# taz.de -- Stereotype über Roma und Sinti: Jetzt sind wir dran
       
       > Roma und Sinti finden noch immer zu wenig statt in den Medien. Mehr
       > Repräsentation ist dringend notwendig. Auch über Gedenktage hinaus.
       
 (IMG) Bild: Zumreta Sejdović und Zingovala „Maja“ Adzovic vom Hamburger Verein Romani Kafava. Unteilbar-Demonstration in Dresden, 2019
       
       Dass ich Rom bin, habe ich lange verheimlicht. Es ist nicht so, dass ich
       mich für meine Identität geschämt habe, aber ich hatte [1][Angst vor
       Diskriminierung]. Angst davor, in der Schule und später im Berufsleben
       Nachteile zu erfahren. Und das ist nicht unbegründet, wie ich feststellen
       musste.
       
       Nach meinem Fachabitur vor gut elf Jahren musste ich ein sechswöchiges
       Praktikum absolvieren. Schon immer war es mein Traum, beim Radio zu
       arbeiten, doch obwohl ich nicht als Rom geoutet war, hatte ich als jemand,
       der ursprünglich aus dem Kosovo stammt, Schwierigkeiten, einen Platz zu
       bekommen. Mit etwas Glück fand ich schließlich ein Praktikum bei einer
       Produktionsfirma, die für die öffentlich-rechtlichen Sender Beiträge
       produziert. An meinem ersten Tag sollte in einer Flüchtlingsunterkunft in
       Trier ein Beitrag über Roma aus Kosovo und Nordmazedonien gedreht werden –
       denn Roma aus dem Balkan [2][sollten abgeschoben werden], da die Länder als
       sichere Herkunftsländer galten. Auf dem Weg zur Unterkunft, einer kurzen
       Autofahrt von Mainz nach Trier, fand ich heraus, dass wir zwar einen
       Beitrag über Roma machen sollten, es aber keinen Dolmetscher gab. Etwas
       naiv outete ich mich: „Ich bin Rom und kann den Journalisten und der
       Kamera-Crew beim Übersetzen helfen.“
       
       Ich konnte helfen, nicht nur beim Übersetzen, sondern auch dabei, einen
       Zugang zu den Menschen in der Unterkunft zu finden. Denn unter ihnen war
       das Misstrauen gegen die Medien groß. Mein erster Praktikumstag war ein
       Erfolg, so dachte ich zumindest damals. Schnell bereute ich es aber, mich
       als Rom geoutet zu haben. Denn von da an hatte ich leider das Gefühl, in
       der Produktionsfirma nicht willkommen zu sein und dass die Kollegen mich
       loswerden wollten.
       
       Meine Erlebnisse sind kein Einzelfall: Viele Sinti und Roma outen sich
       nicht und verheimlichen ihre Identität. Tun sie es doch, erleben sie
       Diskriminierung im Alltag und im Berufsleben – [3][auch im Journalismus].
       Dabei ist es gerade in den Medien wichtig, dass mehr Sinti und Roma dort
       arbeiten.
       
       ## Fortbildungen für Medienschaffende
       
       Oft ist die Berichterstattung antiziganistisch. Das heißt: In vielen
       Beiträgen und Texten wird (ob bewusst oder unbewusst) rassistische Sprache
       reproduziert. Das Wissen darüber, was Antiziganismus ist und welche
       Begriffe schwierig sind, wächst zwar in der Medienbranche, doch die
       Fortschritte kommen zu langsam. Daher fände ich es wichtig, dass es in
       Zukunft mehr verpflichtende Fortbildung für Journalisten und
       Medienschaffende gibt.
       
       Auch damit die Anliegen von Sinti und Roma nicht nur an Gedenk- und
       Feiertagen beachtet werden. Am 8. April oder dem 2. August, dem offiziellen
       Gedenktag für den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma,
       gibt es dann vereinzelt Interviews und Beiträge von Vereinen oder
       Aktivisten. Das ist zwar wichtig, aber es reicht nicht aus. Sinti und Roma,
       die keine Aktivisten sind, kommen in der deutschsprachigen Medienbranche
       quasi nicht vor.
       
       Damit mehr Menschen aus der Community der Sinti und Roma in der
       Medienbranche arbeiten, braucht es gezielte Förderung. Das kann ich auch
       aus eigener Erfahrung sagen. Nach meiner negativen Erfahrung mit meinem
       ersten Praktikum hat mich die Motivation, in den Journalismus zu gehen,
       erst einmal verlassen. Erst als ich 2020 gemeinsam mit Nino Novakovic den
       „RymePodcast“ ins Leben gerufen habe, konnte ich mein Können unter Beweis
       stellen. Es sollte nicht an der Initiative von Einzelnen hängen, sondern
       eigene Sendungen im Radio oder Fernsehen geben von und für die Community.
       
       Andere marginalisierte Communitys haben in den letzten Jahren die Chance
       erhalten, haben eigene Fernsehshows, Podcasts oder Kolumnen bekommen. Eine
       gute Entwicklung – doch nun sind auch wir an der Reihe. Wie es gehen kann,
       zeigen europäische Länder wie Schweden oder Österreich mit der
       ORF-Redaktion „Volksgruppen.orf“ und der schwedischen Radiosendung „Radio
       Romano“ vom Sender Sveriges Radio. Zeit, dass der öffentlich-rechtliche
       Rundfunk in Deutschland gemeinsam mit der Sinti-und-Roma-Community eigene
       Programme entwickelt. Damit wir künftig mehr als zweimal im Jahr vorkommen.
       
       8 Apr 2024
       
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       ## AUTOREN
       
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