# taz.de -- Klimakonferenz in Bonn: Die Hütte brennt
       
       > Bei der Klimakonferenz geht es vor allem um technische Details in Sachen
       > Klimapolitik. Die Waldbrände in Kanada sind nur am Rande Thema.
       
 (IMG) Bild: „End fossil fuels“ fordern Aktivist:innen bei der Bonner Konferenz am 07. Juni
       
       Bonn taz | Auf der [1][Bonner Klimakonferenz] brennt die Hütte – aber nur
       im übertragenen Sinne. Während die Daten und Grafiken zum rasanten Tempo
       des Klimawandels und seiner Folgen allen Delegierten klar sind, finden die
       aktuellen Waldbrände in Kanada kaum Widerhall in den Debatten. Denn
       offiziell steht das Desaster nicht auf der Tagesordnung.
       
       Das heißt: Eigentlich gibt es nicht einmal eine ordentliche Tagesordnung,
       weil sie wegen eines Streits über Verfahrensfragen blockiert ist. Trotzdem
       verhandeln die Delegierten über drängende Fragen: Wird die nächste
       Konferenz den Ausstieg aus den Fossilen beschließen? Welche Folgen soll die
       globale Zwischenbilanz haben? Wie ernsthaft wird über eine Senkung der
       Emissionen verhandelt? Wie weit sind die Delegationen bei der Umsetzung des
       Fonds für klimabedingte Schäden?
       
       „Offiziell sind die Brände hier kein Thema, ich habe jedenfalls nichts
       davon gehört“, sagt Sven Harmeling, der als Beobachter für die
       Hilfsorganisation [2][Care] seit Jahren das Thema Anpassung an den
       Klimawandel vorantreibt. Auch andere Delegierte sagen, dass die Bilder vom
       orangefarbenen Smog über New York City natürlich auf den Korridoren geteilt
       und besprochen werden. Aber in die offiziellen Gespräche auf der
       technischen Ebene dringt das Thema nicht durch.
       
       „Hier sind ja auch nicht die Minister, die das politisch bewerten würden“,
       sagt eine Delegierte. Die Spezialisten, die in Bonn auf der technischen
       Ebene die nächste Klimakonferenz COP28 in Dubai vorbereiten, konzentrieren
       sich auf die strittigen Detailfragen, und von denen gibt es mehr als genug.
       Auch die NGOs sind in Bonn nur in kleinen Gruppen vertreten und reagieren
       kaum auf die aktuellen Ereignisse.
       
       Verursacher der Krise im Fokus 
       
       Würde sich die Konferenz offiziell mit den Bränden befassen, wäre das wohl
       ein weiteres Beispiel dafür, dass Klimaschäden und die Auswirkungen der
       Krise in den Industriestaaten viel mehr Aufmerksamkeit finden, obwohl sie
       weniger Schäden anrichten und deutlich weniger Menschenleben fordern. Über
       die extreme Dürre in Somalia, die derzeit das Leben von Millionen Menschen
       bedroht, wird in Bonn ebenfalls nicht berichtet. Die Angst vor dem nächsten
       „El Niňo“-Wetterphänomen im Pazifik mit Dürren und Starkregen in Südamerika
       und Südostasien ist omnipräsent, aber kein Thema.
       
       Auch die aktuelle [3][Hitzewelle in Indien] führt auf der Konferenz nicht
       zu großen Debatten. Nur wenn eine direkte Betroffenheit besteht, wird
       gesprochen: Während der Klimakonferenzen in Doha und Warschau 2012 und 2013
       verwüstete jeweils ein ungewöhnlich starker Taifun die Philippinen. Yeb
       Sano, Delegierter aus dem Land, rief damals in einer emotionalen Rede seine
       KollegInnen im Plenum zu mehr Klimaschutz auf – in Warschau wurde wohl auch
       deshalb ein Mechanismus beschlossen, der den aktuellen „Loss and
       Damage“-Fonds vorbereitete.
       
       Dafür dreht sich die Konferenz derzeit um die Verursacher der Krise: Am
       Donnerstag besuchte der nächste COP-Präsident, [4][Sultan Al Jaber], Bonn,
       um mit Jugendlichen zu diskutieren. Der Industrieminister und Chef der
       staatlichen Ölgesellschaft ADNOC der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE)
       wurde von einem großen Banner mit der Aufschrift „End Fossil Fuels“
       begrüßt.
       
       Rechtzeitig zu seiner Ankunft hagelte es Kritik an ihm: Laut
       Zeitungsberichten hat sein Büro als COP-Präsident E-Mails an ADNOC
       weitergeleitet. Auch aus der Wissenschaft kam Gegenwind. Eine aktuelle
       Studie des Thinktanks New Climate Institute und Climate Analytics weist den
       Ländern mit fossilen Industrien nach, dass sie die Pariser Klimaziele
       missachten: Weder gebe es einen Ausstieg aus neuen Projekten für Öl und
       Gas, noch ein Absenken der Subventionen für die Fossilen.
       
       Ganz im Gegenteil: Im Widerspruch zu allen Plänen das [5][1,5-Grad-Ziel] zu
       erreichen, gibt es mehr Geld für neue Infrastruktur. Und auch die VAE als
       nächste Präsidentschaft sorgen sich vor allem um Ablenkungsmanöver wie CCS,
       die umstrittene Speicherung von CO2. Die VAE wecke „ernste Zweifel an ihrer
       Eigenschaft, einen ehrgeizigen Deal auf der COP28 zu verhandeln“, heißt es
       in dem Gutachten „Countdown to COP28“: Sie verfolgen „klar eine Agenda, die
       die Aufmerksamkeit vom Ausstieg aus den Fossilen ablenkt. Und wenn sie
       erfolgreich ist, wird sie die Öl und Gasproduktion in großem Maßstab für
       die Zukunft festlegen.“
       
       8 Jun 2023
       
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