# taz.de -- Politikwissenschaftler über G20-Gipfel: „Die Welt schaut auf China“
       
       > Putins Teilnahme am G20-Gipfel würde keine Annäherung im Krieg in der
       > Ukraine bringen, sagt Eberhard Sandschneider. Wichtiger sei Chinas
       > Interesse an einem baldigen Kriegsende.
       
 (IMG) Bild: China ist der wichtigste verbliebene Partner Russlands. Xi und Putin in Peking 2016
       
       taz: Herr Sandschneider, nach langem Hin und Her hat der russische
       Präsident Wladimir Putin seine Teilnahme am G20-Gipfel am Dienstag und
       Mittwoch in Indonesien abgesagt. Ist das ein Zeichen seiner Isolation in
       der Weltgemeinschaft? 
       
       Eberhard Sandschneider: Es gibt natürlich wilde Spekulationen, warum er das
       nicht tut. Wenn man [1][die Vereinten Nationen betrachtet], dann ist
       Russland quantitativ isoliert, weil die Abstimmungsergebnisse nicht positiv
       für Moskau gelaufen sind. Auch indirekte Kritik aus China kam in den
       letzten Wochen, insbesondere während des Besuchs des deutschen Kanzlers in
       Peking. China ist noch der wichtigste verbliebene Partner Russlands.
       
       Was meinen Sie mit indirekter Kritik aus China? 
       
       Dass [2][der chinesische Präsident gemeinsam mit dem deutschen Kanzler]
       feststellt, dass der Atomwaffeneinsatz nicht toleriert werden kann, das ist
       aus chinesischer Sicht ein klarer Wink an die russischen Drohgebärden.
       Seither sind sie deutlich zurückgegangen, als sei die Botschaft in Moskau
       verstanden worden.
       
       Halten Sie die Putins Atomdrohungen für glaubwürdig?
       
       Putin kann sich nicht ohne weiteren dramatischen innenpolitischen
       Gesichtsverluste aus der Ukraine zurückziehen und er kann offensichtlich
       auch nicht das Ziel erreichen, das er sich irgendwann vorgenommen hat. In
       solchen Situationen sind Diktatoren immer schwer einzuschätzen. Das Risiko
       tragen die Menschen in der Ukraine. Allerdings wissen wir spätestens seit
       Tschernobyl, dass ein atomarer Einsatz keine Grenzen kennt. Dann würde die
       Weltgemeinschaft das Risiko tragen.
       
       Russland hat noch Iran, Nordkorea und mit Abstrichen Indien. Kann Putin
       noch Verbündete in Afrika oder Lateinamerika suchen? 
       
       Er kann nur versuchen, Öl und Gas auf direkte oder indirekte Wege zu
       verschiffen. Aber Russland fehlt es auch an Attraktivität seines
       Wirtschaftsmodells, was unter den Sanktionen heftig zu leiden hat. Wenn
       Afrika und Asien auf neue Akteure in der Weltpolitik schauen, dann eher auf
       China und nicht auf Russland.
       
       Und China hat sowohl aus geostrategischen als auch geoökonomischen Gründen
       großes Interesse an einem Ende des Krieges in der Ukraine. 
       
       Genau, und je länger sich der Krieg hinzieht, desto größer werden die
       negativen Konsequenzen für Chinas Wirtschaft sein, die schon aus inneren
       Gründen in einer schwierigen Situation ist. Dazu kommt noch das Problem mit
       den Lieferketten.
       
       Mit dem Projekt der Seidenstraße hat China auf eine multilaterale globale
       Wirtschaftspolitik gesetzt. Washingtons setzt mit der neuen nationalen
       Sicherheitsstrategie auf das alte bipolare Modell des Kalten Kriegs. Wie
       schätzen Sie das ein? 
       
       Ja, so kann man das formulieren. Zunächst einmal muss man sagen: Joe Biden
       setzt Trumps Chinapolitik verschärft fort. Biden setzt Chips und
       Hochtechnologie als Waffe ein, um Chinas Aufstieg zumindest zu
       verlangsamen, wenn nicht gar zu verhindern. Ein Traum des Westens war mal,
       eine regelbasierte Ordnung nach unseren Vorstellungen zur Grundlage der
       internationalen Ordnung zu machen. Das wird mittlerweile zu einem Albtraum,
       weil man feststellt, dass China so stark gewachsen und so einflussreich
       geworden ist, dass Peking in der Lage ist, seine eigenen Regeln zu
       formulieren und zum Teil auch seine eigenen Institutionen zu bilden. Die
       meisten US-Sicherheitspolitiker sind der Auffassung, die Europäer sollten
       sich primär um den Krieg in der Ukraine kümmern. Aus amerikanischer Sicht
       ist das zentrale machtpolitische Verhältnis der nächsten Jahre und
       Jahrzehnte das zu China und nicht das zu Russland.
       
       Kann man in dieser Hinsicht sagen, dass in der US-amerikanischen
       Taiwan-Politik ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat? Die US-Demokratin
       Nancy Pelosi ist da hingereist, die USA unterstützen jetzt Taiwan massiv
       militärisch und schlagen Taipei für die Vereinten Nationen vor … 
       
       Dies ist eine verantwortungslose Politik, die vermutlich nicht gelingen
       wird. Das Risiko tragen am Ende die Menschen in Taiwan und nicht Nancy
       Pelosi, die für ihren Wahlkampf das bekommen hat, was sie brauchte, nämlich
       das Bild einer harten Politikerin, insbesondere gegenüber China. Die
       Grundregel im Fall Taiwan sollte heißen: die Finger davon lassen. Aber aus
       Sicht der chinesischen Politik gäbe es Krieg nur im Falle einer
       Unabhängigkeitserklärung Taiwans.
       
       Sehen Sie dann eher ein Eskalationspotenzial im Nordkorea-Konflikt? 
       
       Nordkorea ist noch ein Stückchen schwieriger einzuschätzen und selbst
       China, das unzufrieden mit dem nordkoreanischen Partner ist, hat nur
       begrenzte Einflussmöglichkeiten auf diesen Diktator.
       
       Erwarten Sie konkrete Ergebnisse vom G20-Gipel im Hinblick auf diese
       internationalen Konflikte? 
       
       Man kann nicht ausschließen, dass doch eine gemeinsame Erklärung
       herauskommt. Aber wichtig ist: [3][An diesem G20-Gipfel] sehen sich die
       führenden Politiker erstmals nach Jahren der Pandemie wieder persönlich.
       Als Folge könnte es vielleicht zu weniger Konfrontation und einem Stück
       weit Verständnis bei der Bewertung der internationalen Krisen kommen.
       Dieses Element des persönlichen Zusammentreffens ist sehr wichtig und das
       hat in der internationalen Politik an vielen Stellen gefehlt. Das Prinzip
       Hoffnung wäre der realistische Blick auf den Gipfel.
       
       Gibt es also keine Hoffnung auf [4][eine diplomatische Lösung für die
       Ukraine], weil Putin beim G20-Gipfel nicht anwesend sein wird? 
       
       Viele westliche Politiker haben versucht, mit Putin zu reden, aber es hat
       nichts geändert. In der internationalen Politik gibt es eine ganz einfache
       Regel: Man kann nur zusammenarbeiten, wenn man bereit ist
       zusammenzuarbeiten und die Regeln der Zusammenarbeit akzeptiert. Das trifft
       im Fall Russlands derzeit nicht zu. Deshalb würde die Anwesenheit von Putin
       auf Bali vermutlich daran nichts ändern. Er sitzt in einer Falle: Er hat
       sich mit dem Ablauf des Kriegs in der Ukraine verschätzt.
       
       15 Nov 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ukraine-Resolution-in-UN-Vollversammlung/!5884084
 (DIR) [2] /Olaf-Scholz-in-China/!5890137
 (DIR) [3] /G20-Gipfel-in-Bali/!5894778
 (DIR) [4] /UN-Diplomat-ueber-den-Ukraine-Krieg/!5892661
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gemma Teres Arilla
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) China
 (DIR) Russland
 (DIR) Wladimir Putin
 (DIR) G20-Gipfel
 (DIR) Nordkorea
 (DIR) Taiwan
 (DIR) GNS
 (DIR) Sierra Leone
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Taiwan
 (DIR) China
 (DIR) Mode
 (DIR) G20-Gipfel
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Wolodymyr Selenskij
 (DIR) G20-Gipfel
 (DIR) USA
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) China investiert in Sierra Leone: Vom Ökoparadies zum Fischerhafen
       
       Für einen chinesischen Hafen sollen in Sierra Leone viele Naturschätze
       weichen. Anwohner*innen wehren sich – und werden verhaftet.
       
 (DIR) Folgen des russischen Angriffskriegs: EU und Nato erweitern Kooperation
       
       Die Union und die Militärallianz wollen sich auch in Bereichen wie der
       Wirtschaft enger abstimmen. Die Klimapolitik nimmt nur eine Nebenrolle ein.
       
 (DIR) Testpflicht für Einreisende aus China: Mit garantiert geringer Wirkung
       
       Die Erfahrung lehrt, dass eine Testpflicht die Ausbreitung von Viren kaum
       verhindern kann. China lässt sich nicht unter Quarantäne stellen.
       
 (DIR) Lokalwahl in Taiwan: Die Opposition triumphiert
       
       In Taiwan fährt die chinafreundliche KMT einen Erdrutschsieg ein. Die
       Hauptstadt Taipeh wird künftig von einem Diktatoren-Urenkel regiert.
       
 (DIR) Chinas Haltung gegenüber Russland: Heuchlerisches Doppelspiel
       
       Viele Experten behaupten, dass Peking seinen Kurs gegenüber Moskau
       korrigiert habe. Doch die Fakten sagen etwas anderes.
       
 (DIR) Stilkritik G20-Gipfel: Das Gebatikte ist politisch
       
       Beim G20-Gipfel in Indonesien treten die Staatschefs in bunten Batikhemden
       auf. Was uns die Outfits möglicherweise verraten.
       
 (DIR) Abschluss des G20-Gipfels in Bali: Krisentreffen beim Bali-Gipfel
       
       Der Raketeneinschlag in Polen führt beim G20-Gipfel zu getrennten
       Beratungen. G7, Nato sowie die EU-Spitzen sichern Polen Unterstützung bei
       den Ermittlungen zu.
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Ukraine-Krieg +++: Sieben Millionen Haushalte ohne Strom
       
       94 der 193 Mitglieder der UN-Generalversammlung verabschieden eine
       Resolution gegen Russland. Laut ukrainischen Angaben sind Millionen
       Wohnungen nach russischen Angriffen ohne Strom.
       
 (DIR) G20-Gipfel will Russland verurteilen: „Unermessliches menschliches Leid“
       
       Im Entwurf für das G20-Abschlusspapier wird Russlands Angriff auf die
       Ukraine schwer verurteilt. Ob Russland den Text so mitträgt, ist offen.
       
 (DIR) G20-Gipfel in Bali: Diskussion über Krieg und Hunger
       
       Beim G20-Gipfel drängen sich viele Themen auf. Die Verlängerung des
       Getreideabkommens und das Verurteilen nuklearer Drohungen wären ein Erfolg.
       
 (DIR) Beziehungen zwischen den USA und China: Dialog ist das Ziel
       
       Das erste Treffen zwischen Joe Biden und Xi Jinping ist freundlicher
       verlaufen als erwartet. Beide wollen die Beziehungen verbessern.
       
 (DIR) UN-Diplomat über den Ukraine-Krieg: „Europa braucht einen neuen Sicherheitsrahmen“
       
       Die neue Sicherheitsarchitektur muss künftig auch Russland einschließen,
       findet Danilo Türk. Er spricht über Waffenstillstand und die
       Vermittlerrolle Chinas.