# taz.de -- Warten aufs Handy-Paket: Nur noch zwanzig Stops
       
       > Unserer Autorin wurde das Handy geklaut. Nun versucht sie, ohne Handy ein
       > Handy zu kaufen – und verfolgt gebannt die DHL-Lieferung im Live-Tracker.
       
 (IMG) Bild: Sehnsüchtiges Warten auf das gelbe Auto
       
       Nur Ewiggestrige machen Neujahrsvorsätze, denke ich und besuche an
       Silvester ein Studio für Rückenmuskelaufpumperei. Weil der Akku leer ist,
       stöpsele ich mein Handy an die Steckdose in der Umkleide. Als ich vom
       Rückenmuskelaufpumpen zurückkomme, ist es weg. Geklaut.
       
       Zu Hause am Laptop öffne ich die Homepage meines Mailanbieters, um zu
       checken, ob sich nach meiner Anzeige die Polizei schon gemeldet hat. Mein
       Mailanbieter will aber vorher den Verifizierungscode wissen, den er soeben
       an mein Handy geschickt habe. Grmpf. Erst mal ein neues Handy kaufen. Im
       Internet, weil billiger. Bevor ich aber den Bestellvorgang abschließen
       kann, fordert der Bezahldienst mich auf, den Verifizierungscode einzugeben,
       den er soeben an mein Handy … – oh neeeee.
       
       Ein Freund bietet ein altes Handy an. Aber dann sitz ich da und es kommen
       keine Verifizierungscodes an. Ich bewege wieder die Hand an die Stirn und
       bestelle bei meinem Mobilfunkanbieter eine neue SIM-Karte. Bevor ich den
       Bestellvorgang abschließen kann, verlangt mein Mobilfunkanbieter allerdings
       den Verifizierungscode, den er soeben an mein Handy … – aaaaaaaaaaah.
       Seitdem mein Facebook-Account gehackt wurde, habe ich alle digitalen
       Passwörter mit der von allen Experten empfohlenen
       [1][Zwei-Faktor-Authentisierung] verknüpft. Geniale Idee!
       
       Ein anderer Freund kauft mir schließlich ein Handy im Internet. Der
       Paketzusteller benachrichtigt mich über den Lieferzeitraum (zwischen 13.40
       Uhr und 17.55 Uhr ) und schickt alle halbe Stunde Statusupdates über den
       Verbleib. Alle vier Minuten refreshe ich die „Sendungsverfolgung“. Etwa
       drei Stunden lang. Es tut sich nichts, die Ware verbleibt in der
       „Empfängerregion“ Rüdersdorf.
       
       ## Position ändert sich in Millimeterschritten
       
       Plötzlich ploppt eine Karte mit dem Ausschnitt des südlichen Berlins auf,
       ein roter Lkw ist zu sehen, der sich von jwd dem Zentrum nähert. „Noch
       etwas mehr als 20 Zustellstops bis zur Zustellung“, teilt die jetzt
       „Live-Zustellung“ heißende Sendungsverfolgung mit.
       
       Der Lkw ändert seine Position in Millimeterschritten. Drei Stunden lang. An
       der Mitteilung „Noch etwas mehr als 20 Zustellstops bis zur Zustellung“
       ändert sich nichts.
       
       Plötzlich biegt der Lkw in meine Straße ein. Ich beuge mich aus dem
       Fenster, und jaaaaaaa!, da ist er wirklich, ich kann ihn sehen, keine 500
       Meter entfernt. Zweieinhalb Stunden später steht der Lkw immer noch da.
       „Noch etwa 10 Zustellungsstopps bis zur Zustellung“, heißt es im
       Livetracker.
       
       Dann: „Ihr Paket wird voraussichtlich in 15 Minuten zugestellt.“ In der
       gleichen Sekunde fährt der rote Lkw auf den Kreis, der anzeigt, wo ich
       wohne. Nach einer halben Stunde: nichts. Ich renne zum Briefkasten, weil
       ich einen Verdacht habe: „Leider war es heute nicht möglich, Ihnen Ihre
       Sendung(en) zuzustellen. Ihre Abholfiliale: Junkys Point Späti oder Quicky
       Markt Späti und Bar. Abholung am übernächsten Werktag, nicht vor 15.32
       Uhr.“ Aber nein, nichts dergleichen.
       
       Zurück in der Wohnung: Der Livetracker ist aus. Eine grau unterlegte
       Mitteilung behauptet, mein Paket sei nicht mehr zu orten. Mögliche Gründe:
       Witterung, schlechte Internetverbindung. Ich schreie: „Ich hab’s gewusst.“
       „Skandal.“ „Scheiß DHL.“ „Dunja Hayali for president.“ In der Sekunde,
       16.35 Uhr, klingelt es. Ich drücke auf die Gegensprechanlage: „Ein Paket
       für Sie.“
       
       Neujahrserkenntnis: Nur Ewiggestrige unterstellen Paket- und Postboten das
       Böseste. Das wirklich Böse findet man unter Besucher*innen von
       Fitnessstudios. Und unter den Erfinder*innen von Sendungsverfolgungen
       in live. Bei der Post finden übrigens [2][seit Freitag Tarifverhandlungen]
       statt. Die Gewerkschaft Verdi verlangt 15 Prozent mehr. Nur Ewiggestrige
       finden das zu viel.
       
       11 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/Informationen-und-Empfehlungen/Cyber-Sicherheitsempfehlungen/Accountschutz/Zwei-Faktor-Authentisierung/zwei-faktor-authentisierung_node.html
 (DIR) [2] /Tarifauseinandersetzungen-2023/!5905820
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Doris Akrap
       
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