# taz.de -- Nachruf auf Journalisten Willi Germund: Auf die ganze Welt neugierig
       
       > Der Journalist Willi Germund, einst taz-Korrespondent, berichtete
       > nacheinander aus drei Kontinenten. Jetzt ist er im Alter von 68 Jahren
       > gestorben.
       
 (IMG) Bild: Der Auslandskorrespondent und Buchautor Willi Germund 2014 in Bangkok
       
       Berlin taz | Er war einer der letzten Auslandskorrespondenten alten
       Schlages, ein Abenteurer, der immer neugierig blieb und stets Offenheit für
       andere Menschen zeigte. Willi Germund ging 1980 im Alter von 26 Jahren aus
       Köln ins revolutionäre Nicaragua und wurde vom Lokaljournalisten zum
       Reporter aus einem damaligen Brennpunkt des Weltgeschehens, angedockt an
       die Stuttgarter Zeitung.
       
       Über 40 Jahre lang berichtete er aus Lateinamerika, dann Afrika, zuletzt
       Asien, auch immer wieder für die taz, zuletzt über [1][Kriegsverbrechen in
       Myanmar] und noch Mitte August über [2][stinkendes Obst in Thailand].
       
       Zur taz stieß Willi 1990, als er aus Zentralamerika nach Südafrika
       übersiedelte, von einem Befreiungskampf zum nächsten. Er berichtete über
       die Bürgerkriege in [3][Angola] und [4][Mosambik], später war das [5][Ende
       der Apartheid in Südafrika] sein Thema, ein Weltereignis aus nächster Nähe.
       
       Seine Vertrautheit mit lateinamerikanischen Revolutionären half ihm, auf
       Akteure im südlichen Afrika unbefangener zuzugehen, als es damals unter
       weißen Journalisten am Kap üblich war. Für ihn waren die Schwarzen keine
       fremden Wesen, sondern einfach Gesprächspartner.
       
       ## Erst Zentralamerika, dann südliches Afrika, dann Asien
       
       Für Weiße, die zwecks Überwindung ihrer eigenen Apartheid plötzlich ihre
       wohltätige Ader für Schwarze entdeckten und damit ihre Überlegenheit
       bewahren wollten, hatte er in seinem Johannesburger Haus vor allem leisen
       Spott übrig.
       
       Früh geißelte er die Arbeitsweisen von Hilfsorganisationen in Afrika –
       „Eine Katastrophe stellt für diese Gruppierungen ein Geschenk des Himmels
       dar“, bilanzierte er in einer [6][Polemik 1994] – und blickte mit Skepsis
       in Südafrikas Zukunft: „[7][Nur No Future, Bier und Gewalt?“ hieß eine
       Reportage 1993], ein Jahr bevor Nelson Mandela überhaupt Präsident wurde.
       
       Aus der Zusammenarbeit mit der taz wurde ein Buch (Willi Germund/Dominic
       Johnson, [8][„Wie ein Floß in der Nacht“]) über Afrikas Gratwanderung
       „zwischen Aufbauträumen und Katastrophenstimmung“ Ende des 20.
       Jahrhunderts.
       
       1995 zog Willi nach Indien, 2001 nach Thailand, wo er sich schließlich zur
       Ruhe setzte. Kulturelle Sensibilität war ihm auch in Asien zuwider.
       
       In einem Journalistenkurs in Afghanistan schaffte er es binnen zwei Wochen,
       alle Teilnehmer gegen sich aufzubringen: Der Kurs fand auch während des
       Ramadan statt und Willi bestand darauf, dort auch tagsüber in den Pausen zu
       essen. Er sah überhaupt nicht ein, warum er auf die Gefühle seiner
       muslimischen Schüler Rücksicht nehmen und wenigstens außer Sichtweite essen
       sollte. Später tauchte er allerdings tief und kenntnisreich in die
       islamistischen Machtstrukturen der Region ein.
       
       ## Umstrittener Kauf einer Spenderniere samt Buch darüber
       
       Dass er sich im Alter eine Spenderniere kaufte – erworben in Afrika und
       eingepflanzt in Mexiko, wie die Stationen seines Lebens – und darüber auch
       noch [9][ein Buch] schrieb, brachte ihm 2015 viel Aufmerksamkeit und auch
       Befremden in Deutschland ein.
       
       Er schien damit für manche aus der Zeit gefallen zu sein, ein skurriler
       Weltenbummler. Aber die Kritik ließ ihn zumindest äußerlich unbekümmert.
       
       Willi war ein kauziger Typ: meinungsstark, hilfsbereit, äußerst erfahren,
       bestens informiert, furchtlos, mit allen Wassern gewaschen und stets eigen
       und kompromisslos.
       
       Er verkörperte eine Ära, in der Reporter noch Zeit hatten, in der man auf
       die eigenen Augen und Ohren vertraute statt aufs Internet. In der Nacht zum
       27. September ist er im Alter von 68 Jahren in einem Krankenhaus im
       lettischen Riga gestorben.
       
       27 Sep 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Folgen-des-Militaerputsches-in-Myanmar/!5943029
 (DIR) [2] /Hype-um-Durian-Frucht-in-China/!5949648
 (DIR) [3] /!1597954/
 (DIR) [4] /!1741458
 (DIR) [5] /!1587404
 (DIR) [6] /!1539954
 (DIR) [7] /!1615742
 (DIR) [8] https://www.amazon.de/Dietz-Taschenb%C3%BCcher-Bd-70-Flo%C3%9F-Nacht/dp/3801230708
 (DIR) [9] https://www.rowohlt.de/buch/willi-germund-niere-gegen-geld-9783644521513
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
 (DIR) Sven Hansen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Nachruf
 (DIR) Obst und Gemüse
 (DIR) Schwerpunkt Myanmar
 (DIR) Schwerpunkt Myanmar
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Hype um Durian-Frucht in China: Von wegen Kotzfrucht
       
       Die Durian-Frucht ist wegen ihres Geruchs verschrien, in Thailand aber
       werden Bauern mit ihr reich. Das liegt vor allem am Export nach China.
       
 (DIR) Folgen des Militärputsches in Myanmar: Warnung vor „Politizid“
       
       Eine Studie untersucht politische Morde der Militärjunta und der Rebellen.
       Es gab über 6.000 tote Zivilisten in den 20 Monaten nach dem Putsch​.
       
 (DIR) Grenzregion als Paradies für Kriminelle: Chinas Triaden mögen Myanmar
       
       Entlang des Flusses Moei an der Grenze zu Thailand betreiben chinesische
       Mafiosi mit Duldung von Myanmars Militär ein illegales Geschäftsimperium.