# taz.de -- Amazon Fresh beendet „Just walk out“: Mensch ersetzt KI
       
       > Hinter den kassenlosen Märkten von Amazon steckten Mitarbeiter in
       > Indien, zeigt eine Recherche. Ohne Ausbeutung funktioniert Bequemlichkeit
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Bei „Just walk out“ wurde bezahlt ohne Kasse – das ist jetzt Geschichte
       
       „Haben Sie auch an Tampons gedacht?“ – Im Laden ohne Personal empfiehlt die
       künstliche Intelligenz außerdem freundlich, noch ein Erkältungsmedikament
       zum Wochenendshopping zu legen. Sie sieht an Körperhaltung und
       Stimmmodulation der Kundin, dass ein Schnupfen im Anmarsch ist. Die Preise
       auf den digitalen Anzeigen werden in Millisekunden dem jeweils vorm Regal
       verweilenden Individuum angepasst. [1][Kassen gibt es keine]. Sensoren
       haben die Waren erfasst und direkt auf der Kreditkarte abgerechnet. Ohne
       Wartezeiten oder extra Zahlungsvorgang, mit dem Einkauf schon im Rucksack,
       tritt die Kundin vor die Tür.
       
       „Just walk out“ – „Einfach rausgehen“ lautet ein Konzept des
       [2][Internetkonzerns Amazon] zum kassenlosen Einkauf. Laut einem Bericht
       des Nachrichtenportals [3][The Information] soll das Experiment mit den
       kassenlosen Lebensmittelgeschäften jedoch beendet werden. Anscheinend ist
       nicht nur der hohe Preis der Technologie ein Problem. Auch scheint der
       Enthusiasmus und die Bereitschaft der Kund:innen, ihr Verhalten den
       Anforderungen der Technik zu unterwerfen, wie so oft bei der Nutzung
       „neuer“ Ideen aus der Sphäre digitaler Erlösungsfantasien, hinter den
       Erwartungen des Anbieters zurückzubleiben.
       
       Ein bemerkenswert kritischer Aspekt der Just-Walk-Out-Läden ist dabei die
       Tatsache, dass der ursprünglichen Idee widersprechend, doch eine Menge
       unsichtbar gemachter menschlicher Arbeitskraft in die Ladengeschäfte
       fließen muss. So wird von mehr als tausend Klick-Arbeiter:innen in Indien
       berichtet, die alle Einkaufsvorgänge in den Amazon-Stores aufs genaueste
       überprüfen.
       
       Ganz so reibungslos wie beworben funktioniert das kassenlose Geschäft
       offenbar nicht. Dass menschliche manuelle Arbeit hinter einer sterilen, von
       jeder Erinnerung an Blut und Schweiß gereinigten Fassade pseudodigitaler
       Erfahrungswelten versteckt wird, ist nicht einmal [4][eine Neuigkeit]. Ob
       in Kenia, Indien oder Nigeria – eine stetig wachsende Armee unterbezahlten
       digitalen Prekariats wird damit beschäftigt, den Datenmüll aus den
       reicheren Regionen der Welt aufzubereiten.
       
       ## Folgen trägt Allgemeinheit
       
       Während nämlich Unmengen an Daten maschinell erfasst, verarbeitet und
       wieder in das immer gewaltiger werdende digitale Grundrauschen eingespeist
       werden, müssen Menschen die sich potenzierenden Fehler und Ungenauigkeiten
       permanent ausgleichen. Tun sie das nicht, werden die Dienste und Produkte
       zunehmend unbenutzbar.
       
       Alle, die jemals eine Reisereklamation oder Verständnisnachfrage zu einem
       Formular mit einem KI-gesteuerten Chatbot zu klären versuchten, sind den
       systemischen Problemen in immerhin noch überschaubarer Dimension bereits
       begegnet. Von sich rasend schnell verbreitenden Fehlinformationen, die zu
       gegebenenfalls katastrophalen und tödlichen Entscheidungen führen, ganz zu
       schweigen.
       
       Denn das ist es, was passiert, wenn die digitale Transformation dem
       Profitinteresse internationaler Konzerne unterworfen ist: Jegliche
       unkommerzielle Aktivität wird verdrängt, während globale Monopolisten ihre
       dysfunktionalen Dienste unter Zuhilfenahme weltumspannender kolonialer
       Ausbeutung zu verkaufen suchen.
       
       Die Dividenden steigen, während die Verantwortung für die Folgen
       unkontrollierten Gewinnstrebens bei der Allgemeinheit verbleibt. Welchen
       Namen das nächste große Ding des Kapitalismus auch tragen mag, eines wird
       sich unter gegebenen Bedingungen nie ändern: Selbst wenn gelegentlich für
       einen tatsächlich bestehenden Bedarf entwickelt und produziert wird, geht
       es doch immer vorrangig um den Profit. Und der wird zu ganz wesentlichen
       Teilen in den brutalen Arbeitshöllen und Sweatshops dieser Welt
       erwirtschaftet. Egal ob das nun 1850 in Manchester oder 2024 in Bangalore
       geschieht.
       
       4 Apr 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Amazon-im-Einzelhandel/!5363365
 (DIR) [2] /Ausbeutung-bei-Amazon/!5980811
 (DIR) [3] https://www.theinformation.com/articles/amazons-grocery-stores-to-drop-just-walk-out-checkout-tech
 (DIR) [4] https://netzpolitik.org/2024/von-wegen-kuenstliche-intelligenz-indische-arbeitskraefte-steckten-hinter-amazons-smarten-supermarktkassen/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniél Kretschmar
       
       ## TAGS
       
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