# taz.de -- Nachhaltig Leben: Jeder Besitz ist ein Schnitt
       
       > Die Zeit ist vorbei, in der sich jede*r sein Stück vom Kuchen zur
       > individuellen Verwendung abgeschnitten hat. Wir müssen überdenken, was
       > wir tun.
       
 (IMG) Bild: Verschwindet mit jedem Schnitt: Der Kuchen, der für alle da sein sollte
       
       Kleinanzeigen im Internet. Wie so oft treffe ich darüber einen Menschen,
       von dem ich etwas Gebrauchtes kaufe, was für mich wichtig werden wird.
       
       Nun ist es ein Rad. Ich habe dieses Modell bei einem Freund entdeckt, doch
       noch gezögert, es mir auch zu kaufen. Dann habe ich das gleiche Radmodell
       fast neu in der Gebrauchtbörse entdeckt, aber viel günstiger.
       
       Jetzt bin ich unterwegs. In mir dieses Prickeln, dass sich gleich etwas
       ereignen könnte. Eine Anschaffung, die meinen Alltag bereichert.
       
       Ich fahre in eine feine Gegend in [1][Hamburg]. Eine junge Frau öffnet. Sie
       erzählt, dass sie das Rad verkaufen will, weil ihr Freund nicht viel
       Fahrrad fahre. Und eigentlich wolle sie ein Hollandrad. Sie hat das Rad,
       das ich mir anschaue, mit einigen Accessoires bereichert. Es wirkt, als
       würden es nur Details sein, warum es ihr doch nicht so gefällt.
       
       Die Frau lässt mich eine Proberunde fahren und behält dafür meinen
       Personalausweis. Ich fahre um den Block und spüre sofort, dass ich dieses
       Rad kaufen will. Es ist stabil und fährt sich leicht, ich könnte damit
       immer weiterfahren. Als ich bei der Frau ankomme, machen wir den Verkauf
       perfekt. Ich überweise ihr die Summe mit meinem Handy online. Sie checkt
       auf ihrem, ob der Betrag eingegangen ist. Dann überreicht sie mir den
       Schlüssel für das Radschloss. Einen kleinen schwarzen Schlüssel. Als er in
       meine Hand gleitet, spüre ich sofort die Bedeutung dessen. Der Besitz ist
       übertragen. Dieses Rad gehört nun mir.
       
       Am Abend fahre ich mit dem Rad zu einem Vortrag und schließe es das erste
       Mal auf einem öffentlichen Platz an. Ich überlege genau, wie ich es
       anbinde. Die Freiheit, die mir das Rad gibt, bindet mich nun auch in die
       Verantwortung, mich um meinen Besitz zu kümmern.
       
       Bei dem Vortrag geht es um Protest. Dabei redet die Philosophin Eva von
       Redecker über Besitz. Über die Verantwortung, die damit einhergeht, wenn
       wir uns Besitz anschaffen. Sie entwirft dazu ein Bild. Dass Gesellschaft
       wie ein Kuchen sei, an dem erst einmal alle teilhaben und theoretisch allen
       alles zur Verfügung steht. Der Raum und die Mittel. Wenn sich jedoch eine
       Person Privateigentum anschafft, das nur ihr gehört, schneidet sie ein
       Stück aus dem gesamten Kuchen heraus. Mit diesem Schnitt steht ein Teil
       nicht mehr der Gemeinschaft zur Verfügung, sondern nur dieser Person.
       
       Mit dem Kuchenstück darf die Person nun umgehen, wie sie will. Dazu kann
       ihr kaum noch jemand etwas sagen, etwa wenn es sich um ein Grundstück
       handelt. Das Recht auf [2][Eigentum] ist ein menschliches und im
       Grundgesetz verankert. Doch vielleicht bedarf es in Zeiten wie diesen eines
       Überdenkens, welche Stücke wir uns „herausnehmen“.
       
       Denn jeder Schnitt geht in einen Kuchen, der nur begrenzt zur Verfügung
       steht. Ein Auto etwa verbraucht Ressourcen, nimmt sich Raum heraus zum
       Fahren, Parken, stößt Schadstoffe aus und schneidet so auch aus der
       Ressource Luft heraus. Krümel für Krümel macht privater Besitz den Kuchen
       kleiner. Deshalb hat jedes Eigentum Bedeutung. Jede Anschaffung ist ein
       Schnitt. [3][Jedes Handy, jedes Flugticket – ein Schnitt]. Jeder
       [4][Konsum] – ein Schnitt.
       
       Wer Gebrauchtes kauft, setzt keinen neuen Schnitt, sondern nutzt den schon
       gemachten. Ähnlich dem Gang über eine Wiese, schlägt man keinen neuen Pfad,
       sondern betritt den Pfad, der schon entstanden ist. Doch der Schnitt
       vertieft sich damit, etwa wenn man ein gebrauchtes Auto weiterfährt.
       
       Das Bild von Besitz als Schnitt bleibt in mir, als ich an dem Abend mein
       Rad wieder aufschließe. Und ich denke, dass ich mit jedem Besitz nicht nur
       etwas aus der Gemeinschaft, sondern auch aus mir selbst herausschneide. Aus
       meiner Freiheit, über meine Ressourcen zu verfügen. Mit jedem Stück Besitz
       bin ich mehr gebunden an etwas.
       
       Seitdem ich das Rad besitze, freut es mich jeden Tag. Dieser Schnitt war es
       wert. Doch welche Schnitte setze ich sonst in den Kuchen der Gemeinschaft?
       
       20 May 2023
       
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