# taz.de -- Bau des Südschnellwegs in Hannover: Lauter Wahrheiten über den Biber
       
       > Manche hoffen auf dem Biber beim Schnellstraßen-Protest in Hannover. Aber
       > als politisches Symbol hat der Nager sich in Europa kaum durchgesetzt.
       
 (IMG) Bild: Auch in Jacob van Maerlants „Der Naturen Bloemen“ wird gezeigt und erklärt, was Biber im Mittelalter so konnten
       
       BREMEN taz | Biber, wer kennt sie nicht: Ihr hervorragendstes Merkmal sind
       die extremen, nachwachsenden und sich selbst nachschärfenden Schneidezähne
       mit einer Länge von bis zu dreieinhalb Zentimetern.
       
       Während sich der Biber für Kieferorthopäden als Wappentier eher verbietet,
       haben ihn weltweit etliche Zahnpasten als Maskottchen gewählt. Auch
       mindestens zwei in Deutschland handelsübliche werben mit dem größten
       Nagetier Europas: Blendi für Kinder und Dent-a-Gard für Zweitzahnträger.
       
       Logisch: Die Biberzähne haben eine Kraft von 1,17 Kilonewton (kN) – also
       die Kraft, die nötig ist, um 1.170 Tafeln Schokolade hochzuhalten. Das
       reicht völlig aus, um auch Hartholz zu durchnagen, sodass der Bieber ohne
       zu klettern an schmackhaftes Blattwerk selbst gefällter Eichen kommt.
       [1][Aber reicht sie auch,] um den Bau des Südschnellwegs aufzuhalten?
       
       Vermutlich nicht. Zwar gibt es die Biber von Tümpeltown. Statt sich dafür
       auf die Schulter zu klopfen, dass dieses einst nahezu ausgerottete Tier in
       der südlichen Leineaue wieder heimisch geworden ist, hatte die
       Naturschutzbehörde das lange bestritten.
       
       ## Politische Vergangenheit
       
       Mittlerweile räumt sie es ein und beauftragt Gutachter, zu sagen, [2][dass
       die Rodung der Bäume in der Leinemasch kein Problem gewesen] und die
       Umsiedlung des ansässigen Bieberpärchens total easy und quasi schon
       vollzogen sei. Dabei stehen sowohl das Fangen, Verletzen oder Töten von
       Bibern als auch das Zerstören ihrer Fortpflanzungs- und Ruhestätten unter
       Strafe, das Bußgeld liegt in Niedersachsen jeweils bei bis zu 50.000 Euro.
       
       Denn das Tier gilt laut Bundesartenschutz-Verordnung als selten: [3][Das
       Bundesnaturschutzgesetz müsste also zu seinen Gunsten greifen]. Auch wenn
       sich die Population im Laufe der vergangenen Jahrzehnte rasant gut
       entwickelt hat – die Bundesartenschutz-Verordnung stand 2005 im
       Bundesgesetzblatt und basiert auf Daten der frühen 1990er. Die jüngste
       seriöse Biber-Erhebung aus Niedersachsen kam 2020 auf einen landesweiten
       Bestand von „zwischen 432 und 504 Bibern“.
       
       Nicht nur Procter, Gamble, Colgate, Palmolive und Bristol-Myers mit ihrem
       „Bucky Beaver“ [4][haben den putzigen Biber], lateinisch für die
       europäische Variante Castor fiber, für die Markenbildung eingespannt. Auch
       die Hamburger Grün-Alternative Liste [5][hatte 1981] mit seiner Hilfe ihre
       Corporate Identity hergestellt, obwohl man doch damals ständig gegen
       Kastoren demonstrierte.
       
       In Bergedorf hält man ihm sogar nach wie vor die Treue, auch wenn die
       grafische Darstellung – sie zeigt einen zügig von links nach rechts
       marschierenden Comic-Biber – heute eher etwas unglücklich wirkt.
       Zeitzeug*innen zufolge war den Gründungs-GALier*innen die Sonnenblume
       zu niedlich und „zu vegetarisch“, schrieb das Hamburger Abendblatt im
       [6][vergangenen Jahr].
       
       Dabei isst auch ein Biber keine Tiere. Stattdessen wird er selbst von
       Wölfen, Füchsen, Welsen und Hechten verspeist, die in der Leine und an
       ihren Ufern in ausreichender Größe und Stückzahl vorhanden sind. Und
       natürlich von Menschen.
       
       ## Lecker Biber
       
       Nicht-Vegetarier*innen wissen: Ethisch vertretbar ist allerhöchstens
       Wildtiergenuss. Und in Bayern gibt es mittlerweile Gebiete, in denen das
       Tier gejagt – und folglich [7][auch gegessen werden] darf. Erprobte Rezepte
       finden sich vor allem in kanadischen Kochbüchern. Als Klassiker gilt „Les
       vraies recettes du petit-gibier“ also „Die echten Kleinwild-Rezepte“.
       
       In dem haben Roger Fortier, [8][der Leiter des Nationalen Fleischinstituts
       des Québec, und die Köchin Soeur Monique Chevrier (CND)] nicht nur
       veranschaulicht, wie die Nager auszunehmen sind, sondern auch vier
       unterschiedliche Weisen, einen Biberbraten zuzubereiten und eine weitere
       für Biber-Ragout aufgeführt.
       
       Plus die Empfehlung, Biberschwänze nach Art der auf der östlichen
       Labrador-Halbinsel ansässigen Innu immer frisch bei der Rückkehr von der
       Jagd ganz puristisch zu garen: Dafür sind sie lediglich auf die sehr heiße
       Grillpfanne zu werfen. Sobald die Haut platzt, diese in Streifen abziehen.
       Anschließend den Schwanz in heißem Fett scharf anbraten. Als Beilage
       empfohlen werden sautierte Spitzen vom Straußenfarn, ein tolles Wildgemüse.
       Der steht aber in Deutschland auch unter Naturschutz.
       
       ## Rettung durch Selbstkastration
       
       Apropos Schwanz: Die antike Zoologie hatte herausgefunden, dass Biber ihre
       Testikel abwerfen können. Diese Selbstkastration erfolge, weil den
       intelligenten Tieren klar sei, worauf die Jäger aus sind, haben Plinius der
       Ältere und der anonyme Verfasser des „Physiologus“ beobachtet.
       
       Alle Welt wusste ja, dass aus Biberhoden ein sehr wirksames Mittel gegen
       Epilepsie zu extrahieren war. Indem er sich also sein Gemächt beherzt vom
       Unterbauch beißt und es hinter sich wirft, bringt der Biber die Verfolger
       zum Anhalten. Bei späteren Jagden reiche es ihm, sich auf den Rücken zu
       werfen, auf dass der Waidmann erkennen möge: Was er sucht, ist hier nicht
       zu finden.
       
       Zwar hat Albertus Magnus in seiner im 13. Jahrhundert entstandenen Schrift
       „De Animalibus“ [9][Zweifel an dieser Schilderung gestreut]. Aber der
       glaubte ja auch an Einhörner.
       
       ## Die Evolution ist nicht vorbei
       
       Sein Verhalten wird vom „Physiologus“ durchaus zur Nachahmung empfohlen,
       und eben zu den Grünen würde das doch total super passen. Aber viel spricht
       dafür, dass sich der Biber gerade auch mit dieser Sonderfähigkeit in Europa
       die Karriere als Symbol verbaut hat: Es gibt hier keine nennenswerte Zahl
       von Biberbildern.
       
       Als Wappentier von Bevern in Schleswig-Holstein sowie Bevern und Beverstedt
       in Niedersachsen kommt er zwar vor, aber Bär, Wolf und Einhorn sind zehnmal
       so beliebt und selbst der Pelikan [10][schlägt ihn um Längen]. In
       Erzählungen spielt er vielleicht mal in einem der deutschtümelnden
       Clemens-Brentano-Märchen eine Rolle, sonst aber nur bei den
       nordamerikanischen First Nations.
       
       Aber seine Naturgeschichte ist ja auch [11][abenteuerlich genug.] So war
       ihm in der absoluten Hochphase der taxonomischen Biologie der Wechsel der
       Klasse gelungen. Dafür gesorgt hat der jesuitische Botaniker Pierre
       François Xavier de Charlevoix.
       
       Der hat nämlich 1744 unter [12][Berufung auf eine angebliche Entscheidung
       der medizinischen Fakultät der Sorbonne festgestellt], dass es sich bei dem
       Tier angesichts seines Lebensraums und seines markanten Schwanzes um einen
       Fisch handeln müsse, und ergo nicht um Fleisch, sodass es auch freitags und
       in der Fastenzeit gegessen werden darf.
       
       Und die Evolution ist noch nicht abgeschlossen! Zwar gilt der europäische
       Biber (Castor fibri) weiterhin als Säugetier. Aber [13][seit 2010] zeichnet
       sich nun ein Wechsel in die Unterfamilie der Antilopenartigen ab: Der
       Staudammbauer wird nämlich seither für möglichst alle Flutkatastrophen
       verantwortlich gemacht – dient also als ganz typischer als Sündenbock
       (Cabra peccatum omnia).
       
       Er durchlöchere nämlich, vermutlich aus purer Eifersucht, die menschlichen
       Konkurrenz-Wasserbauwerke. Dieser Bedrohung durch vermeintliche Biberplagen
       steht ein empirisch belegter Nutzen gegenüber: Denn Stauungen durch
       Biberburgen verringern Fließgeschwindigkeit und Flutwellen-Gefahr in Bächen
       und Flüssen. Aber die Legende lässt sich deutlich besser politisch
       ausschlachten.
       
       13 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Protest-gegen-Suedschnellweg-Ausbau/!5983260
 (DIR) [2] /Raeumung-des-Protestcamps-bei-Hannover/!5986403
 (DIR) [3] https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/__44.html
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=7zZop-wcHmI
 (DIR) [5] https://www.zeit.de/1981/50/wenn-der-biber-kommt
 (DIR) [6] https://www.abendblatt.de/hamburg/bergedorf/bergedorf_998/article238741553/Vier-Jahrzehnte-gruene-Politik-in-Bergedorfs-Parlament.html
 (DIR) [7] https://www.merkur.de/bayern/d-wirtschaft-in-altenstadt-an-waldnaab-hier-gibt-es-auch-biber-zr-8783439.html
 (DIR) [8] https://www.journaldemontreal.com/2024/01/10/7506b66d4f/fortier-roger
 (DIR) [9] https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11171813?page=5
 (DIR) [10] http://www.welt-der-wappen.de/Heraldik/seite44.htm
 (DIR) [11] /Kinotipp-der-Woche/!5984515
 (DIR) [12] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1094968.notice#
 (DIR) [13] /Polens-Innenminister-klaert-auf/!5142136
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
       ## TAGS
       
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