# taz.de -- Deutschlands Silvesterknall: Nur der ganz normale Wahnsinn
       
       > Die Einsicht fällt schwer, dass wir hier in Deutschland einen Knall
       > haben. Nicht die Böller sind das Problem, sondern deren Verkauf.
       
 (IMG) Bild: War doch allet schön jewesen
       
       War was? Irgendwas wird schon gewesen sein. 4.000 Polizist:innen waren
       in der Silvesternacht im Einsatz, um die Hauptstadt – ach was, die
       Republik! – vor dem Untergang [1][auf der Sonnenallee im berüchtigten
       Neukölln] zu retten. Fast 400 Festnahmen in Berlin bis zum Neujahrsmorgen,
       annähernd viermal so viele wie bei der heiß diskutierten Krawallnacht vor
       einem Jahr, sprechen für sich, oder?
       
       Die hohe Zahl der Festnahmen lässt sich einfach erklären: Wo viele
       Polizist:innen genau hinschauen, da finden sie einen Grund zum
       Eingreifen. Über die reale Dichte von Delikten sagt das nie etwas aus. Die
       war [2][in der Berliner Silvesternacht offensichtlich sogar erstaunlich
       niedrig]. Und das, obwohl wegen der durch den Nahostkrieg aufgeheizten
       Gemüter doch Schlimmeres zu erwarten gewesen war.
       
       Die Liebhaber:innen der harten Linie, von Berlins Regierendem
       Bürgermeister bis hin zur Bundesinnenministerin, schienen zuletzt kaum noch
       in der Lage, auch nur einen Satz ohne „volle Härte“ und „durchgreifen“
       formulieren zu können. Jetzt klopfen sie sich auf die Schultern, weil sie
       mit massivem Einsatz Ausschreitungen im Keim erstickt haben wollen.
       Vielleicht haben sie recht. Vielleicht nicht.
       
       Belegen ließe sich beides nicht. Fest steht nur, dass es Krawallzyklen
       gibt. Orte und Termine, die einmal das Label „Randale“ bekommen haben,
       bleiben Attraktionen. Eine unausgesprochene Verabredung von
       Möchtegernrandalierern, Möchtemehrpolizeiforderern und Gaffern – zu denen
       auch die Presse gehört. Das geht über Jahre, bis alle müde sind. Oder sich
       ein anderes Date bietet.
       
       ## Deutsche Leitkultur
       
       Hintergrundforschung, die die Motive der Eskalierenden benennt – nicht um
       [3][sie als sozial Abgehängte und rassistisch Ausgegrenzte] zu
       entschuldigen, sondern um sie zu verstehen und so Ansätze für Lösungen zu
       finden –, ist wenig gefragt.
       
       In Berlin muss man aber nicht einmal besonders tief forschen. Der Kern des
       Problems liegt auf der Hand. Was man hier sehen konnte und hören musste,
       war nicht mehr als der ganz normale Wahnsinn einer Silvesternacht. Wer
       [4][Böller vertreiben lässt], darf sich nicht wundern, wenn es knallt. Die
       Eskalation und die explosive Grenzüberschreitung gehören zur deutschen
       Leitkultur wie Friedrich Merz zum Weihnachtsbaum.
       
       Da fällt die Einsicht schwer, dass wir hier in Deutschland einen Knall
       haben. Dass Pyrotechnik faszinierend sein kann, wenn sie von Profis
       gezündet wird. Aber dass Feuerwerk niemals in die Hände von Besoffenen
       gehört. Ein Böllerverzicht könnte also endlich Ruhe bringen. Auch in die
       gesellschaftliche Debatte.
       
       1 Jan 2024
       
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