# taz.de -- Seegrenze zwischen Libanon und Israel: Eine Kurzzeitdeeskalation
       
       > Für die libanesische Bevölkerung wird das Abkommen über die Seegrenze und
       > die Gasförderung wenig ändern. Die Früchte erntet die korrupte Führung.
       
 (IMG) Bild: Israelischer Ministerpräsident Lapid unterzeichnet das Abkommen über die Seegrenze am 27. Oktober
       
       Dass Libanon und Israel ein Abkommen geschlossen haben, das ihre Seegrenze
       und die Verteilung von Erdgasvorkommen im Mittelmeer regelt, ist
       historisch. Die beiden Staaten befinden sich offiziell noch im
       Kriegszustand und unterhalten keine diplomatischen Beziehungen. Doch der
       Deal ist kein Heilsbringer. Zunächst profitieren zwei scheidende
       Machthaber: Israels Ministerpräsident Jair Lapid hofft, dass das Abkommen
       seine [1][Wiederwahl am Dienstag] unterstützt.
       
       Der libanesische Präsident Michel Aoun scheidet am Montag aus dem Amt – er
       verbucht den Abschluss als Erfolg seiner Amtszeit und hat die Sache
       geschickt seinen Widersachern entzogen, um seinen korrupten Schwiegersohn
       als Nachfolger zu begünstigen. Im Libanon ist das Abkommen ein Gewinn für
       die politische Klasse, aber ein Debakel für die Gesellschaft. Damit wird
       das Ansehen der korrupten Elite auf internationaler Ebene gefestigt; in
       Washington und Paris gilt Beirut anscheinend als zuverlässiger Akteur.
       
       Dabei hat die politische Führung eine der größten nicht nuklearen
       Explosionen der Geschichte und die [2][drittgrößte Wirtschaftskrise seit
       150 Jahren] zu verantworten. Der Deal bringt nicht gleich mehr Strom.
       Abgesehen davon, dass die Ressource nicht endlos ist und es mit Wind oder
       Solar weitaus nachhaltigere Lösungen gib – wie viele Gasvorkommen wirklich
       in dem Feld Kana liegen, ist unklar.
       
       ## Fragen nicht geklärt, sondern verschoben
       
       Libanon hat nicht mal angefangen zu bohren, und es wird Jahre dauern, bis
       das Gas gewonnen wird. Weil der Energiesektor der korrupteste Sektor im
       Libanon ist, wird das Geld ganz sicher in Scheinfirmen oder Unternehmen von
       Politikern landen. Hinzu kommt: Die wichtigsten wirtschaftlichen Fragen zur
       Gewinnbeteiligung sind nicht geklärt, sondern nur verschoben. Hier müssen
       die Länder weiter verhandeln.
       
       Immerhin bedeutet der Deal einen erheblichen Ansehensverlust für die
       schiitische Partei und Miliz Hisbollah. Libanon unterschreibt über die USA
       einen Vertrag mit einem Land, das Libanon offiziell nicht anerkennt. Die
       [3][Hisbollah] wird durch ihre Verbündete im Parlamentsblock, die Partei
       des Präsidenten Aoun, auf einmal zu einem Wirtschaftspartner mit Israel.
       Die Organisation dürfte ihre Mobilisierung an der Grenze beenden. Die
       libanesischen Streitkräfte werden nicht mehr auf einen Krieg vorbereitet.
       
       Das Abkommen ist eine Kurzzeitdeeskalation an der Grenze – es ist aber kein
       Friedensabkommen. Ein solches wäre mit der Hisbollah als Partei im Libanon
       nicht möglich. Die Miliz speist ihre Existenz daraus, „Widerstandskraft“
       gegen Israel zu sein. Die Normalisierung des Feindes würde das
       De-facto-Ende der Organisation bedeuten. Sie würde sich mit allen Mitteln
       gegen ein Friedensabkommen wehren.
       
       28 Oct 2022
       
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