# taz.de -- Umgang mit männlichen Küken: Tod im Ei
       
       > Niedersachsens Agrarministerin verkündet eine neue Methode, um männliche
       > Küken früher aussortieren zu können. Kritiker:innen überzeugt das
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: An der Geschlechtsbestimmung wird schon länger geforscht: Gerät auf einer Berliner Messe 2017
       
       Osnabrück taz | Hühner, die über die Wiese laufen, im Sand scharren? Im
       Massentierhaltungsland Niedersachsen ist eine solche Bauernhof-Idylle die
       Ausnahme. Agrarindustrielle Tierfabriken prägen das Bild, mit Megaställen
       für teils Hunderttausende Tiere. [1][Niedersachsen ist eine der größten
       Speisekammern Deutschlands,] die Landwirtschaft ist einer der zentralen
       Wirtschaftszweige, und Eier und Geflügelfleisch sind zwei der klassischsten
       Produkte.
       
       Viele Millionen Lege- und Masthühner leben und sterben hier, oft unter
       wenig artgerechten Bedingungen, damit wir Pudding essen können, Mayonnaise
       und Chicken Wings. Besonders prekär ist die Situation der männlichen Küken
       der Legehybridlinien, denn in der Geflügelindustrie gelten sie als wertlos:
       Sie legen keine Eier, und ihre Mast kostet mehr Zeit und Futter, produziert
       weniger Fleisch, das noch dazu schwerer zu vermarkten ist. [2][Viele werden
       daher getötet.]
       
       Früher kamen dabei Schredder und Gas zum Einsatz. Heute wird das Geschlecht
       des Kükenembryos schon im Ei bestimmt, denn seit Anfang 2022 ist in
       Deutschland das Töten geschlüpfter Küken [3][verboten]. Doch die
       Bestimmung, das sogenannte Ovo-Sexing, war bisher oft nicht vor dem siebten
       Bruttag möglich, der ab 2024 das Fristende für Geschlechtsuntersuchungen
       und Tötungen sein wird.
       
       Das soll sich jetzt ändern. Niedersachsens [4][Agrarministerin Barbara
       Otte-Kinast] (CDU) verkündet einen „Durchbruch beim Ausstieg aus dem
       Kükentöten“. Mit 248.000 Euro Fördergeld lässt ihr Ministerium derzeit ein
       Forschungsprojekt der Technischen Universität Dresden und Universität
       Leipzig in die Praxis überführen. Erprobt werden soll ein optisches
       Verfahren zur frühen spektroskopischen Geschlechtsbestimmung im Ei. Schale
       auf, Laser rein, Blutgefäß beleuchten, fertig. Ist es ein weibliches Tier,
       wird die Schale wieder verschlossen. Ist es ein männliches, folgt der Tod.
       
       Das Verfahren könne „bereits ab dem dritten Bruttag das Geschlecht im
       Hühnerei detektieren“, erklärt das niedersächsische
       Landwirtschaftsministerium. Das sei international einzigartig.
       Projektpartner dafür ist Agri Advanced Technologies (AAT) aus Visbek,
       spezialisiert auf die Entwicklung von Technologien für Geflügelzucht und
       -haltung. Schauplatz des Praxistests ist eine Modellanlage in der Brüterei
       Dorum im Landkreis Cuxhaven.
       
       Aber dient das Verfahren wirklich dem Tierwohl? Jan Peifer, Vorsitzender
       der Tierrechtsorganisation [5][„Deutsches Tierschutzbüro“] in Sankt
       Augustin, verneint. „Das ist lediglich ein Versuch, schön Wetter zu
       machen!“, sagt er der taz. Er sieht die Ministerin als landwirtschaftsnah:
       „Man ruht sich hier wieder mal auf vermeintlichen Erfolgen aus. Aber das
       ist reine Symptombehandlung. An die eigentlichen Ursachen des Übels kommt
       man so ja nicht heran.“
       
       Statt die Tötung humaner zu machen, findet Peifer, solle man lieber dafür
       sorgen, dass sie gar nicht erst stattfindet. „Was wir brauchen, ist ein
       konsequenter Systemumbau hin zu einer deutlichen Reduzierung tierischer
       Produkte.“ Zu Ende gedacht: Wer kein Tierleid will, muss aufhören, Tiere zu
       essen.
       
       Auch Miriam Staudte, Landwirtschaftssprecherin der niedersächsischen
       Grünen, ist skeptisch: „CDU-Ministerin Otte-Kinast versucht wenige Tage vor
       der Landtagswahl noch mal eine vermeintliche Erfolgsmeldung in den Medien
       zu platzieren“, sagt sie der taz. „Bislang hatte die Ministerin mit der
       Seleggt-Methode, die auf eine Erkennung nach dem siebten Bebrütungstag
       setzt, wenn die Embryonen schon Schmerz empfinden, definitiv auf das
       falsche Pferd gesetzt.“ Außerdem, so Staudte, „treten wir seit Jahren mit
       der Forschung zur Früherkennung auf der Stelle, und leider wurde dabei die
       Forschung zum Zweinutzungshuhn vernachlässigt.“
       
       Zweinutzungshuhn, das ist ein technokratisch klingender Begriff für ein
       Huhn, das jahrhundertelang Normalität in den Hühnerställen war: ein
       Haushuhn, das sowohl Eier legt als auch zum Schlachten geeignet ist. In
       Zeiten von Hochleistungszüchtungen muss man es neu erfinden.
       
       7 Oct 2022
       
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