Armeeluftfahrtzentrums für Kampftraining in Torzhok Ende März
       
       Von einer Kolumne darf man wohl erwarten, dass es dabei irgendwie
       „persönlich“ zugeht. Sonst könnte man ja einfach einen Kommentar oder einen
       Essay anbieten. An einem Rand dieses journalistischen oder auch
       metajournalistischen Genres sind die Kolumnen zu finden, die Einblick in
       das tatsächliche oder fiktionale Privatleben der Autorinnen und Autoren
       geben. Was es eben so an kulinarischen Erfahrungen, Stress mit Kindern oder
       Kolleg*innen oder Abenteuern in der Partymeile gibt.
       
       Das kann man mögen oder auch weniger. Es tut unterm Strich immerhin kaum
       jemandem weh, wobei mein Mitgefühl den Familienmitgliedern gilt, die von
       einem der ihren als Material für launige Alltagspointen missbraucht werden.
       Am anderen Rand wird es gemein, unsachlich und beleidigend; die Kolumne als
       mehr oder weniger kultivierte „[1][Hate Mail]“. Seit der Programmreform
       kenne ich meinen ehemaligen Hausradiosender, den BR 2, nur noch vom
       Ausschalten.
       
       Im Übrigen protestiere ich im Namen meiner Enkelgeneration gegen die
       Gleichsetzung von jung und doof. Na ja, auch so etwas kann man mögen oder
       weniger. Besonders hilfreich ist es eigentlich für niemanden. Wie man mit
       dem Persönlichen in der Thematik, in der Methodik oder im Stil umgeht, ist
       indes nicht nur eine Frage der Haltung des Autors, sondern auch eine des
       behandelten Objekts.
       
       Darf ich, wenn ein [2][Markus Söder] aus China und Hintertupfing nur eher
       peinliche Fotos von sich selber mitbringt und ein Osterei mit seinem
       eigenen Konterfei im Internet versteigert, von einer narzisstisch gestörten
       Person sprechen oder sicherheitshalber von schlechter Beratung bei der
       politischen Selbstvermarktung? Wie persönlich darf man da werden, ohne sich
       selbst der Arroganz und Schadenfreude zu überführen oder ohne das Recht
       eines Menschen auf Eigenart und „Authentizität“ zu verletzen?
       
       ## Persönliches aufdecken
       
       Und umgekehrt: Wird nicht die Geschichte eines Tages urteilen über die
       Unfähigkeit einer Kritik, die charakterlichen und geistigen Defizite von
       Menschen erkannt und erklärt zu haben, die an den Schaltstellen der Macht
       sitzen? Darf, soll, muss man nicht fragen, was sich hinter den Masken der
       Macht und der medialen Clownerie verbirgt, nicht nur an Interessen oder
       Ideologien, sondern eben auch an „Persönlichem“?
       
       Erich Fromm hat einst den Begriff einer „politischen Psychologie“ in die
       Debatte eingeführt, und von der anderen Seite her hat Lloyd DeMause eine
       Methode der „[3][Fantasy Analysis]“ vorgeschlagen, in der er zum Beispiel
       die Reden und Gesten von Politikerinnen und Politikern auf ihren
       emotionalen und bildhaften Kern untersuchte.
       
       Man kann solche „psychohistorischen“ Untersuchungen auf die Vergangenheit
       anwenden, um von ihr zu lernen (für uns ist da wohl immer noch Klaus
       Theweleits Untersuchungen der vorfaschistischen „[4][Männerphantasien]“
       musterhaft), aber mit einer gewissen Risikobereitschaft lässt sich dabei
       sogar ein gewisses prognostisches Potenzial erarbeiten.
       
       DeMause hat das ziemlich überzeugend anhand einer Häufung von Begriffen wie
       „Opfer“ und „Blut“ in den Reden von Ronald Reagan als Ausdruck einer
       latenten Kriegsbereitschaft nachgewiesen, die sich dann prompt und übrigens
       wider alle Vernunft „entladen“ musste. Überdies beschrieb er anhand der
       „offiziellen“ Mitteilung aus dem Weißen Haus, im Juni 1986, es sei nun
       „bekannt“, dass Muammar al-Gaddafi homosexuell sei, einen der vielen
       Kurzschlüsse zwischen persönlicher Obsession und politischem – und
       schließlich militärischem – Handeln.
       
       ## Kein Verbot für Fernanalysen
       
       Dürfen wir die Reden von Vertretern unserer besorgten Rechten mit den
       Mitteln der Fantasy Analysis untersuchen? Diese Litaneien von dem, was „weg
       muss“, was man „sich wieder zurückholen“ will, von der „Umvolkung“ und
       „Vergiftung“, als kaum maskierte Mischungen aus Kastrationsängsten und
       Mordfantasien erkennen, oder dürfen wir, andersherum, aus Donald Trumps
       persönlichem Fehlverhalten auf die Schreckensherrschaft schließen, die
       womöglich mit seinem Wahlsieg beginnt?
       
       Das theoretische Verbot der Ferndiagnose wurde von [5][Harry Siegal],
       Professor für Psychologie an der Cornell-Universität, unlängst beherzt
       überschritten, als er in Donald Trump als „mentally challenged“
       bezeichnete, was frei übersetzt: geistig verwirrt bedeutet, und Symptome an
       ihm beschrieb, die dem „Anfangsstadium einer Demenz“ entsprechen.
       
       Das klingt, selbst wenn man für Trump keine Sympathien hegt, ziemlich
       übergriffig. Wer möchte schon wegen einer kleinen Wortfindungsschwäche,
       einer derben Bildungslücke oder gar wegen eines an Alzheimer erkrankten
       Vaters öffentlich so „behandelt“ werden? Doch auf der anderen Seite: Wer
       möchte von einem Menschen beherrscht werden, der nicht einmal mehr sein
       eigenes Gehirnkästchen in Ordnung halten kann?
       
       Leider gibt es für das Eindringen in die Schnittflächen zwischen
       Psychologie und Politik, zwischen dem Persönlichen und dem Öffentlichen,
       keine verbindlichen Regeln. Die Sache steckt voller Tücken und Fallen. Und
       damit sind wir wieder bei der Textsorte Kolumne, die ihren Autorinnen und
       Autoren Freiheiten gibt, die anderswo mit guten Gründen nicht gewährt
       werden.
       
       ## Rein ins wilde Feld
       
       Denn nur in ihr kann ich bekennen, dass ich an einem Thema auch scheitern
       kann, dass am Ende einer Überlegung weder eine „Meinung“ noch eine
       „Überzeugung“ steht, etwa was die Notwendigkeit oder das Tabu von
       politischer Psychologie, Ferndiagnostik und Fantasy Analysis anbelangt,
       wohl aber eine „Haltung“: Man darf sich vor dem Problem nicht drücken. Man
       muss hinein in dieses wilde Feld zwischen dem Persönlichen und dem
       Politischen, aber man macht es auf eigene Verantwortung und auf eigenes
       Risiko.
       
       Den Autokraten dieser Welt persönliche Psychosen zu unterstellen, ist
       gefährlich. Aber noch gefährlicher ist es, das Psychotische in ihrer
       politischen Performance zu verdrängen. Dies sagen zu können, habe ich der
       Textsorte Kolumne zu verdanken.
       
       10 Apr 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Studie-zu-Hass-im-Netz/!5989006
 (DIR) [2] /Markus-Soeder-im-Wahlkampf/!5947595
 (DIR) [3] https://sei-fert.de/phantasy-analysis.pdf
 (DIR) [4] /Klaus-Theweleits-Maennerphantasien/!5614242
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=tTzku-Fvm9c
       
       ## AUTOREN
       
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