# taz.de -- Die Wahrheit: Höhere Gewaltlosigkeit
       
       > Wenn philosophisch hochgerüstete Jäger einen Kritiker mit ihren
       > monströsen Geländepanzern direkt in die moralische Zwickmühle fahren.
       
 (IMG) Bild: Auf sehr sanfte Art und Weise werden Mensch und Bär eins in Berlin
       
       Eine Freundin, die ich selten sehe, fragte mich nach einer Veranstaltung,
       ob sie mich im Auto ein Stück mitnehmen dürfe. Eigentlich wäre ich lieber
       zu Fuß nach Hause gegangen. Es hatte, während wir den ganzen Tag Vorträge
       hörten, draußen zum ersten Mal in diesem Winter richtig geschneit und der
       Spaziergang durch den frischen Schnee wäre köstlich gewesen. Aber wir
       hatten in den Kaffeepausen kaum ein paar Worte gewechselt, daher willigte
       ich ein, so könnten wir im Auto noch ein wenig reden.
       
       Das Auto selbst war allerdings eine unangenehme Überraschung: ein unmäßig
       großes Gefährt, das ich in einem Ausruf des Unglaubens als SUV bezeichnete
       – nie hätte ich ihr ein solches Monstrum zugetraut. „Aber nein, kein SUV!“,
       wehrte sie ab: Es sei das Auto ihres Freundes, der – auch das war mir neu –
       Jäger sei; kein vernunftwidriger Straßenpanzer also, sondern seriöser
       Geländewagen.
       
       Nun hatte ich gerade vor ein paar Tagen einen polemischen Radiobeitrag
       verfasst gegen schriftstellernde Neo-Jagdromantiker, die ihr bewaffnetes
       Lifestyle-Hobby zur gesellschaftskritischen
       Anti-Entfremdungs-Lebensphilosophie aufblähen, und insbesondere den
       paramilitärischen Geländewagen hatte ich zum Symbol für die geistige
       Behäbigkeit der neuen Jägerphilosophen stilisiert. Und nun stand ich im
       Begriff, in so ein Ding einzusteigen.
       
       Eine peinliche Zwickmühle: Deswegen jetzt doch nicht mitzufahren, wäre grob
       gegenüber der Freundin gewesen, prinzipienreiterisch, dogmatisch;
       andererseits stand gewissermaßen meine intellektuelle Glaubwürdigkeit auf
       dem Spiel. Da mir aber keine Ausrede einfiel, war ich fast so weit, mich
       ins Schicksal zu fügen und in das Kadaverfahrzeug einzusteigen – da
       entdeckten wir einen unter den Scheibenwischer geklemmten Zettel: „Bitte
       melden Sie sich an der Rezeption.“
       
       Die Rezeptionistin kam aber schon selbst auf uns zugelaufen: „Ist das Ihr
       Auto? Ich halte seit Stunden Ausschau!“ Wir erfuhren: Ein Bus war im Schnee
       gerutscht und hatte ein anderes Auto auf das geparkte Jägerauto geschoben.
       Hinten links war, wir hatten es in der Dämmerung übersehen, eine hübsche
       Delle. Die Polizei war dagewesen und alles. Das werde jetzt wohl länger
       dauern, sagte die Freundin zu mir, so lange wolle sie mich nicht warten
       lassen. Wir verabschiedeten uns.
       
       So kam ich fein aus der Sache raus und doch noch zu meinem
       Schneespaziergang. Doppelt unbescholten – weder Fanatiker, der aus
       ideologischer Kompromisslosigkeit Freunde verprellt, noch Beifahrer,
       praktisch Mittäter, im Mordmobil – ging ich auf dem gütig knirschenden
       Schnee meines Wegs, still bedenkend, wie elegant mein Problem gelöst worden
       war: Da hatte mein Schutzengel oder vielleicht sogar der liebe Gott
       persönlich es schneien lassen und dann geistreicherweise ein Fahrzeug des
       öffentlichen Personennahverkehrs eingesetzt, um mich vor privatmobiler
       Kompromittierung zu bewahren.
       
       16 Jan 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Moritz Klein
       
       ## TAGS
       
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