# taz.de -- Kinoempfehlungen für Berlin: Bilder der Rebellion
       
       > Eine Reihe im Filmmuseum Potsdam präsentiert Filme, die mit Smartphone
       > gedreht wurden. „Das Glücksrad“ erzählt von den Geistern der
       > Vergangenheit.
       
 (IMG) Bild: „Das Glücksrad – Wheel of fortune and fantasy“ (JP 2021), Regie: Ryusuke Hamaguchi)
       
       Angesichts der Kameratechnik moderner Smartphones kann sich heutzutage
       eigentlich jeder Mensch als Filmregisseur versuchen. Und viele Leute tun es
       auch – nicht unbedingt im Sinn einer kommerziellen Verwertung, sondern in
       einer neuen Form dokumentarischen Festhaltens ihres Lebens.
       
       Das gewinnt immer dann an allgemeiner Bedeutung, wenn dabei dramatische
       Ereignisse im Bild dokumentiert werden: Krieg, Flucht, Proteste gegen
       autoritäre Regime. Aber auch professionelle Filmemacher:innen nutzen
       die Technik, etwa, wenn sie mit Berufs- oder Drehverbot belegt werden.
       
       Die fünf Filme umfassende Reihe „Mobilized – Handbasierter Dokumentarfilm“
       im Filmmuseum Potsdam nimmt sich einiger Beispiele dieser Art von Film an:
       In „Teheran without Permission“ (26. 11., 18 Uhr) dokumentiert die
       iranische Regisseurin Sepideh Farsi beispielsweise die Stimmung im Vorfeld
       einer Wahl im Jahr 2009; für den Film „Kotlovan“ (27. 11., 19 Uhr) hat
       Regisseur Andrei Gryazev auf YouTube gefundene Handyvideos
       zusammengestellt, in denen sich russische Bürger:innen mit ihren
       Anliegen und Problemen an Präsident Putin richten und dokumentiert damit
       eine zusehends desillusionierte Gesellschaft.
       
       Kuratiert wurde die Reihe von Milan Bath (Filmuniversität Babelsberg) in
       Zusammenarbeit mit dem Master-Studiengang Filmkulturerbe der
       Filmuniversität ([1][Mobilized – Handbasierter Dokumentarfilm], 26. 11.-27.
       11., Filmmuseum Potsdam).
       
       Im Osten von Paris liegt das Stadtviertel Belleville, das heute vor allem
       Migranten und einige Künstler beherbergt und einst auch ein Schauplatz des
       Aufstands der Pariser Kommune von 1871 war, die seinerzeit mit der
       Erschießung von Kommunarden an einer Mauer vom Friedhof Père Lachaise ihr
       Ende fand.
       
       In ihrem Dokumentarfilm „Belleville, belle et rebelle“ sucht die deutsche
       Regisseurin Daniela Abke nach diesem spezifisch französischen rebellischen
       Geist, der geprägt ist von ein wenig Anarchie, vor allem aber von großer
       Solidarität.
       
       Denn der Geist der Kommunarden ist den Protagonist:innen, die sich im von
       Joseph Pantaleo geführten Café/Bistro/Restaurant „Le vieux Belleville“ ein
       Stelldichein geben, immer noch wichtig. Die Musiker:innen, Anarchisten,
       Fotografen und Maler – sie alle bewahren in ihren Geschichten, Fotos,
       Liedern und Bildern die Erinnerung an ein Leben, das einmal war, und an
       unvergängliche Werte.
       
       Das mag rettungslos nostalgisch erscheinen, doch die Gäste, die abends im
       „Vieux Belleville“ die alten Lieder mitsingen, sind durchweg jung. Auch sie
       sind auf der Suche nach Gemeinschaft und Solidarität (26. 11., 15.30 Uhr,
       [2][Bundesplatz-Kino]).
       
       Falsche Entscheidungen und die daraus resultierenden Konsequenzen, die
       Geister der Vergangenheit, die auch in der Gegenwart immer wieder ihr Haupt
       erheben, und die Frage, wie man sie wohl vertreiben kann – das alles kommt
       in Ryūsuke Hamaguchis tollem Episodenfilm „Das Glücksrad“ zum Tragen.
       
       Da geht es um ein Model, das (vielleicht) versucht, ihren Ex-Freund
       zurückzugewinnen, eine Frau, die einen Universitätsprofessor zu verführen
       sucht, um seinen Ruf zu ruinieren, und um zwei Frauen, die glauben sich
       wiedergetroffen zu haben, dann aber feststellen, dass sie sich gar nicht
       kennen.
       
       Literatur, Theater, Audiotapes und fantasievoll ausgemalte mündliche
       Erzählungen, spielen sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch immer wieder
       eine Rolle; Geschichten und Worte – auch jene, die bislang noch gar nicht
       ausgesprochen wurden – besitzen große Macht. Freuen kann man sich dabei auf
       ausgesprochen unerwartete Wendungen (24.–30. 11., 18 Uhr, [3][Bali Kino]).
       
       24 Nov 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.filmmuseum-potsdam.de/Mobilized---Handybasierter-Dokumentarfilm.html
 (DIR) [2] http://www.bundesplatz-kino.de/index.php?p=m&mid=4009
 (DIR) [3] http://www.balikino-berlin.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lars Penning
       
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