# taz.de -- TV-Interview mit Boris Becker: Gebrochene Helden
       
       > Das Phänomen des gefallenen Sportstars hat eine soziale Funktion. Bei
       > Auftritten wie dem von Boris Becker versichert sich eine Gesellschaft
       > ihrer selbst.
       
 (IMG) Bild: Boris Becker bei der Sat1-Beichte
       
       „Keine Tabus, keine Ausreden, kein Blabla“, so kündigte Sat.1 das exklusive
       Interview mit Boris Becker an, das am Dienstag zur Primetime ausgestrahlt
       wurde. Der ehemalige Spitzensportler, [1][wegen Insolvenzdelikten zu
       zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt], sollte nach seiner vorzeitigen
       Entlassung auspacken.
       
       Und Becker, penetrant als Boris geduzt, hat das präsentiert, was von ihm
       erwartet wurde. Das Ringen des gefallenen Wimbledon-Helden um seinen Ruf
       ist soziologisch sehr interessant. Es geht bei solchen Auftritten weniger
       um die Person, sondern um eine gesellschaftliche Selbstvergewisserung der
       eigenen Werte.
       
       Im konkreten Fall: Ein Bekenntnis („Natürlich war ich schuldig“), Reue
       („Ich habe meine Fehler eingesehen“), eine Besinnung auf die große Liebe
       und die Familie (die echten Werte!), Gruselgeschichten von der täglichen
       Gewalt im Knast (die da unten!) – und gleichzeitig die Versicherung, dass
       dieses Bestrafungsmodell richtig ist („Vielleicht habe ich das gebraucht“).
       Die Zuschauerin bekommt gezeigt, dass Bodenständigkeit siegt und
       Maßlosigkeit bestraft wird. Und ist im Gegenzug bereit, die Tragödie des
       Menschen Boris Becker ohne Häme wahrzunehmen.
       
       Wie das funktioniert, zeigte schon der – freilich ganz anders gelagerte –
       [2][Knastaufenthalt von Uli Hoeneß]. Nie genoss der verurteilte
       Steuerhinterzieher höhere Popularität als nach seiner öffentlichen Beichte
       und Läuterung. Das Phänomen des gefallenen Sportstars ist mehr als eine
       Anekdote. Der Fall Becker erinnert natürlich zuvörderst an [3][Jan Ullrich,
       einen weiteren gestürzten deutschen Helden der Neunziger], der demnächst in
       einer Amazon-Doku „endlich auspacken“ will.
       
       „Wie konnte es so weit kommen, dass aus dem Weltstar und Sporthelden ein
       insolventer Häftling wird?“, fragt Sat.1 im Fall Boris Beckers. Leider
       vergisst der Sender, diese Frage auch zu beantworten. Vage geht es um
       falsche Freunde, schlechte Selbstorganisation, zu wenig Überblick über das
       eigene Geld. Stets findet die Gesellschaft individualisierende Antworten
       für das Scheitern.
       
       Dabei hat der Sturz nach der Karriere System. [4][Ex-Schwimmer Michael
       Phelps schätzte], dass 80 Prozent der Spitzensportler:innen einmal an
       Depressionen erkranken – wegen des unmenschlichen Drucks, der fehlenden
       Zeit für andere Interessen oder Freund:innen, der Leere nach dem großen
       Erfolg. [5][Die Soziologin Pia-Maria Wippert untersuchte] Karriereenden in
       Hochleistungsbiografien. Athlet:innen, schreibt sie, würden bereits im
       Kindesalter aus traditionellen Bindungen herausgelöst und während ihrer
       Karriere stark von außen gesteuert. Die plötzliche Freiheit nach der
       Karriere könnten viele nicht verarbeiten.
       
       Weltweit, schreibt sie, sollen rund 50.000 Ex-Olympiateilnehmer:innen
       unterhalb der Armutsgrenze leben. Das hängt nicht nur mit der miesen
       Bezahlung in vielen Sportarten zusammen; auch im italienischen
       Männerfußball etwa [6][sind sechs von zehn Profis nach der Karriere
       armutsgefährdet]: wegen exzessiven Lebensstils, schlechter Geschäftsideen,
       Scheidungen.
       
       ## Kein Individualdrama
       
       Der Suchtforscher William Lowenstein diagnostizierte dagegen eine
       überdurchschnittliche Suchtgefahr bei Ex-Athlet:innen. Der freie Fall ist
       ein offenes Geheimnnis und statistisch gut belegt. Von einem Tag auf den
       anderen ist nach einer Sportkarriere alles fort: Status und Identität, das
       Hochgefühl, die intensive tägliche Bewegung, die Zugehörigkeit, der
       Lebenssinn.
       
       Und wer soll so viel Geld sinnvoll verwenden? Boris Becker machte als
       Teenager seine erste Million, er soll allein rund 24 Millionen Euro
       Preisgelder und 50 Millionen Euro Werbegelder kassiert haben. Er versenkte
       es unter anderem in nigerianischen Ölquellen. Beckers Sturz ist kein
       Individualdrama.
       
       Was ist das für eine Gesellschaft, die so ein Modell für Athlet:innen
       feiert? In fast jeder Sportart gilt das Vollprofitum als großes Ziel. Was
       könnte es schließlich Schöneres geben, als sich 15 Jahre lang für ein
       Traumgehalt der Lieblingsbeschäftigung zu widmen? Oft ist dieses Modell
       aber ein Albtraum, sowohl für die Verteilung gesellschaftlicher Mittel als
       auch für die Entwicklung der Protagonist:innen. Es braucht eine Lobby für
       einen klügeren Sport.
       
       Einen, der Athlet:innen Zeit für weitere Tätigkeiten oder Berufe lässt,
       sodass sie einen Lebenssinn außer sportlichem Erfolg erfahren, einen
       Horizont und kritisches Denken erlernen, ihr Leben selbst strukturieren.
       Bei dem nicht mit Anfang 30 alles zusammenbricht. Das Scheitern von Ikonen
       wird von allen Beteiligten als bedauerlicher, aber notwendiger Preis für
       den Rekord hingenommen. Mit dem Ausschlachten von Beckers Knastaufenthalt
       erzielte Sat.1 immerhin nur maue Einschaltquoten. Lieber als gebrochene
       sehen wir dann doch ungebrochene Helden.
       
       21 Dec 2022
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
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