# taz.de -- Wachstumskrise und Ideenlosigkeit: Peking sucht nach Auswegen
       
       > China steht kurz vor dem Nationalen Volkskongress vor großen
       > Herausforderungen – auch ökonomisch. Der Druck auf Staatspräsident Xi
       > Jinping wächst.
       
 (IMG) Bild: Xi Jinping während der Eröffnungszeremonie des Nationalen Volkskongresses am 5. märz
       
       Peking taz | Wenn Chinas Abgeordnete am Dienstag die Große Halle des Volkes
       betreten, dann demonstriert der Einparteienstaat beim Nationalen
       Volkskongress eine beeindruckende politische Geschlossenheit: Gesetze
       werden mit [1][„nordkoreanischen“] Zustimmungswerten abgenickt, Zeichen des
       Dissens sind nicht im Protokoll vorgesehen. Doch außerhalb des Pekinger
       Regierungsviertels zeigt sich sehr wohl, wie die Geduld innerhalb der
       Bevölkerung langsam schwindet: Denn nach mehreren wirtschaftlich
       schwierigen Jahren wächst der Druck auf Xi Jinping, dass er die passenden
       Antworten auf die Krise liefert.
       
       Wer dieser Tage durch die Provinzen fährt, der sieht ein Land, dessen
       Boom-Jahre längst vorüber sind. Für die meisten Chinesinnen und Chinesen
       ist die Pandemie mit empfindlichen Wohlstandsverlusten einhergegangen. Und
       der erhoffte Post-Corona-Aufschwung ist ebenfalls ausgeblieben: Ein
       Großteil der Bevölkerung musste Lohnkürzungen hinnehmen, viele
       Universitätsabsolventen haben zudem Schwierigkeiten, einen adäquaten Job zu
       finden.
       
       Dennoch mehren sich die Zeichen, dass der Nationale Volkskongress nicht den
       erwarteten Reformwurf bringen wird, auf den die Ökonomen hoffen. Denn
       eigentlich hätten dieser bereits beim sogenannten dritten Plenum des 20.
       Zentralkomitees angekündigt werden sollen. Doch das im November erwartete
       Treffen fand bis heute nicht statt. Die meisten Experten deuten dies als
       ernüchterndes Zeichen.
       
       Ebenso passt ins Bild, dass die Regierung am Montag überraschend eine
       wichtige Pressekonferenz von der Agenda des Volkskongresses gestrichen hat.
       Der Ministerpräsident muss sich – erstmals seit mehreren Jahrzehnten –
       nicht mehr den Fragen der JournalistInnen stellen. Dabei bot ausgerechnet
       jenes Format eine seltene Möglichkeit, einen schmalen Blick auf die
       Debatten im Machtapparat zu bekommen.
       
       ## Die Ziele der Regierung in Peking passen nicht zusammen
       
       Vor genau zwölf Jahren etwa gab der damalige Premier Wen Jiabao bei jener
       Presskonferenz ein denkwürdiges Zitat: „Ohne erfolgreiche politische
       Reformen ist es uns unmöglich, die Wirtschaftsreformen vollständig
       umzusetzen, und die Errungenschaften, die wir in diesen Bereichen erzielt
       haben, könnten verloren gehen.“
       
       Unvorstellbar, dass einer von Xi Jinpings Ja-Sagern mittlerweile eine
       solche Mahnung öffentlich äußert. Dabei wäre sie derzeit passender denn je.
       Denn über ein Jahr nach Ende der Null-Covid-Politik oszilliert die
       Regierung weiterhin zwischen zwei Zielen, die ganz offensichtlich im
       Widerspruch zueinander stehen: Wirtschaftswachstum und nationale
       Sicherheit.
       
       Immer wieder hat die Regierung [2][ambivalente Signale] ausgesandt: Wenn
       etwa Premierminister Li Qiang beim Wirtschaftsforum in Davos die
       internationalen Investoren umgarnt und das Geschäftsklima in China lobt,
       während gleichzeitig die Aufsichtsbehörden Razzien bei westlichen
       Beratungsunternehmen durchführen. Schlussendlich, so lautet die Erkenntnis
       der meisten Beobachter, behält die nationale Sicherheit stets die Oberhand.
       
       ## Die Vereinigung mit Taiwan ist Teil der Vision Xi Jinpings
       
       Wie sehr Xi Jinping den Kurs seines Landes prägt, hat nun der Historiker
       Steve Tsang von der Londoner School of Oriental and African Studies (Soas)
       gemeinsam mit seiner Kollegin Olivia Cheung analysiert. In ihrem neuen Buch
       über die politische Gedankenlehre Xi Jinpings argumentieren sie, dass sich
       die Hardware der Volksrepublik – ein Parteistaat nach leninistischem
       Vorbild – zwar niemals geändert hat, jedoch Xi dem Land ein grundlegendes
       Software-Update verpasst hat.
       
       Als der heute 70-Jährige die Parteispitze übernommen hatte, befand sich das
       Reich der Mitte in einer ideologischen Sinnkrise. Korruption und
       Werte-Nihilismus hatten die kommunistische Partei ausgehöhlt. Xi reagierte
       mit einer flächendeckenden Antikorruptionskampagne, die stets auch
       politische Feinde ausgeschaltet hat. Und er weitete den Einfluss der
       Parteizellen wieder in sämtliche Bereiche aus – von Privatunternehmen bis
       hin zu Universitätsinstituten.
       
       Dass Xi damit auch das rasante Wirtschaftswachstum ausbremste, übertüncht
       er nun zunehmend mit nationalistischen Tönen. Das Versprechen an seine
       Bevölkerung heißt die „große Verjüngung der chinesischen Nation“; eine
       Vision, die auch eine Vereinigung mit dem demokratisch regierten Taiwan mit
       einschließt.
       
       ## Wirtschaft im Vordergrund
       
       Beim am Dienstag beginnenden Nationalen Volkskongress, dem nicht frei
       gewählten Parlament der Volksrepublik, wird jedoch vor allem die Wirtschaft
       im Vordergrund stehen. Allen voran gibt der Premierminister Li Qiang bei
       seiner Rede am Eröffnungstag das [3][Wachstumsziel] für das laufende
       Kalenderjahr bekannt. Zuletzt hatte die Parteiführung für 2023 „rund 5
       Prozent“ ausgegeben. Doch an die offiziellen Zahlen glauben ohnehin nur
       mehr die wenigsten: Zu sehr haben die Behörden in letzter Zeit
       Informationszugänge versperrt und statistische Methoden verändert.
       
       Wang Tao, China-Analystin der UBS-Bank, hat kürzlich in einem [4][Kommentar
       in der Financial Times] dargelegt, dass die Maßnahmen zur Wiederbelebung
       der Wirtschaft sehr wohl kein Geheimnis sind: Mit Kredithilfen für
       Bauentwickler könnten Zahlungsausfälle im Immobiliensektor abgewendet und
       das Vertrauen der Käufer wiederhergestellt werden, mit einem Stimuluspaket
       könnte der historisch niedrige Binnenkonsum angekurbelt werden. „Chinas
       Regierung verfügt über die Instrumente, um den derzeitigen Abschwung zu
       überwinden“, schlussfolgert Analystin Wang: „Aber der Erfolg wird von
       rechtzeitigem Handeln, politischer Koordinierung und politischem Willen
       abhängen.“
       
       Und dieser wiederum hängt zunehmend vom Willen einer einzigen Person ab.
       Denn Xi Jinping hat sich im letzten Jahrzehnt radikal vom konsensbasierten
       Führungsmodell des Zentralkomitees verabschiedet und sich stattdessen zum
       „Kern“ der Partei erhoben. Als Alleinherrscher stehen ihm zwar
       außergewöhnliche Steuerungsmöglichkeiten zur Verfügung, doch gleichzeitig
       erhöht sich auch die Gefahr politischer Krisen: Dass etwa China derart
       lange an seiner dogmatischen Lockdown-Politik festgehalten hat oder seit
       Beginn des Ukrainekriegs eng an der Seite Putins steht, dafür trägt einzig
       und allein Xi die Verantwortung.
       
       Nun wird er sich an der wirtschaftlichen Leistung seines Landes messen
       müssen. Bislang fällt die Bilanz durchwachsen aus.
       
       5 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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